«Gib mir Deutsch, ich gebe dir Wörter»

Um gegen Sparmassnahmen im Asylbereich zu protestieren, wurde der Waisenhausplatz zum Schulzimmer umfunktioniert. Der Migrationsdienst ist von den getroffenen Massnahmen aber noch immer «überzeugt».

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Ein Schüler steht vor seinen Mitschülerinnen und Mitschüler und schreibt mit Kreide an die Wandtafel. Eine Szene, wie sie sich täglich in hunderten Schulzimmern des Kantons abspielt. Doch dies ist kein gewöhnlicher Klassenraum, denn die Wandtafel und Schulbänke stehen unter freiem Himmel mitten auf dem Berner Waisenhausplatz.

Mit dieser öffentlichen Deutschstunde soll auf die Tatsache aufmerksam gemacht werden, dass Asylsuchende im Kanton Bern als Folge der Kürzung von Bundesmitteln nur noch während drei Monaten Deutschunterricht erhalten sollen. Der Bund hat seine Beiträge wegen des unterdurchschnittlichen Erfolgs des Kantons Bern bei der Integration von Asylbewerberinnen und Asylbewerben gekürzt.

Frustration bei Betroffenen

Die Frustration ob der Massnahmen – der gestrichene Deutschunterricht ist nur eine davon – sei bei vielen Asylbewerberinnen und -bewerbern gross, sagte ein auf dem Waisenhausplatz anwesender tibetischer Flüchtling gegenüber dem «Bund». Aus Angst vor negativen Folgen für das eigene Asylverfahren schreckten aber viele der Betroffenen davor zurück, in der Öffentlichkeit für ihr Anliegen zu demonstrieren. Dennoch folgen am Freitagnachmittag rund 100 Menschen, die Mehrheit davon Asylbewerber, dem Aufruf der Veranstalterin «Solidarité sans frontières». Beobachtet von interessierten Passanten schreibt rund ein Dutzend Asylbewerber Anliegen wie «Gib mir Deutsch, ich gebe dir Wörter» oder «Deutsch für alle» an die aufgestellte Wandtafel.

Ein Sparentscheid mit Folgekosten?

Manche Betreiber von Asylunterkünften finanzierten den Deutschunterricht nun aus den eigenen Geldreserven, weiss Moreno Casasola, Geschäftsführer von «Solidarité sans frontières». Die Betreiber selbst wollen sich nicht äussern – unter Verweis auf den Leistungsvertrag mit dem Kanton, der Aussagen gegenüber den Medien verbiete.

Ein in der Asylkoordination tätiger Mitarbeiter, der anonym bleiben will, sagt aber gegenüber dem «Bund», dass diese Kürzungen weitreichende Folgen hätten. So erschwerten mangelhafte Deutschkenntnisse den Einstieg in den Arbeitmarkt nach einem allfälligen positiven Asylentscheid massiv. Dadurch würden in der Folge auch die Sozialwerke belastet. Der Asylkoordinator bemängelt zudem die falsche Verwendung der Mittel: Diese würden unnötigerweise für Sicherheitskräfte ausgegeben, anstatt sie für Betreuung und Beschäftigungsmassnahmen zu verwenden.

Iris Rivas, Leiterin des Kantonale Migrationdienstes (MIDI), teilt auf Anfrage mit, man sei von den «Massnahmen noch immer überzeugt» und habe «Solidarité sans frontières» zu einem klärenden Gespräch eingeladen.

Selbsthilfe genügt nicht

Auf dem Waisenhausplatz wird der Schulunterricht plötzlich unterbrochen – eine «Sparmassnahme», wie sarkastisch mitgeteilt wird. Doch die Migranten wissen sich zu helfen: Mittels eines Sprach-Memorys bringen sie sich in der Folge gegenseitig Deutsch bei. Um sich einen rudimentären Wortschatz anzueignen, mag solche Selbsthilfe ausreichen. Um ein Vorstellungsgespräch erfolgreich zu absolvieren, dürfte ein professioneller Deutschunterricht aber auch in Zukunft nicht schaden. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.01.2014, 19:04 Uhr

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