«Für Bern-Belp ist keine Nische in Sicht»

Als Airline-Chef würde er von Linienflügen ab Bern vermutlich die Finger lassen, sagt Aviatikexperte Andreas Wittmer. Business- und Ferienfliegerei dürften für Bern wichtiger werden.

Gegroundete Skywork-Maschine – Bern-Belp dürfte für die Linienfliegerei ein schwieriges Terrain bleiben.

Gegroundete Skywork-Maschine – Bern-Belp dürfte für die Linienfliegerei ein schwieriges Terrain bleiben. Bild: Franziska Rothenbühler

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Herr Wittmer: Auch Skywork schaffte es nicht, in Bern längerfristig erfolgreich zu sein. Hat Sie das Grounding überrascht?
Ja und nein. Ja, weil Skywork wenige Tage zuvor angekündigt hatte, ab Oktober von Lugano nach Genf fliegen zu wollen. Nein, weil Skywork wie andere Regionalfluggesellschaften generell einen schwierigen Stand hatte im Verdrängungswettbewerb.

Was macht das Geschäft für die Kleinen so schwierig?
Easyjet etwa transportiert ab Basel deutlich über 100 Passagiere pro Flugzeug nach Brüssel, die Kapazität der Skywork-Flieger liegt unter 100 Plätzen. Die Grossen können von Skaleneffekten profitieren, da die Kosten auf eine grössere Anzahl Passagiere verteilt werden. Diesen Vorteil haben die Regionalfluggesellschaften nicht.

In Bern kommt erschwerend hinzu, dass die drei Landesflughäfen rasch und bequem erreichbar sind. Kann eine Linienfluggesellschaft hier überhaupt erfolgreich sein?
Auf jeden Fall ist es sehr schwierig. Möglich ist es nur, wenn man eine Nische findet. Ein gutes Beispiel ist der Regionalflugplatz St. Gallen-Altenrhein: Dank der Nähe zur Industrie in Vorarlberg und im Rheintal betreibt die lokale People’s-Airline hier erfolgreich die stark nachgefragte Linie nach Wien.

Welche Destination könnte für Bern eine solche Nische sein? Mit welchem Businessplan würden Sie als Airline-Chef hier antreten?
Ich würde vermutlich gar nicht antreten. Auf den ersten Blick sehe ich für Bern keine solche Nische. Selbst eine Verbindung Bern–Brüssel wäre vermutlich kaum wirtschaftlich zu betreiben, weil auch der Bund seine Mitarbeiter wohl zum günstigsten Preis in die EU-Hauptstadt fliegen lässt. Und den gibts eher via Zürich oder Basel.

Das heisst unter dem Strich, aus Bern können gar keine Liniendestinationen wirtschaftlich betrieben werden?
Das lässt sich so absolut nicht sagen, dazu braucht es detaillierte Marktanalysen. Eine Option könnten ein oder zwei täglich Zubringerflüge eines grossen Carriers an dessen Hub sein. Für die KLM etwa könnte sich die Strecke Bern–Amsterdam dank der Umsteigepassagiere im Interkontinentalnetz eher rechnen als für Skywork.

Könnte ein Billigflieger künftig Interesse an Bern zeigen?
Nein. Billigflieger setzen auf Masse, und die ist in Bern zu klein.

Beim Linienverkehr wird es also schwierig bleiben. Muss Bern-Belp zurückbuchstabieren und sich künftig auf die Charter- und die Businessfliegerei sowie die Hobbyflieger beschränken?
So weit würde ich nicht gehen. Es ist sicher sinnvoll, Optionen für Linienflüge wie die Anbindung an einen Hub weiter zu prüfen. Aber Bern tut auch gut daran, auf verschiedene Standbeine zu setzen. Saisonale Feriencharter sind dabei sicher erfolgversprechend, dafür gibt es in Bern genügend Nachfrage, wie das Beispiel Helvetic zeigt. Diese Flüge sind aber nur während weniger Monate im Jahr wirtschaftlich. Sie reichen nicht aus, um die Infrastruktur während des ganzen Jahres auszulasten. Die Business Aviation kann das aber etwas ausgleichen.

Die Flughafenbetreiberin will mithilfe der öffentlichen Hand mehr Businessflieger nach Bern bringen und plant den Bau eines Business Aviatons Centers. Eine sinnvolle Strategieam Standort Bern?
Businessflüge sind aus Sicht des Flughafens eine zentrale Chance. Getrieben durch die Flüge des Bundes und Besuche ausländischer Behörden ist dieses Standbein für Bern-Belp bereits heutige relativ wichtig.

Aber ist die Zahl international tätiger Unternehmen in der Region nicht zu klein?
Bern ist als Flughafen für alle Businesskunden interessant, die nicht weiter als eine Fahrstunde vom Airport domiziliert sind. Dazu gehört auch die international ausgerichtete Uhrenindustrie im Jurabogen.

Könnte Bern-Belp im Business-Bereich gar «Überlaufbecken» sein für das überlastete Zürich?
In Kloten finden Business-Jets zu gewissen Zeiten tatsächlich kaum mehr Slots. Manager, die heute nach Zürich fliegen, dürften aber kaum nach Bern ausweichen wollen.

Der Verwaltungsratspräsident des Flughafens Bern geht von einer Wertschöpfung von 200 bis 300 Millionen Franken aus, die in Zusammenhang mit dem Flughafen steht. Mit welchen Folgen rechnen Sie für die Wirtschaftsregion Bern, wenn die Skywork-Flüge nicht ersetzt werden können?
Solche Zahlen sind immer mit Unsicherheiten behaftet. So ist es etwa schwierig zu beurteilen, ob das Hotel X in Bern nicht auch ohne den Berner Flughafen den Umsatz Y erzielen würde. Die Umsätze, die direkt am Flughafen geschaffen werden, fallen im Vergleich zur Gesamtleistung der Berner Volkswirtschaft kaum ins Gewicht. Aber auch die indirekten Effekte sind limitiert.

Heisst das, es wäre gar nicht so schlimm, verlöre Bern tatsächlich alle Linienflüge?
Doch, es hätte sicher negative Auswirkungen. Viele Effekte einer guten Luftverkehrsanbindung sind nur schwer mess- und bezifferbar. Dazu gehört etwa der Image-Effekt. Was bedeutet es, wenn die Bundesstadt nicht mehr durch Linienflüge erschlossen ist? Die Frage kann eine Rolle spielen bei Standortentscheiden von Unternehmen oder Reiseveranstaltern und beeinflusst die Wirtschaftsstruktur einer ganzen Region.

Mit dem Grounding von Skywork verliert der Flughafen Bern einen Grossteil seiner Linienflüge: Was ist Ihre Meinung zum Grounding und zur Zukunft des Flughafens? Diskutieren Sie mit unter stadtgespraech.derbund.ch. (Der Bund)

Erstellt: 31.08.2018, 20:07 Uhr

Der 45-Jährige Andreas Wittmer ist Geschäftsführer des Center for Aviation Competence an der Universität St. Gallen. (Bild: zvg)

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