«Für Bern hat die Gurlitt-Geschichte erst begonnen»

Bernhard Pulver, Berns grüner Erziehungs- und Kulturdirektor, lobt die Smartphone-Jugend. Er will aber, dass Buben mehr lesen. Die historisch belastete Bildersammlung von Cornelius Gurlitt weckt in ihm «Lust».

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Was haben Sie Ihrem Göttikind zu Weihnachten geschenkt?
Das sage ich Ihnen nicht. Mein Götti­kind hätte keine Freude, wenn in der Zeitung stünde, was ich ihm geschenkt habe.

Unter Weihnachtsbäumen liegen jedes Jahr mehr Smartphones, von den Kindern sehnlichst gewünscht. Ist das eine schlimme Entwicklung?
Vor 20 Jahren wurde darüber geklagt, dass Kinder zu viel vor dem Fernseher sitzen. Wenn Kinder heute weniger TV schauen und mehr soziale Medien nutzen, ist das möglicherweise gar keine schlechte Entwicklung. Fernsehen ist Einweg-Kommunikation, bei sozialen Medien findet ein Austausch statt. Die Menschen haben die Tendenz, die jeweils aktuellsten Medien als besonders problematisch zu empfinden. Ich versuche in Entwicklungen, die sich nicht ändern lassen, auch Chancen zu sehen.

Das TV-Gerät stand an einem Ort, das Smartphone hat man immer dabei. Schon morgens vor der Schule sind Jugendliche auf ­Facebook oder Instagramm.
Die dauernde Verfügbarkeit ist ein Problem. Wir Erwachsene sind aber nicht besser, auch wir meinen, dauernd erreichbar sein zu müssen.

Viele Eltern drehen durch, wenn die Kinder ständig an Geräten herumfingern.
Wir müssen mit den Jugendlichen darüber reden, wie man sinnvoll mit den neuen Möglichkeiten umgeht. Immer verfügbar zu sein und chatten zu müssen ist für viele Kinder und Jugendliche eine Belastung. Wie immer bei neuen technischen Entwicklungen neigen die Nutzer am Anfang dazu, es zu übertreiben. Das wird sich aber legen.

Erleben wir, wie sich das kommunikative Verhalten verändert? Sind die heutigen Jugendlichen im ­Umgang miteinander gehemmter oder offener als Sie und Ihre ­Kollegen es in der Jugend waren?
Ich habe den Eindruck, dass die ­Jugendlichen heute in vielen Themen kommunikativ kompetenter sind als wir damals. Geht es zum Beispiel um die Rolle der Geschlechter, die soziale Herkunft oder die Familienform, reden sie lockerer miteinander.

Verludert der Schreibstil wegen der SMS-Sprache und Schwyzerdütsch-Dominanz?
Laut Forschern kann es die Sprachkompetenz fördern, wenn man Grammatikregeln durchbricht und «­Gömmer Migros» schreibt, also mit Sprachfehlern ausländischer Jugendlicher spielt. Solche Fehler, aber auch Abkürzungen und quasi-phonetische Schreibweise schärfen ironischerweise das Bewusstsein für die eigentlichen Sprachregeln. Jedenfalls höre ich Lehrpersonen selten klagen, dass die Sprache der Schüler leide.

Aber manche Lehrer beklagen sich über die Eltern. Sind diese das Problem der heutigen Schule?
Man hört von überengagierten oder gar aggressiven Eltern, die den Lehrern das Leben schwer machen. Aber das sind Einzelfälle. Sorgen bereiten mir jene Eltern, die sich nicht für die Schule interessieren. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich will nicht Eltern, die mit Drill ihre Kinder antreiben. Aber es ist wichtig, dass sie die Kinder fragen, was in der Schule läuft, und Interesse zeigen. Heute essen viele Familien nicht mehr täglich zusammen. So fehlt schon nur der Ort für Gespräche, die für die Motivation und Entwicklung der Sprache und der sozialen Kompetenz wichtig sind.

Ist das ein Ausländerproblem?
Nicht nur. Auch in Schweizer Familien haben grössere Probleme häufig damit zu tun, dass minimale Familienstrukturen fehlen.

Ist es schwieriger geworden, Eltern zu sein?
Noch vor 100 Jahren waren Kinder eine Art Altersvorsorge. Sie assen, was auf den Tisch kam, und lernten den gleichen Beruf wie der Vater. Heute sind Kinder für viele Eltern ein Lebensprojekt. Man will ihnen unbedingt gerecht werden. Das Kind soll die allerbesten Bedingungen haben und einen Beruf finden, der genau zu ihm passt. An sich ist das eine positive Entwicklung. Aber gleichzeitig sind mit dieser Individualisierung die Ansprüche der Eltern, der Schüler und auch der Bildungspolitiker enorm gestiegen. Das erschwert das Unterrichten und die Erziehung zu Hause. Einige Eltern überfordern sich und ihre Kinder mit ihren hohen ­Ansprüchen.

Wenn ihr Kind schulisch nicht brilliert und bei der Berufswahl keinen Ehrgeiz zeigt, sind solche Eltern niedergeschmettert.
Es ist falsch, Kinder unter Druck zu setzen, dass sie unbedingt in die Sekundarschule oder später ins Gymnasium gehen sollen. Heute sind die Möglichkeiten für jene, die den Knopf später auftun, viel grösser als noch vor 30 Jahren, als der Entscheid zwischen Berufsbildung und akademischer Schiene relativ definitiv war. Heute können Eltern ihren Kindern mit gutem Gewissen sagen: Du kannst eine Berufslehre machen oder eine schulische Ausbildung – deine Berufschancen sind auf beiden Wegen intakt. Nach einer Lehre ­können Jugendliche die Berufsmatur machen und sich vielfältig weiterentwickeln.

Sie selber haben keine Kinder. Wenn Sie welche hätten: Wäre es besser, sie wären 1965 oder 2014 geboren worden?
Die Welt wird nicht schlechter, nur anders. In unserem Land ist das Leben besser geworden. Die Gesellschaft ist weit offener als Anfang der 1970er-Jahre. Ich lebe mit einem Partner und habe das besonders erlebt. Dass zwei Männer heiraten, war damals eine Utopie. Heute ist die Homo-Ehe in vielen Ländern Realität, in der Schweiz gibt es für gleichgeschlechtliche Paare die ­registrierte Partnerschaft.

Ob homo- oder heterosexuelle Eltern: Oft sind es die Buben, die in der Schule Probleme haben. Sie haben versprochen, sich der «­Bubenproblematik» anzunehmen.
Es ist positiv, dass Mädchen im Bildungssystem an Bedeutung gewonnen haben. Auch Feministinnen haben aber immer verlangt, dass wir auch über die männliche Rolle reden müssen. Buben sind energiegeladener und haben in der Tendenz mehr Bewegungsdrang als Mädchen. Eine Schlägerei auf dem Pausenplatz ist heute aber tabu.

Sie plädieren für Schlägereien?
Nein. Aber für mehr Bewegung. Kürzlich habe ich eine Schule im Seeland besucht, wo die Schüler die Verben in der Turnhalle konjugieren, zu bestimmten Positionen, beispielsweise hüpfend. Ein anderes Schulhaus hat eine Rauf-Zone eingerichtet. Wie klug das ist, weiss ich nicht. Aber man muss Verschiedenes ausprobieren. Wir müssen die Buben auch wieder mehr zum Lesen bringen. Am Ende des sechsten Schuljahres haben Buben in Deutsch ein Jahr Rückstand auf die Mädchen.

Lesen Mädchen wirklich mehr?
Ja. Buben haben keine Lesevorbilder mehr. Früher war ein reicher, mächtiger Mann, der in seinem Raucherzimmer einen Klassiker liest, ein Vorbild. Heute ist der reiche mächtige Mann jener, der als Banker im Flugzeug in der Welt herumfliegt – ein Buch hat er nicht dabei. Wir können nicht eine Generation von Männern mit schwacher Deutschkompetenz heranziehen. Immerhin haben die Männer immer noch einen sehr grossen Einfluss in unserer Gesellschaft.

Die Mädchen sind besser in der Schule, doch am Schluss werden die Buben Chef und verdienen mehr.
Das hat auch mit Erwartungshaltungen zu tun. Gegenüber Mädchen heisst es schnell: Du musst viel leisten, damit du etwas erreichst. Bei Buben sagt man: Du machst deinen Weg sowieso. Aber das ist gefährlich. Wir müssen das Bewusstsein stärken, dass auch die Buben einen guten Bildungsrucksack brauchen.

Was in diesen Rucksack gehört, darum dreht sich der Streit um den Lehrplan 21. Warum soll die Schule verstärkt Kompetenzen statt ­Wissen vermitteln?
Um den Begriff Wissen sind Missverständnisse entstanden. In der Schule muss es immer um Wissensvermittlung gehen. Aber es ist sinnlos, die Schüler wie Vasen abzufüllen. Sie müssen das Wissen anwenden können. Schule bedeutet vor allem, ein Feuer weiterzugeben und Interesse zu wecken. Schüler sollen lernen, Fähigkeiten zu entwickeln. Solche Kompetenzen helfen ­ihnen, später im Leben zu bestehen.

Von 100 Prozent Wissen, das an der Schule vermittelt wird, bleiben laut einer Studie 2 Prozent hängen.
Das ist wohl schon so. Wobei ich hoffe, dass doch etwas mehr als 2 Prozent haften bleiben. Meine Generation hat in der Schule zu viel Wissen eingetrichtert bekommen. Wenn ich daran denke, was ich alles vergessen habe aus meinem Geschichtsunterricht! Wir haben Schlachtendaten auswendig gelernt. Man hat mir aber nicht geholfen zu verstehen, was das Konstrukt Schweiz ausmacht und wie es sich entwickelt hat.

Lernen die heutigen Schüler ­besser, die Schweiz zu verstehen?
Das ist für mich im Einzelnen schwer zu beurteilen. Im neuen Lehrplan sagen wir aber, dass die Schülerinnen und Schüler die grossen Linien und besonderen Momente unserer Geschichte kennen und verstehen sollen. Dazu gehören auch die relevanten Jahrzahlen wie 1291, auch wenn dieses Datum als geschichtliche Realität umstritten ist, 1798, 1815 oder 1848.

Sie finden, dass Noten weniger Gewicht haben sollen. Wäre das tatsächlich die richtige Antwort auf die heutige Arbeitswelt, wo der Leistungsdruck enorm ist?
Ich wollte damit nur sagen, dass noch verstärkt andere Instrumente entwickelt werden müssen, um die Leistungen der Schüler zu beurteilen. Dass ab dem dritten Schuljahr auch mit Noten beurteilt wird, daran wird sich nichts ändern. Aber braucht es in der Oberstufe wirklich halbjährlich ein Zeugnis mit Noten und Schullaufbahnentscheid? Wir sollten den dauernden Selektionsdruck wieder reduzieren.

Sitzen die Schüler in der Schule von morgen immer noch am Pult und spulen im 45-Minuten-Takt Lektionen ab?
In der Schule von morgen sollten die Kinder ihre Ressourcen besser einbringen können. Kürzlich schlugen zwei Schüler in einer Arbeitsgruppe unserer Direktion vor: In jeder Klasse könnte ein Schüler oder eine Schülerin als Mediencoach wirken, weil die Jugendlichen bei diesem Thema oft besser im Bild sind als Lehrpersonen. Ich kann mir auch eine Renaissance der Mehrjahrgangsklassen vorstellen. Wenn drei Jahrgänge vereinigt sind, dann wechselt immer nur ein Drittel der Schüler. Wenn die neuen Schüler kommen, können ihnen die bisherigen Schüler die Klassen­regeln erklären, sie in die Klassenstimmung einführen und teilweise beim Vermitteln des Schulstoffs helfen. Das entlastet die Lehrer. Wir können in absehbarer Zeit nicht mit mehr Geld für zusätzliche Lehrer rechnen.

Sie sind nicht nur Schul-, sondern auch Kulturminister. Was bedeutet die Annahme des Gurlitt-Erbes für Stadt und Kanton Bern?
Die Schweiz betrieb in der Zeit des ­Nationalsozialismus mit Deutschland wirtschaftlichen Handel und auch Kunsthandel. Mit dem Erbe von Cornelius Gurlitt ist jetzt Bern wie die Jungfrau zum Kind zu einem Stück historischer Verantwortung gekommen. Hätten wir die Sammlung nicht angenommen, könnte Deutschland einen Teil seiner Geschichte nicht aufarbeiten. Die Bilder wären an private Erben gegangen und am Schluss wohl in den Kunsthandel gelangt. Jetzt ermöglichen wir eine geordnete Rückgabe von Raubkunst und erhalten die Chance, auch die anderen Bilder in dieser Sammlung, darunter entartete Kunst, als Teil einer Geschichte kenntlich zu machen.

Besteht nicht die Gefahr, dass sich Bern und das Kunstmuseum mit dem Umgang des brisanten Erbes international blamieren?
Sehr viele Leute wollen mithelfen, dass die Sache gut herauskommt. Noch haben wir die Strukturen für die breite Zusammenarbeit nicht. Aber ich glaube, da wird sich in den nächsten Jahren ­etwas Spannendes entwickeln.

Kunstexperten haben hohe ­Erwartungen: Sie als zuständiger Regierungsrat sollen die Gurlitt-Chance packen und Bern als Kompetenzzentrum für Provenienz-­Forschung profilieren.
Wir werden diese Idee aufnehmen. Wir können uns nicht vor der uns zugefallenen Verantwortung drücken. Wir haben aber auch Lust darauf, diese Aufgabe anzupacken. Zuerst richtet jetzt das Kunstmuseum eine Forschungsgruppe ein, die Provenienz-Forschung zur ­Gurlitt-Sammlung betreibt. Damit ist es aber nicht getan, es braucht weitere Schritte.

Was muss danach folgen?
Anschliessend muss es darum gehen, mit der geschichtlichen Situation dieses Erbes richtig umzugehen. Wie ist diese Kunstsammlung überhaupt entstanden? Was genau ist entartete Kunst? Hier wird die Universität Bern mithelfen. Auch verschiedene Stiftungen sind bereit, die Aufarbeitung der Geschichte zu unterstützen. Zudem hat auch der Bund hat eine Fachstelle für Raubkunst. Bisher zeigt er zwar wenig Interesse mitzuhelfen. Aber auf Dauer kann sich der Bund nicht heraushalten.

Das Kunstmuseum will offenbar keine eigenständige Gurlitt-­Ausstellung, sondern die Bilder in bestehende Ausstellungen hängen.
Es ist richtig, nicht eine separate Gurlitt-Dauerausstellung ins Auge zu fassen. Aber das Konglomerat Gurlitt und die Sammlung der entarteten Kunst sollen als solche sichtbar sein und ein klares Profil erhalten. Das wäre schon nur mit Blick auf die zu erwartenden Besucherströme sinnvoll. Es ist aber auch im Kontext der geplanten wissenschaftlichen Aufarbeitung des Erbes richtig. Mit der Annahme des Erbes hat die Gurlitt-Geschichte für Bern erst begonnen. Wir begeben uns jetzt auf einen langen Weg. (Der Bund)

Erstellt: 30.12.2014, 07:09 Uhr

Wie wird Bern mit dem Gurlitt-Erbe umgehen?

Seit Anfang Dezember klar wurde, dass das Kunstmuseum Bern das umstrittene Erbe des deutschen Kunstsammlers Cornelius Gurlitt annehmen wird, steht das Museum und mit ihm die kantonalbernische Kulturpolitik unter internationaler Beobachtung.

Mögliche juristische Prozesse um die Herkunft der teils aussergewöhnlichen Bilder im Nachlass des verstorbenen Gurlitts sind bereits angekündigt worden. Der Jüdische Weltkongress verfolgt den Ablauf aufmerksam. Die internationale Kunstszene ebenso. Die Umsetzung der Vereinbarung zwischen dem Kunstmuseum Bern, dem deutschem Staat und dem Freistaat Bayern hat bereits begonnen. In den nächsten Monaten werden die ersten Gemälde und Zeichnungen in Bern eintreffen. Wie wird das Kunstmuseum damit umgehen? Wird auch die Universität Bern ihren Beitrag zur Provenienzforschung leisten können? Wie viel wird die Bewältigung dieses Erbes den Kanton Bern, der im Stiftungsrat des Kunstmuseums vertreten ist, am Schluss kosten?

Was bringt 2015?

Vor dem Jahreswechsel spricht der 
«Bund » in fünf Interviews 
mit prägenden Köpfen aus Politik, 
Wirtschaft und Kultur über drängende Fragen und grosse Herausforderungen. 

Bereits erschienen:

Martha Nussbaum, über Obama und die USA
, 24. Dezember

Micheline Calmy-Rey, über Europa und die Welt, 27. Dezember

Severin Schwan, über Gesundheit und Krankheit, 29. Dezember

Letzte Folge:

Uli Sigg, über China, Hongkong und Kunst, 31. Dezember

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