Freundlich im Ton, hart in der Sache

Aller Voraussicht nach wird die Berner SP-Nationalrätin Evi Allemann am Samstag zur Präsidentin des grünen Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS) gewählt. Die Verkehrs- und Sicherheitspolitikerin ist ein sicherer Wert.

Von ihrer Sache überzeugt, aber zurückhaltend im Auftritt: VCS-Präsidiums-Kandidatin Evi Allemann.

Von ihrer Sache überzeugt, aber zurückhaltend im Auftritt: VCS-Präsidiums-Kandidatin Evi Allemann. Bild: Manu Friederich

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Im Parlamentarierrestaurant Galerie des Alpes im Bundeshaus wird Evi Allemann vom früheren Armeechef Christophe Keckeis und SVP-Nationalrat Jean-François Rime angesprochen. Die beiden wollen von der SP-Nationalrätin den Termin der Gripen-Debatte wissen. Freundlich gibt sie ihnen Auskunft. Auch rechte Männer mögen die adrette Bernerin. «Sie ist menschlich sehr angenehm», sagt SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner. Der Transportunternehmer und Strassenlobbyist fügt aber an: «Sie wirkt lieblich, ist aber sehr konsequent. Sie steht klar auf der anderen Seite.»

Allemanns Selbsteinschätzung deckt sich mit jener ihres Gegners. «Es braucht Leute, die hart in der Sache sind, aber umgänglich im Ton», sagt sie. Dies als Antwort auf die Frage, ob sie nicht ein wenig zu nett und brav sei, um den Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) zu präsidieren. Der mitgliederstarke VCS ist eine der wichtigsten rot-grünen Lobby-Organisationen. Und immer wieder gerät er ins Visier von Bauherren von Grossprojekten und Autofahrern. «Wer von beiden ist autofeindlicher?», fragte etwa der «Blick» zu den beiden Kandidatinnen für das VCS-Präsidium. Aline Trede, seit kurzem Nationalrätin der Grünen und ebenfalls aus der Stadt Bern, versuchte die Boulevardjournalisten mit dem kecken Bekenntnis zu gewinnen, auch sie fahre gerne Auto. Sie brauche keinen Fahrausweis, sagte Allemann hingegen unbeirrt. Das «Blick»-Publikum war von keiner beeindruckt. Ein wütender Leser forderte gar die Auflösung des VCS.

Allemann ist die Favoritin

Aber Allemann blieb sich treu, während Trede sich originell, aber erfolglos anbiederte. «Glaubwürdigkeit ist eine harte Währung in der Politik», sagt Allemann. Dafür nimmt sie in Kauf, dass ihre Beständigkeit zusammen mit ihrer Freundlichkeit ein wenig bieder wirken – vor allem im Vergleich zu den kleinen Feuerwerken, mit denen Trede selbst ein nicht grünes Publikum zu unterhalten weiss. Trede ist mit 29 Jahren gar nicht so viel jünger als die 34-jährige Allemann. Aber Allemanns Politkarriere verlief schneller. Sie wurde bereits 2003 in den Nationalrat gewählt.

Obwohl viele VCS-Delegierte den Grünen von Trede nahestehen, dürften die Delegierten heute in Bern Allemann zur Präsidentin wählen. Nach der einstimmigen Wahlempfehlung durch Findungskommission und VCS-Vorstand ist sie klar die Favoritin. Allemanns Kapital sind ihre gute Vernetzung in der schweizerischen Politik und ihre langjährige Erfahrung als Verkehrspolitikerin. Seit 2004 sitzt die SP-Nationalrätin – mit kurzen Unterbrüchen – in der entscheidenden Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen (KVF). Also dort, wo um die Grundzüge der Verkehrspolitik gerungen und um die Verteilung der Mittel für Strassen und öffentlichen Verkehr geschachert wird. Auch Trede war zwar vier Jahre lang als Kampagnenleiterin für den VCS tätig und engagierte sich bei den Grünen in der Verkehrspolitik. Sie verliess den VCS allerdings nicht ganz freiwillig.

Altes Anliegen Roadpricing

Allemann andererseits war medial in den letzten Jahren vor allem als Kritikerin von neuen Kampfflugzeugen präsent. «Kampfjets sind für die Medien offenbar interessanter», sagt sie. Für sie selbst ist Verkehrspolitik mindestens so spannend. «Ich habe sehr lokal angefangen und den lokalen Bezug zur Verkehrspolitik nie verloren.» Von 2004 bis 2011 präsidierte Allemann den Berner Verein Läbigi Stadt, eine Art Miliz-Thinktank zu städtischen Verkehrsfragen. Ein Hauptanliegen des Vereins, das Roadpricing (eine Abgabe für die Benutzung überlasteter urbaner Strassen), hat sie in den Nationalrat getragen. «Roadpricing ist mit meinem Namen verbunden», sagt Allemann – und erschrickt fast ein wenig über das Eigenlob. Mit einem Fünfliber pro Tag und Auto für eine Fahrt in der Kernagglomeration Bern ginge der Autoverkehr um knapp einen Fünftel zurück, hat eine Studie gezeigt. Kanton, Regionalkonferenz und Stadt Bern gingen auf das Anliegen ein, sie wären bereit zu einem Versuch.

Doch es fehlt die Bewilligung des Bundes. Statt eines Roadpricing-Versuchs will der Bundesrat ein flächendeckendes Mobilitypricing einführen, das auch stark belastete ÖV-Verbindungen einbezieht. Allemann ist zuversichtlich: «Mobilitypricing ist kein linkes Thema mehr, es ist allgemein akzeptiert, dass das heutige System der Verkehrsfinanzierung an seine Grenzen gerät.»Als VCS-Präsidentin wird Evi Allemann allerdings zuerst auf anderem Weg für mehr Geld für den Ausbau des öffentlichen Verkehrs kämpfen – dazu verlangt eine Volksinitiative des VCS die Hälfte der Treibstoffzollgelder. Im Parlament kämpft sie für Lösungen, die dem Anliegen der Initiative entgegenkommen.

Anstand im Abstimmungskampf

Ob Parlamentsbeschluss oder Initiative – früher oder später steht ein harter Abstimmungskampf an, der im Wesentlichen zwischen Autoverbänden und dem VCS ausgetragen werden wird. Dann wird Allemann zeigen müssen, dass sie nicht nur eine fleissige, sachkundige und gut vernetzte Parlamentarierin ist, sondern auch eine gute Abstimmungskämpferin.

Sie traue sich dies zu, sagt Allemann. Auch wenn sie sogar beim Thema Abstimmungskampf den Anstand betont. «Ich bin nicht bereit, auf die Person des Gegners zu spielen oder Fakten so weit zu dehnen, bis sie passen.» (Der Bund)

Erstellt: 20.04.2013, 08:17 Uhr

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