Französisch soll beim Sek-Übertritt keine Rolle mehr spielen

Eine Motion der SP will Französisch als Selektionsfach abschaffen. Damit nimmt die Partei eine Diskussion vorweg, die bei der Einführung des Lehrplans 21 in allen Fächern nötig werden wird.

Die SP will das Französisch als Selektionsfach an Bedeutung verliert.

Die SP will das Französisch als Selektionsfach an Bedeutung verliert. Bild: Valérie Chételat

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Dieser Tage gilt es ernst für das neue Französisch-Lehrmittel «Mille Feuilles»: Im nächsten Sommer kommen die ersten Klassen, die es benutzen, in die Sekundarschule. In der Praxis zeigen sich jetzt aber erste Schwierigkeiten: Den Lehrpersonen fehlen mit dem neuen Lehrmittel die Grundlagen für die Selektion beim Sek-Übertritt. Die Lehrpersonen würden dadurch überfordert und «leiden unter starkem Stress», schreibt die SP-Grossrätin Eva Baltensperger in einer dringlichen Motion. Darin verlangt sie, dass der Selektionsentscheid für den Übertritt in die Sekundarschule nicht mehr von der ersten Fremdsprache abhängig gemacht werden soll.

Umstrittene Motion

SP-Grossrat Roland Näf ist Schulleiter in Muri und kennt die Probleme aus der Praxis: Das neue Lehrmittel sei zwar sehr lobenswert, aber es stehe der aktuellen Selektionspraxis diametral entgegen. «Mille Feuilles» sehe keine Bewertung durch Noten nach dem jetzigen System vor. Trotzdem müssten die Lehrpersonen für den Sek-Übertritt eine Empfehlung abgeben. «Dadurch werden die Lehrpersonen zu absurden Dingen gezwungen, etwa dazu, wieder Wörtlitests durchzuführen.» Und das, obwohl genau dies nicht mit dem neuen Lehrplan vereinbar sei. Der ganze Selektionsprozess sei einer der wichtigsten Gründe für die häufigen Burn-outs bei Lehrpersonen, sagt Näf. Die neuen Schwierigkeiten im Fach Französisch verschärften die Situation weiter.

Erwin Sommer, Vorsteher des Amts für Kindergarten, Volksschule und Beratung, weist die Vorwürfe zurück. Er betont, man habe das Problem schon länger erkannt: «Wir haben den Lehrpersonen Beurteilungshilfen, Beurteilungsbeispiele, unentgeltliche Unterlagen und Weiterbildung an der Pädagogischen Hochschule angeboten.» Man werde nun an einem Detailfehler auf­gehängt. Ob die SP-Motion zielführend sei, will Sommer nicht beurteilen.

Nur noch zwei Fächer

Motionärin Eva Baltensperger ist auch Präsidentin des Vereins «Volkusschule ohne Selektion». Ihr Vorstoss dürfte daher auf die vollständige Abschaffung der Selektion in der Schule abzielen. Baltens­perger sagt: «Sollte auf die Motion ein­getreten werden, müsste die selektionsfreie Schule neu diskutiert werden.»

Die Umsetzung der Motion hätte aber noch weitere Folgen. Schülerinnen und Schüler würden nur noch aufgrund der Leistungen in Deutsch und Mathematik für die Sekundarschule selektioniert. Baltensperger sagt: «Im Moment haben wir keine andere Wahl. Es wäre eine Übergangslösung.» SVP-Grossrätin Käthi Wälchli ist Mitglied der Bildungskommission und hält nichts von Baltenspergers Vorstoss. «Irgend­eine Bewertung beim Französisch muss sein», sagt Wälchli. In der Berufs­schule werde das Konzept der Kompetenzorientierung wie beim Lehrmittel «Mille Feuilles» schon länger erfolgreich angewendet. Man müsse einfach die Kompetenzen auf Noten umrechnen. Wälchli lehnt die selektionsfreie Schule grundsätzlich ab. Sie fürchtet, dass Baltenspergers Motion auch ein Präjudiz schaffen könnte.

Spätestens bei der Umsetzung des Lehrplans 21 wird es nämlich erneut eine Diskussion über die selektionsfreie Schule geben – in allen Fächern. Denn das kompetenzorientierte Konzept des Lehrplans 21 widerspricht der aktuellen Benotungspraxis grundsätzlich. Die Erzie­hungsdirektion will dazu noch keine Stellung beziehen. «Wir werden diese Frage sorgfältig prüfen», sagt Amtsvorsteher Sommer.

Sollte der Grosse Rat die Motion überweisen, wäre das nicht nur ein erster Schritt in Richtung selektionsfreie Schule, sondern könnte auch die frankofone Schweiz vor den Kopf stossen. Mehrere Kantone wollen das Frühfranzösische abschaffen und haben damit den Fremdsprachenstreit erneut angefacht.

«Stärkung des Französischen»

Und nun soll der zweisprachige Kanton Bern Französisch als Selektionsfach abschaffen? Motionärin Eva Baltensperger sähe darin kein Problem: «Mit der Motion würden wir ein Zeichen für die Stärkung des Französischen setzen.» Denn mit «Mille Feuilles» habe man es geschafft, die Lust am Französischlernen zu vergrössern. Mit dem Verzicht von Französisch als Selektionsmittel könne man die positive Haltung gegenüber der Mehrsprachigkeit in unserem Kanton stärken. Ausserdem würde mit der Motion ja auch im französischsprachigen Teil des Kantons Deutsch als Selektionsfach abgeschafft. (Der Bund)

Erstellt: 19.11.2014, 08:12 Uhr

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