Filmpremiere im Gefängnis

Anfang September kommt Dieter Fahrers Film «Thorberg» in die Kinos. Für die Hauptdarsteller, die Thorberg-Insassen, hat die Filmpremiere schon stattgefunden.

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Der Personalausweis gilt als Pfand. Wenn man ihn später beim Ausgang wieder gegen die Besucherkarte eintauscht, öffnet sich das Tor - und man ist wieder draussen. Frei. Man lässt den Thorberg wieder hinter sich. Für andere dauert der Aufenthalt länger. Meist Jahre. 180 Männer aus 40 Nationen sind hier inhaftiert. Gewaltverbrecher, Rückfällige, Gemeingefährliche. Und die Gesellschaft ist froh, nichts mit ihnen zu tun zu haben, sie sicher eingesperrt zu wissen.

Doch was heisst das? Was heisst das für sie, die Häftlinge? Für das Gefängnispersonal? Für «uns» - die Gesellschaft? Was heisst es mit Blick auf Artikel 75 des Schweizerischen Strafgesetzbuchs, welcher vorschreibt, der Strafvollzug habe «das soziale Verhalten der Gefangenen zu fördern, insbesondere deren Fähigkeit straffrei zu leben»? Was heisst das für die Menschen hier? Für die Bewältigung ihres Alltags auf dem Thorberg?

Der Hof als zentraler Schauplatz

Der Berner Filmemacher Dieter Fahrer hat sich Zeit genommen, um Antworten auf diese Fragen zu finden. Viel Zeit. Drei Jahre (davon sieben Monate Dreharbeiten) hat er eingesetzt, um das Innenleben des Thorbergs auszuleuchten. Und auch das Innenleben der Männer, die hier für ihre Gewalttaten sühnen müssen. Sieben Insassen aus sieben Nationen hat er porträtiert, 150 Stunden Film hat er abgedreht, 105 Minuten dauert nun sein Werk. Und so klar, direkt und schnörkellos wie der Film ist auch sein Titel: «Thorberg».

An diesem warmen Sommernachmittag wird der Film in einer Vorpremiere den Hauptdarstellern, den Thorberg-Insassen, präsentiert - bevor er am 6. September in die Kinos kommen wird. Neben dem Eingang in die «Kapelle» steht ein prächtiger Sonnenblumenstrauss. Vor den Fenstern des Schlosses, des Verwaltungsgebäudes auf der andern Seite des Innenhofs, leuchten rote Geranien. Neben der Kapelle wird der Blick frei auf den Spazierhof - und über die mit messerscharfem Draht gesicherten Mauern hinweg auf die Emmentaler «Höger». Der Hof wird im Film ein zentraler Schauplatz sein.

Die Aufführung vor den Insassen sei für Fahrer das Schönste

Die nun gruppenweise eintreffenden Häftlinge scheinen sich auf die filmische Abwechslung in ihrem straff geregelten Tagesablauf zu freuen. Viele gehen auf Dieter Fahrer zu, drücken ihm die Hand, wechseln ein paar Worte mit ihm, lachen. Und Direktor Georges A. Caccivio muss für seine kurze Begrüssung nicht lange warten, bis das allgemeine Gemurmel im Saal verstummt ist. «Es erwartet Sie kein klassischer Knastfilm», sagt er, «es gibt da keine Sheriffs mit Colts.

Aber Sie werden ein gutes Abbild der Wirklichkeit auf dem Thorberg sehen - den Vollzug, dargestellt mit Insassen.» Mit Applaus wird Dieter Fahrer begrüsst. Er dankt für das Vertrauen, das man ihm geschenkt habe. Und meint: «Diese Vorführung hier, bei euch - das ist für mich als Filmemacher das Schönste.»

«So gut wie tot»

Der Film dauert also 105 Minuten - eindrückliche und auch beklemmende Minuten. Auch für die Insassen. Sie sitzen da, aufmerksam, manchmal kichern oder lachen sie, wenn einer von ihnen neu ins Bild kommt. Doch meist ist es mucksmäuschenstill im Saal. Alle schauen gebannt hin, wenn wieder einer seine Geschichte erzählt - eine Geschichte, die vielleicht auch ein bisschen ihre Geschichte sein könnte. Sie reagieren nachdenklich, wenn einer zum Beispiel eingesteht, statt «eine Frau umzubringen» hätte er «coolere» Möglichkeiten gehabt, um 20 000 Franken zu verdienen. Oder wenn einer klagt: «Es ist alles durcheinander hier, wie in einer anderen Welt.»

Oder wenn einer erzählt, er habe «davon geträumt, der beste Vater zu sein» - doch aus diesem Traum sei «ein Albtraum geworden». Oder wenn einer betont, «nicht nur eine aggressive, sondern auch eine romantische Seite» zu haben. Oder wenn einer sagt, er habe es gut gehabt in der Schweiz - «bis zum Fall». Oder wenn einer versucht, «fröhlich zu sein, guter Dinge» - und gleichzeitig realisiert, sein Leben verwirkt zu haben: «Ich habe jemanden umgebracht. Ich bin so gut wie tot.» Oder wenn einer anmerkt: «Man spricht von Resozialisierung. Aber man tut nichts dafür.»

«Ein ehrlicher Film, der nichts beschönigt und nichts dramatisiert»

Nach dem Film scheint die Stimmung anders zu sein als vor dem Film. Gedrückter. Ruhiger. Nachdenklicher. Der Film ist eben, wie Caccivio es gesagt hat, kein Knast- oder Gangsterfilm gewesen. Kein billiger, effekthascherischer Unterhaltungsstreifen. Nein: Was da gezeigt worden ist, ist ihr Thorberg. Das, was für sie derzeit Wirklichkeit ist - ein Leben mit rauen und harten Seiten, mit Unzulänglichkeiten und Ungewissheiten, mit Momenten der Reue, der Wut, der Resignation. Und mit vielen offenen Fragen - mit Blick in die unabänderliche Vergangenheit und mit Blick in die ungewisse Zukunft.

Beim Hinausgehen verabschieden sich viele bei Dieter Fahrer. Und dieser klopft dem einen oder andern auf die Schulter. Er sagt: «Diese Reaktionen von Insassen berühren mich. Es freut mich, dass mehr als die Hälfte von ihnen sich den Film angeschaut hat. Und es hat mich beeindruckt, wie ruhig und konzentriert sie dabei gewesen sind.» Die ersten Reaktionen der Insassen seien jedenfalls positiv. Viele sähen den Film «als eine Art Brücke zur Aussenwelt». Und sie attestierten ihm, ehrlich zu sein, nichts zu beschönigen und nichts zu dramatisieren.

Alles andere als eine Kuscheljustiz

Ursula Wyss, die eineinhalb Tage pro Woche als Gefängnisseelsorgerin auf dem Thorberg verbringt, ist beeindruckt von der Haltung und der Arbeitsweise des Filmteams um Dieter Fahrer: «Sie sind gekommen, haben sich umgeschaut und nochmals umgeschaut. Und zugehört. So geben sie nun wirklich das wieder, was die Insassen sagen und was sie empfinden. Für mich ist der Film extrem direkt - und gerade wegen seiner unspektakulären Art auch sehr berührend.»

Für Thorberg-Direktor Georges A. Caccivio ist der Film «ehrlich». Er bilde «in weiten Teilen» das wirkliche Leben auf dem Thorberg ab, auch wenn etwa der Arbeits- oder Sportbereich nur am Rand vorkomme. Mit den eindrücklichen Porträts der Insassen zeige er «eher die nachdenkliche Seite des Strafvollzugs», mache so aber auch deutlich, «dass wir alles andere als eine Kuscheljustiz praktizieren».

Ohne Sherrifs und ohne Colts

Für die nächste Vorführung des Films sind wieder etwa drei Dutzend Insassen in die Kapelle geführt worden, die meisten kurz geschoren und in einheitlichen Gefängniskleidern. Filmemacher Dieter Fahrer wird auch ihnen für das Vertrauen danken, das sie ihm entgegengebracht haben. Und Direktor Georges A. Caccivio wird wieder sagen, dass sie sich nicht auf einen Knastfilm mit Sheriffs und Colts einzustellen haben. Doch bevor er zu ihnen in die Kapelle geht, stellt er einige schräg herunterhängende Sonnenblumen wieder so aufrecht in die Vase, dass sie genügend Wasser bekommen. (Der Bund)

Erstellt: 03.08.2012, 10:15 Uhr

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