«Filière bilingue» wird zum Symbol

Biel testet ein komplett zweisprachiges Schulmodell. Erste Erfahrungen mit dem anspruchsvollen Versuch sind vielversprechend. Mithilfe des Kantons will die Stadt jetzt einen Schritt weitergehen.

Deutsch und Französisch sind in der «Filière bilingue» gleichwertige Sprachen.

Deutsch und Französisch sind in der «Filière bilingue» gleichwertige Sprachen. Bild: Adrian Moser

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Er wird liebevoll «Fibi» genannt und ist wohl einer der ambitioniertesten Schulversuche der Schweiz. Im Bieler Schulhaus Plänke drücken deutsch- und französischsprachige Kinder gemeinsam die Schulbank – die ganze Woche, in allen Fächern, vom Kindergarten an. Die eine Hälfte der Woche werden sie von einer deutschsprachigen Lehrperson unterrichtet, die andere Hälfte von einer französischsprachigen. Das Projekt «Filière bilingue» läuft bereits im vierten Jahr, unterdessen sind acht Klassen mit 160 Kindern daran beteiligt.

«Die Stadt lebt die Zweisprachigkeit auf vorbildliche Weise», sagte Erziehungsdirektor Bernhard Pulver gestern in Biel. Auch für den Kanton sei die Zweisprachigkeit ein wichtiges Anliegen, und er sei daher bereit, die Bemühungen Biels weiter zu unterstützen. Zusammen mit Gemeinderat Cédric Némitz gab Pulver bekannt, dass der Versuch mindestens bis 2018 fortgesetzt wird. Dann erreichen die ersten «Fibi»-Kinder die sechste Klasse. In einer dritten Phase soll anschliessend eine zweisprachige Oberstufe etabliert werden.

Bei ihrem Entscheid, den Versuch fortzusetzen, können sich die Verantwortlichen auf vielversprechende Resultate der wissenschaftlichen Evaluation stützen. Gar als «phänomenal» bezeichnet Schulamtsleiter Peter Walther die Sprachentwicklung der «Fibi»-Kinder. In der Fremdsprache machen sie rasche Fortschritte, und auch in ihrer eigenen Sprache bleiben sie gegenüber Kindern in einsprachigen Klassen nicht zurück.

Lehrpersonen sind gefordert

Die rund 30 Prozent Fremdsprachigen in den «Fibi»-Klassen machen laut Untersuchung die gleichen Fortschritte wie Deutsch- oder Französischsprachige. Nachteile des zweisprachigen Schulmodells seien für die Kinder keine ersichtlich, sagt Peter Walther. Auch die Einschätzungen der Eltern und der beteiligten Lehrpersonen seien positiv. Beide Schulkommissionen der Stadt begrüssen die Fortsetzung des Schulversuchs denn auch einstimmig.

Walther verhehlt aber nicht, dass der Schulversuch für die Lehrpersonen anspruchsvoll ist. Obschon sie in ihrer Muttersprache unterrichten, führen sie zum Beispiel Elterngespräche in beiden Sprachen. Ausserdem müssen sie mit zwei Lehrplänen klarkommen. Auch die Absprache mit der Partnerlehrperson ist aufwendig. Trotzdem sei es kein Problem, motiviertes Personal zu finden, so Schuldirektor Némitz. Auch die Nachfrage der Eltern übersteige die Kapazität des Projekts bei weitem. In einer Umfrage hatten über 80 Prozent der Eltern Interesse angemeldet, es können aber nur 8 Prozent der Kinder aufgenommen werden.

Auch Michel Laffers Kinder besuchen die «Filière bilingue». «Mein älterer Sohn spricht in der ersten Klasse tatsächlich bereits Französisch», sagt der Reallehrer. Er steht dem Projekt aber dennoch sehr kritisch gegenüber. Vor dem Start hatte Laffer dem Gemeinderat einen offenen Brief mit 130 Unterschriften von skeptischen Lehrpersonen geschickt. «Mit dem Schulversuch werden den anderen Klassen die guten Schüler abgezogen», sagt Laffer heute. In vielen Bieler Quartieren stehe die Schule vor derart grossen Herausforderungen, dass es dies nicht mehr vertrage.

Die Projektverantwortlichen betonen zwar, dass die «Fibi»-Klassen nicht privilegiert würden. Eine für Biel durchschnittliche Durchmischung erreichen sie dennoch nicht. In vielen «normalen» Klassen liegt beispielsweise der Ausländeranteil weit über 50 Prozent.

Laffer befürwortet zwar, dass der Schulversuch fortgesetzt wird und weiter Erfahrungen gesammelt werden. Er sagt aber: «Gegen eine Ausweitung würde ich mich wehren.» Genau dies beabsichtigt der Gemeinderat jedoch. Vonseiten der Elternräte gibt es bereits entsprechenden Druck. «Die zweisprachigen Klassen sind ein wichtiger Bestandteil eines attraktiven Bildungsstandorts», sagt Cédric Némitz. Der Bildungsdirektor sucht nun Schulen, die bereit sind, sich zu engagieren. Es werde aber keine Schule gezwungen, eine «Filière bilingue» einzuführen.

Pulver will stur bleiben

«Die Zweisprachigkeit braucht besondere Anstrengungen», sagt Erziehungsdirektor Bernhard Pulver und bezeichnet «Fibi» als «Symbolprojekt». Nach der Jura-Abstimmung sei der Schulversuch ein wichtiges Projekt des Regierungsrates in seiner Strategie zur Förderung der Zweisprachigkeit. Dafür will sich Pulver auch national engagieren. An den Diskussionen in der Ostschweiz, Französisch sei in der Primarschule als zweite Fremdsprache nur noch fakultativ zu unterrichten, hat er gar keine Freude. «Französisch muss in allen Deutschschweizer Schulen obligatorisch bleiben», sagt Pulver, «zusammen mit unseren Nachbarn an der Sprachgrenze werden wir stur darauf beharren.» (Der Bund)

Erstellt: 21.02.2014, 06:45 Uhr

Kommentar

Zweisprachigkeit wagen

Die Mehrsprachigkeit ist ein wichtiger Trumpf der Schweiz. Der Ausgleich zwischen den Sprachgruppen prägt unsere ganze Gesellschaftsordnung. Derzeit steht es mit dem viel beschworenen Sprachenfrieden aber nicht zum Besten. Die Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative hat den Röstigraben wieder aufgerissen, Christoph Blocher beleidigt die Romands als schlechte Patrioten, und in der Ostschweiz ist Französisch als obligatorische Fremdsprache in der Primarschule ernsthaft gefährdet.

Im Kanton Bern hingegen ist man sich seit der Abstimmung über die Zukunft des Jura der Bedeutung der Zweisprachigkeit wieder etwas stärker bewusst geworden und pflegt entsprechend den einmaligen Standortvorteil wieder intensiver. Man werde Französisch als obligatorische Fremdsprache in allen Deutschschweizer Schulen «stur» verteidigen, sagt Erziehungsdirektor Bernhard Pulver.

In dieser Situation kommt ein Projekt wie «Filière bilingue» als Symbol für eine gelebte Zweisprachigkeit gerade recht. Eine tatsächlich zweisprachige Volksschule, in der es keine Rolle mehr spielt, ob ein Kind aus einem deutsch- oder französischsprachigen Elternhaus kommt, hat es in der Schweiz bisher noch nie gegeben. Die Erfahrungen der ersten drei Jahre sind vielversprechend. Dieses Projekt ist so faszinierend, dass man es auf jeden Fall wagen sollte.

Ob die «Filière bilingue» allerdings als Schulmodell für eine ganze Stadt taugt, ist fraglich. Die Umsetzung in der Realität ist komplizierter, als man von aussen meint. Die Bieler Volksschule hat mit enormen Herausforderungen zu kämpfen. In vielen Klassen ist die Mehrheit der Kinder fremdsprachig und auch von den Schweizer Kindern stammen viele aus bildungsfernen Familien. Hinzu kommt, dass längst nicht alle Lehrpersonen sich in beiden Sprachen sicher fühlen.

Ein solch hochkomplexes Projekt kann nur mit motivierten Lehrpersonen umgesetzt werden, die Energie und Zeit für Neues haben. In Biel laufen aber schon heute viele Pädagoginnen und Pädagogen am Limit. Die jüngsten Sparbeschlüsse des Kantons machen die Sache auch nicht einfacher. Der Gemeinderat tut daher gut daran, nicht Symbolpolitik mit der Brechstange zu betreiben. Wenn sich die Verhältnisse nicht bessern, muss man schon zufrieden sein, wenn die «Filière bilingue» dereinst von einem Schulversuch in ein Definitivum überführt werden kann. Die von sehr vielen Eltern erhoffte Ausweitung wird dann ein Wunschtraum bleiben.

Reto Wissmann

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