«Es bestand die Gefahr, in den Strudel hineinzugeraten»

Im Juni wurde Therese Frösch zur Präsidentin der krisengeschüttelten Spitex Bern gewählt. Nun will sie diese Organisation für die Generation der Babyboomer fit machen.

Therese Frösch zieht als neue Präsidentin der Spitex Bern eine erste Bilanz.

Therese Frösch zieht als neue Präsidentin der Spitex Bern eine erste Bilanz. Bild: Franziska Rothenbühler

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Frau Frösch, Sie haben als Aussenstehende das Präsidium der Spitex Bern übernommen, als diese in grossen Schwierigkeiten steckte. Welche Situation fanden Sie vor?
Die Führungsstrukturen waren durcheinandergeraten, die Transparenz fehlte, und es war zu gegeneinander arbeitenden Seilschaften gekommen. Die Krise ist nicht erst gestern entstanden, und sie wird auch nicht schon morgen beendet sein.

Wie sind Sie in dieser Situation vorgegangen?
Als ich das Ausmass der Missstände erkannte, zog ich einen Betriebswirt und Organisationsentwickler hinzu, weil die Gefahr bestand, in den Strudel hineinzugeraten und gar nicht mehr strategisch handeln zu können. Wir arbeiteten im Team, und der Verwaltungsrat teilte die Aufgaben in Ressorts auf.

Was war das erste Ziel?
Innerhalb von drei Monaten wieder Normalität herzustellen. Wir griffen dort ein, wo dringender Handlungsbedarf bestand, veränderten aber nicht mehr als nötig. Unruhe hat die Spitex Bern zur Genüge erlebt.

Sie haben sich aber rasch von der Geschäftsleiterin getrennt, die vom ehemaligen Verwaltungsrat ad interim eingesetzt worden war.
Ja, weil weitere Absetzbewegungen drohten. Wir haben die Stelle im Juli ausgeschrieben und nun aus gut 30 Bewerbungen eine neue Geschäftsleiterin gewählt, die im Januar beginnt.

Und bis dahin?
Das bisherige Kader führt das operative Geschäft. Wir bemühten uns auch, Personen zurückzugewinnen, die während der Turbulenzen gekündigt hatten, sowie Mitarbeitende zurückzuhalten, die auf dem Absprung waren. Wir sind auf diese Fachkräfte angewiesen und wollen auch das Qualitätsmanagement verstärken.

Hat die Spitex Bern ihren Versorgungsauftrag jederzeit wahrnehmen können?
Wir müssen der kantonalen Gesundheits- und Fürsorgedirektion regelmässig darüber Rechenschaft ablegen. Bisher mussten wir einzig bei der Nachtwache in der Kinderspitex einen Engpass melden. Obwohl es noch offene Stellen gibt, können wir den Pflegebereich abdecken.

Nebst einer guten Führung nannten Sie beim Antritt gesunde Finanzen als Ziel.
Die Finanzen sind ein schwieriges Thema. Die Krise hat auch zu finanziellen Verlusten geführt. Im ersten halben Jahr war vieles unklar, allerdings nicht nur wegen interner Probleme, sondern auch aufgrund von politischen Entscheiden. Wir waren in Sorge, dass Kunden aufgrund höherer Kostenbeteiligungen auf die Spitex verzichten und die Kosten für das Verbrauchsmaterial nicht gedeckt sind.

Wie sieht es jetzt aus?
Inzwischen wissen wir über die Finanzlage besser Bescheid, aber noch nicht genug, denn die zu erwartenden Sparbemühungen durch Kanton und Krankenkassen sorgen für Unsicherheit. Wir müssen uns für die drohenden Sparmassnahmen fit machen. Durch bewussteres Haushalten werden Einsparungen möglich sein. Bei der Qualität und den Löhnen der Angestellten an der Basis will ich sicher nicht sparen.

Aber bei den oberen Führungsstufen schon?
Der neue Verwaltungsrat hat gegenüber dem alten wiederkehrend bereits 120000 Franken eingespart. Die definitive Führungscrew steht noch nicht.

Als weiteres Ziel nannten Sie eine weitsichtige Strategie.
Ja. Im Oktober besprechen wir die Strategie für die kommenden Jahre. Ich möchte aber auch sechs oder sieben Jahre vorausschauen und daraus den Handlungsbedarf ableiten. Die Babyboomer kommen in die Jahre, sie sind flexibel und anspruchsvoll, darauf müssen wir vorbereitet sein und uns besser vernetzen.

In welche Richtung wirdes gehen?
Es wird bei den heute rund 50 öffentlichen Spitex wohl Gebietsbereinigungen geben, es braucht aber auch zwischen ambulanten und stationären Angeboten mehr Durchlässigkeit.

Sie und zwei weitere Mitglieder des neuen Verwaltungsrats der Spitex Bern sind auch im Verwaltungsrat der Domicil Bern AG, einer Anbieterin von Wohnen und Pflegen. Gleisen Sie nun eine Zusammenarbeit auf?
Nein, es bestehen keine Pläne für eine engere Zusammenarbeit. Es ist noch völlig unklar, in welche Richtung sich das Versorgungsangebot entwickeln soll. Für eine weitsichtige Strategie brauchen wir weit mehr Zeit. (Der Bund)

Erstellt: 05.09.2018, 06:42 Uhr

Neustart im Juni

Die ehemalige Berner National- und Gemeinderätin Therese Frösch (Grünes Bündnis) übernahm Mitte Jahr das Präsidium von Spitex Bern, nachdem auf den obersten Führungsstufen des Betriebs kaum ein Stein auf dem andern geblieben war. Die Situation war in der ersten Jahreshälfte mit der Freistellung des Geschäftsführers eskaliert und hatte zu gegenseitigen Vorwürfen, Abgängen, Suspendierungen und zu Kritik über Entschädigungen geführt. Schliesslich forderte die kantonale Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) den Verwaltungsrat zum Rücktritt auf. Im Juni wurde das Gremium bis auf eine Person neu besetzt, auch Therese Frösch kam neu dazu. Die Spitex Bern ist als öffentliche Spitex mit rund 440 Mitarbeitenden in der Stadt Bern und in Kehrsatz tätig. (bw)

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