Erfolg im Endspiel für Barbara Egger

Das Ja zum Tram krönt die Amtszeit von Barbara Egger. Mit Herzblut und einer gewagten Strategie hat sie das 2014 gescheiterte Projekt doch noch zum Erfolg geführt.

Barbara Egger-Jenzer freut sich am Abstimmungssonntag über das Ergebnis und informiert die Medien über das weitere Vorgehen.

Barbara Egger-Jenzer freut sich am Abstimmungssonntag über das Ergebnis und informiert die Medien über das weitere Vorgehen. Bild: Beat Mathys

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«Ich bin froh, glücklich und auch ein wenig stolz, diesen wichtigen Meilenstein noch in meiner Amtszeit erreicht zu haben», sagte Barbara Egger-Jenzer am Sonntag, als das knappe Ja des bernischen Volks zum Tram Bern–Ostermundigen feststand. Mit sichtlicher Freude zeigte sie das kleine Modelltram, das Adrian Haas, FDP-Grossrat und informeller Leiter des Ja-Komitees, ihr kurz vorher geschenkt hatte. Und wohl auch mit grosser Erleichterung.

Das nicht nur, weil am Nachmittag lange nicht feststand, wie die Abstimmung ausgeht. Für Egger, SP-Regierungsrätin und Verkehrsdirektorin seit 2002 und noch bis am 31. Mai 2018, sind Tramprojekte auch mit schmerzhaften Niederlagen verknüpft. 2004 war das Tram Bern West extrem knapp am Nein der Landbevölkerung gescheitert. 2014 hatten die Vororte Köniz und Ostermundigen das Tram Region Bern bachab geschickt. Hätte Ostermundigen damals wie die Stadt Bern mit Ja gestimmt, wäre der Ostast des Projekts, das Tram Bern-Ostermundigen eben, umgehend angepackt worden. Die neue Tramlinie stünde nun kurz vor der Eröffnung.

Rückschläge entmutigen sie nicht

Egger liess sich durch die Niederlagen nicht entmutigen. Als sich die Gelegenheit bot, lancierte sie die Projekte mit frischem Engagement erneut. 2007 stimmte das Volk im Kanton einem abgeänderten Projekt Tram Bern West zu. Die Gelegenheit zum Neustart für das Tram Bern–Ostermundigen ergab sich, als Ostermundigen im zweiten Anlauf doch noch für das Projekt stimmte, von dem die Gemeinde ausserordentlich stark profitieren wird. Egger brachte den kantonalen Tram-Kredit problemlos durch den Grossen Rat und nun auch knapp durch die Volksabstimmung.

Nicht weniger beharrlich blieb sie bei zwei Projekten am Ball, die für eine Sozialdemokratin mit durchaus ökologischem Engagement weniger naheliegend scheinen: den Autobahnanschlüssen für das Emmental und den Oberaargau. Nachdem der Bund es rundweg abgelehnt hatte, diese Strassen aus dem Nationalstrassenbudget zu bezahlen, schien die Sache erledigt. Denn dem Kanton fehlte dafür schlicht das Geld. Doch Egger fand, zum Entsetzen der Grünen und auch grosser Teile der SP, eine Finanzquelle: den Restbestand eines Investitionsfonds, der aufgelöst werden musste.

Unter dem Titel «Verkehrssanierungen» lancierte Egger die Projekte erneut. Geschickt gestaltete die Vollblutpolitikerin das Mitwirkungsverfahren im Emmental und im Oberaargau als eigentliche Plebiszite. Aus diesen ging im Emmental ein Kompromisspaket mit diversen Strassen, aber ohne Umfahrung von Burgdorf, als Wunschprojekt der lokalen Bevölkerung hervor. Im Oberaargau war eine Umfahrungsstrasse für Aarwangen erwünscht. Gegen diese ergriffen Umweltverbände das Referendum.

Die Umfahrung Aarwangen und das Tram nach Ostermundigen waren natürlich getrennte Vorlagen. Doch Egger verknüpfte sie inhaltlich. Sie erklärte den grünen Strassengegnern, dass Bern für das Tram auf die Unterstützung der Landbevölkerung angewiesen sein würde. Umgekehrt mahnte sie nach dem Volks-Ja zur Umfahrung Aarwangen – sogar Bern stimmte zu – die Bevölkerung auf dem Land, dass sie nun an der Reihe sei, sich solidarisch zu zeigen. Auch sachlich sind ÖV im urbanen Raum und Strassen auf dem Land für Egger kein Widerspruch. «Es war und ist mein Ziel, für die Bevölkerung aller Regionen gute Verkehrslösungen zu finden», sagt sie. Das Motto der Kampagne fürs Tram, «Am richtigen Ort das Richtige tun», spiegelt Eggers Haltung perfekt.

Die politische Verknüpfung der Strasse im Oberaargau mit dem Tram nach Ostermundigen war nicht risikofrei. Wenn die Umfahrung Aarwangen an der Urne gescheitert wäre, hätte dies unweigerlich auch das Tramprojekt in Schwierigkeiten gebracht. Statt zweier Erfolge hätte Egger in diesem Fall eine doppelte Abstimmungsniederlage riskiert. Doch auch ein Volks-Nein zum Tram nach dem Ja zur Umfahrung Aarwangen hätte schwere politische Nebenwirkungen gehabt. Die Region Bern hätte sich nach dem Ja zur Strasse im ländlich geprägten Kanton um so stärker vernachlässigt gefühlt.

Dieses Szenario wurde mit dem Ja zum Tram gerade noch abgewendet. Hat Egger also mit der inhaltlichen Verknüpfung von Strasse und Tram hoch gepokert – und gewonnen? Gegen solche «Suggestivfragen» verwahrt sich Egger. Ihre Antwort fällt knapp aus: «Ich habe in meinem Leben nie gepokert, erst recht nie als Politikerin.»

Weitere Analysen zur Tram-Abstimmung finden Sie hier. (Der Bund)

Erstellt: 06.03.2018, 06:44 Uhr

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