Leitartikel

Erdbeben in der 
Berner Spitalszene

Ob Insel- oder Landspital: Immer mehr regiert ökonomisches Denken. Für die Patienten ist das nicht a priori schlecht.

Ein Spital verschwindet: Blick auf das Zieglerspital.

Ein Spital verschwindet: Blick auf das Zieglerspital. Bild: Valérie Chételat

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In der Stadt Bern verschwindet ein Grossspital. Noch vor wenigen Jahren hätte man das als Aprilscherz abgetan. Doch die für Ende September geplante Schliessung des Zieglerspitals mitsamt dem 1976 erbauten Bettenhochhaus gehört zur neuen Realität im bernischen Spitalwesen, das kräftig in Bewegung geraten ist. Der Kanton wird durchgeschüttelt.

Das Ende der nicht zuletzt bei Städterinnen beliebten Geburtsabteilung in Riggisberg vor zwei Jahren markierte in der öffentlichen Wahrnehmung den Anfang des Bebens. Der jüngste Ausläufer ist die vor Kurzem beschlossene Angebotsreduktion im Berner Tiefenauspital, wo die Ärzte nachts künftig keine chirurgischen Noteingriffe mehr vornehmen.

«Unselige Manager»

In Zweisimmen, wo ebenfalls die Geburtsstation verloren ging, simulierten wütende Bürgerinnen mit Kuhglocken «Totengeläut», um zwei angereisten Regierungsräten die Meinung zu sagen. Dem Zieglerspital trauert ein betroffener Arzt mit den Worten nach: «Es sind die unseligen Manager, welche das Zepter übernommen haben.»

Müssen wir uns um unsere medizinische Versorgung Sorgen machen? Ist es schlimm, wenn betriebswirtschaftlich geschulte Spitalchefs das Angebot bestimmen? Was in der Berner Spitallandschaft abläuft, hat die eidgenössische Politik bewusst losgetreten. Nicht mehr jedes Spital soll alles machen. Defizitgarantien der Kantone für unrentable Kliniken wurden verboten.

Die Finanzierung über Fallpauschalen soll Stärken und Schwächen einzelner Abteilungen und Spitäler offenlegen und zur Bereinigung des Angebots führen. Laut Ökonomie-Lehrbuch nützt das allen: den Patienten, weil in gut ausgelasteten Spitälern häufiger operiert wird und dadurch weniger Fehler passieren, den Prämien- und Steuerzahlern, weil der effiziente Mittel­einsatz ihre Last begrenzt.

In der Praxis keinen Schaden

Im Praxistest hat die Ökonomisierung die Qualität bislang nicht beschädigt. Das Bundesamt für Gesundheit hat diese Woche in einem Bericht das Gespenst der «blutigen Entlassungen» verscheucht: Es gebe keine Belege dafür, dass Spitäler die Patienten zu früh auf die Strasse stellen, um Kosten zu sparen.

In der Stadt und der Agglomeration Bern zeichnet sich eine sinnvolle Aufgabenteilung ab: das öffentliche Angebot mit der Insel für komplizierte Fälle und dem neuen Stadtspital in der Tiefenau für die Grundversorgung. Dazu informelle Arrondierungen mit Privatspitälern – dass die Gümliger Siloah-Klinik die Altersmedizin vom Zieglerspital übernimmt, zeugt vom neuen Denken.

Die Regionen werden nicht ausgeblutet. Im Spital Zweisimmen können Frauen zwar nicht mehr gebären, aber der Weg nach Thun ist kurz, gemessen an der Distanz, die in anderen Ländern bis zum nächsten Spital zurückgelegt werden muss. Und das Akutspital in Zweisimmen bleibt, die Betreiberin investiert gar in einen Neubau. Genauso wie Millionen in den Um- und Ausbau des Spitals Aarberg fliessen. In Riggisberg ist der Ausbau der stationären Akutmedizin, des Notfalls und der neurologischen Rehabilitation vorgesehen.

Bei Bedarf eingreifen

Anders als erhofft hat der Wettbewerb schweizweit nicht bewirkt, dass die Kosten im Spitalbereich weniger schnell wachsen. Aber wo betriebswirtschaftlich gearbeitet wird, bleibt mehr Geld übrig, um Patienten neueste Behandlungsmethoden zu ermöglichen. Auf dem gesättigten Spitalmarkt im Grossraum Bern hat das Gerangel zwischen öffentlichen und privaten Spitälern um Patienten die Kosten vielleicht sogar erhöht. Faule Expan­sions­vorhaben werden aber mangels Rentabilität wie Eiterbeulen platzen.

Systemwechsel wie das neue Finan­zierungs­regime für Spitäler tragen das Risiko unerwarteter Fehlentwicklungen in sich. Die Politik muss wachsam bleiben – und den Mut haben, bei Bedarf einzugreifen. Im Grundsatz bleibt die laufende Neuordnung der Spitalszene aber richtig.

Und sie ist weit vielversprechender als das, was die «Riggisberg ist überall» rufenden Bewahrer um SVP-Politiker Rudolf Joder in einer Initiative fordern. Den Spitälern faktisch zu verbieten, ihr Angebot mit anderen Spitälern abzustimmen, wäre ein kostspieliger ­Rückschritt. (Der Bund)

Erstellt: 23.05.2015, 08:16 Uhr

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