Er schafft die grössten Schweizer Hits

Wenn Bio-Bauern rappen oder Heilsarmisten rocken, steckt der Grindelwaldner Georg Schlunegger dahinter.

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Zürich, Kreis 5. «Hitmill» steht da geschrieben, neben dem Hintereingang, und auf der Homepage dieser Firma steht: «Unser Name ist Programm.» Hierher kommt man, um einen Hit zu landen. Georg Schlunegger ist häufiger hier als zu Hause. Am Morgen kommt er um neun, am Abend müsse er sich oft zwingen zu gehen, sagt er. Seit zweieinhalb Jahren ist er in Zürich, und er will nicht mehr weg. «Das ist mein Traumjob», sagt er.

In Grindelwald ist er aufgewachsen, 1034 Meter über Meer, 4000 Einwohner. Seine Eltern, sie Schmuckverkäuferin, er Elektroingenieur, hatten «mit Musik nichts am Hut», wie er sagt. Doch da war dieser Coucousin mit dem Plattenladen. Er brachte Georg immer die Platten mit, die er nicht an den Kunden gebracht hatte. Meist hörte man auf Anhieb, warum für diese Musik niemand Geld ausgegeben hatte. Doch hie und da war eine Perle darunter. Stunden sass der kleine Georg vor dem Plattenspieler, um nach ihnen zu suchen. Er hörte alles, und das tut er noch heute, Soundgarden, Rihanna, Bach, «Stilrichtungen haben mich nie interessiert». Später nahm er Schlagzeugunterricht, Klavier und Gitarre brachte er sich selbst bei. Und er begann Texte zu schreiben, auf Berndeutsch, auf Hochdeutsch, auf Englisch.

Heute ist Georg Schlunegger 32 Jahre alt, und er ist der Mann, der die beiden grössten Schweizer Hits des zu Ende gehenden Jahres geschaffen hat. Erst den Coop-Bio-Rap Song, zusammen mit Firmeninhaber Roman Camenzind, dann das Heilsarmee-Stück.

Die Street-Credibility kümmert ihn nicht

«Bio, Bio» – das Erkennungsmerkmal des Songs, die Verdoppelung des Labels, das sei ihm gleich durch den Kopf geschwirrt, sagt er. Dann habe er die Richtlinien von Bio Suisse und Naturaplan durchgeackert, «naturbelassen», «nachhaltig», las er da und machte sich Gedanken, wie sich diese Botschaften mit dem Duktus der Rap-Welt vermengen liessen. Das Resultat sind Sätze wie «Mi Dünger dä isch nur usem Real Shit, Baby». Das ist nicht der Stoff, mit dem man den Respekt der Rap-Szene auf sich zieht. Aber was kümmert Georg Schlunegger die Street-Credibility, wenn die meisten Schweizer in einem Mehrfamilienhaus in der Agglomeration wohnen? Sie kümmert ihn nicht. Was zählt: «I Love» von Sons of Nature, einem eigens für dieses Lied zusammengecasteten Quartett, schaffte es auf Rang 1 der Hitparade – als erster Werbesong überhaupt.

Es sei immer sein Ziel gewesen, populäre Musik zu machen, sagt Georg Schlunegger. Populus, «das Volk», das ist seine Zielgruppe, «am liebsten die ganze Welt. Mein Herz schlägt für die Masse.» Eingängig solle seine Musik sein, sagt er, «das heisst, dass sie hineingeht und nicht abprallt, dass sie etwas auslöst». Aber, das ist ihm wichtig: Hitmill mache massentaugliche Musik, aber auf eine unkonventionelle Weise. Rockende Heilsarmisten, nachhaltige Rapper, «das gab es noch nie». Es gebe viel Musik, die massentauglich sei und trotzdem nicht gekauft werde. «Die Leute sind nicht blöd.»

«Yess, yess, yess»

Als der Bio-Song einschlug, da komponierte Georg Schlunegger schon die nächste Hymne. Die Heilsarmee wollte ein neues Image, Georg Schlunegger war ihr Mann. Hier die Heilsarmee und da ein Popsong – das ist genau jene Art von Konstellation, die ihn reizt. Die Idee der Eurovision-Teilnahme entstand, nun musste er das Lied schreiben, das die Gottessoldaten dorthin bringen würde. Es müsse die Heilsarmee-Idee verkörpern, war ihm klar, das Versprechen, in schwierigen Zeiten für andere da zu sein, «we’re together you and me».

Er wählte die geeignetsten Heilsarmisten aus – den 94-jährigen Bassisten Emil Ramsauer etwa, «was für eine Geschichte». Und dann standen sie auf der Bühne, und Georg Schlunegger sass im Publikum. Es sang gut, das junge Heilsarmee-Paar. In den Sekunden, bevor Sven Epiney das Verdikt verlas, sass Georg Schlunegger angespannt da, den Kopf in die Hände gestützt, sichtlich nervös, ein Video zeugt davon. Und dann sprang er auf, jubilierte, «yess, yess, yess». Nun, auf dem Sofa im Hitmill-Studio, denkt er nach, als er danach gefragt wird, was sein Geheimnis ist. Wie man ihn schafft, den Superhit. «Wenn ich das wüsste, würde ich jeden Tag einen machen», sagt er dann, fast verlegen. Er habe keine fixen Methoden. Er spiele ein paar Akkorde am Klavier, ein, zwei Griffe an der Gitarre, und manchmal gebe es dann plötzlich diesen Moment, «in dem ich merke, ‹das funktioniert›». (Der Bund)

Erstellt: 24.12.2012, 09:20 Uhr

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Bligg und Baschi, Bund und Bahn

Die Firma Hitmill wurde vor fünfzehn Jahren vom heute 36-jährigen Roman Camenzind gegründet. Bis dahin war der in erster Linie als Frontmann der Band Subzonic («Titelgschicht») bekannt. Den ersten grossen Erfolg als Produzent landete Camenzind mit der Produktion des Baschi-Songs «Bring en hei». Heute arbeitet Hitmill etwa für Bligg, die Lovebugs oder Pegasus und intoniert auch Werbekampagnen, zum Beispiel für den Bund («Slow down, take it easy») oder die SBB («Welcome home»). Zweiter Mitinhaber von Hitmill ist der Basler Fred Hermann – er hat sich vor allem als Produzent und Co-Songwriter des Zürcher Rappers Bligg einen Namen gemacht.

Georg Schlunegger arbeitet seit zweieinhalb Jahren für die Firma. Während seines Geschichtsstudiums in Bern hatte er als Frontmann der Country-Truppe The Makagulay Culkins in Kellern und an WG-Partys Stimmung gemacht, daneben schrieb er Songs, schickte sie in die Welt und stiess bei Hitmill auf offene Ohren – nicht zuletzt mit den Liedern, die er für Daniel Kandelbauer geschrieben hat. Mit dem hatte er einst in der Rockband Crossfire das Oberland bespielt.

Der ESC-Siegersong: «You and Me»

«Yess yess yess»

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