Einfluss der Schneedecke ist gering

Emme und Aare sind am Montag merklich angestiegen. Die Ansicht, solche Hochwasser würden in aller Regel durch Schnee ausgelöst, scheint bestätigt worden zu sein. Doch stimmt das überhaupt? Nein, sagt eine Studie.

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Dölf Barben@DoelfBarben

Eine Regen-auf-Schnee-Witterung: So nennt sich die Wettersituation, die am Montag zu beobachten war. Schneeschmelze und Niederschläge addieren sich dabei, was vor allem in den voralpinen Regionen zu Hochwassern führen kann. Flüsse wie Aare oder Emme zum Beispiel verzeichneten einen markanten Anstieg der Abflussmengen. Der Pegel der Aare stieg bis gestern Mittag um rund einen halben Meter an. Die Emme schwoll innerhalb von zwölf Stunden sogar um rund das Zehnfache an – auf um die 150 Kubikmeter pro Sekunde (Messung in Wiler). Die Baustelle bei Kirchberg, wo Hochwasserschutz- und Renaturierungsarbeiten im Gang sind, wurde beeinträchtigt, nennenswerte Schäden entstanden jedoch keine. Am Nachmittag beruhigte sich die Situation bereits wieder.

Wie Ole Rössler vom Geografischen Institut der Universität Bern gestern auf Anfrage sagte, ist zu den rund 20 Litern Regen pro Quadratmeter etwa die gleiche Menge Schmelzwasser gekommen. Rössler und der Hydrologieprofessor Rolf Weingartner haben sich in letzter Zeit mit diesem Regen-auf-Schnee-Hochwassertyp befasst – und sind zu einem Ergebnis gekommen, das der allgemeinen Wahrnehmung eher widerspricht.

«Der Schnee von gestern ist das Hochwasser von morgen»: Dieser Satz bringt die Befürchtung zum Ausdruck, wonach das Wasser der winterlichen Schneedecke im Frühling zu Hochwassern führen kann. Diese Sorge sei nicht unberechtigt, halten die beiden Forscher in ihrer Arbeit fest. So kam es in der Schweiz im Frühjahr 1999 nach einem «Jahrhundert-Schneewinter» zu grossen Überschwemmungen in den alpin geprägten Einzugsgebieten der Zentralschweiz und des Berner Oberlandes. Allerdings gibt es auch die gegenteilige Erfahrung. Letztes Jahr lagen in der Südschweiz Unmengen von Schnee – verglichen mit dem langjährigen Durchschnitt wurden Schneemächtigkeiten von 170 Prozent und mehr gemessen –, und trotzdem gab es keine nennenswerten Hochwasser. Die maximale frühjährliche Abfluss­spitze blieb in einem völlig unproblematischen Bereich.

Wetter wichtiger als Schneedecke

Rössler und Weingartner haben in ihrer Untersuchung 31 Jahre betrachtet – 1981 bis 2011. Dabei haben sie in den Einzugsgebieten der drei Flüsse Lütschine, Kander und Simme die Schneelagen eines jeden Jahres mit den Wettersituationen eines jeden Jahres in einem Modell kombiniert, was 961 Möglichkeiten für jeden der drei Flüsse ergab und die Datenbasis erheblich vergrösserte. Von diesen Möglichkeiten waren je 31 real (siehe Grafik). Wichtig: Für kleinere Flüsse beansprucht die Studie keine Gültigkeit.

Die Ausgangsfrage, ob der Schnee von gestern das Hochwasser von morgen auslöst, konnten Rössler und Weingartner für die drei untersuchten Einzugsgebiete mit Nein beantworten. Diese Antwort sei jedoch zu differenzieren, schreiben sie in ihrer Studie. Die Mächtigkeit der Schneedecke sei zwar zu einem grossen Teil entscheidend, ob während des ersten Halbjahres viel oder wenig Wasser abfliesse (Abflussvolumina). Die Schneesituation habe aber nur einen geringen Einfluss auf die Grösse der Spitzenabflüsse. Diesbezüglich entscheidend sei vielmehr die Witterung – im speziellen die Grösse der Regenmenge, die innerhalb von drei Tagen fällt, sowie der Abflusswert, der vor dem «Ereignis» gemessen wird. Das heisst: Das Hochwasserrisiko ist dann gross, wenn es innerhalb weniger Tage sehr viel regnet und wenn ein Fluss bereits zu Beginn dieser Niederschläge viel Wasser führt.

Fazit: Allein aufgrund der winterlichen Schneedecke sei es nicht möglich, eine saisonale Hochwasservorhersage zu erstellen, schreiben Rössler und Weingartner.

Der Bund

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