Eine kurze, starke Böe, und der Steuerwagen kippte

Die Montreux-Oberland-Bahn will nach der Entgleisung den Wind künftig besser messen. Andere tun das schon seit Jahren.

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Wie ein gestrandeter Wal liegt der Steuerwagen des entgleisten Zugs im Schnee. In gelben Lettern steht noch sein Ziel über der Frontscheibe des Führerstands. Zweisimmen. Der Schriftzug ragt schräg in die Luft. Sieben Männer der Montreux-Oberland-Bahn (MOB) in oranger Arbeitskleidung gehen um den Wagen und diskutieren. Sie suchen nach einem Weg, das 19 Tonnen schwere Fahrzeug wieder auf die Schienen zu heben.

Nach einer guten halben Stunde steht der Plan. Mit zwei Raupenkränen wollen die Männer den Wagen aufstellen und dann auf die Gleise heben. Etwa zehn Männer werden nebst den beiden Kränen nötig sein, um das Werk zu vollbringen, erklärt Christof Bissegger von der Firma Toggenburger, die die Kräne bereitstellt. Doch zuvor müsse das Wetter besser werden, damit die Kräne nicht im Matsch versinken. Den Männern tropft der Regen von den Hutkrempen. Bahnmeister Hansruedi Müller blickt am Hang hinter der Ebene hinauf und zum Himmel. «Da wird noch mehr herunterkommen», sagt er besorgt und denkt an Lawinen oder Erdrutsche.

Dem Lokführer geht es gut

Am Mittwoch hat eine Sturmböe von Burglind den Steuerwagen eines MOB-Zugs bei Lenk-Boden umgeworfen. Der Lokführer konnte Schlimmeres verhindern, indem er eine Schnellbremsung auslöste, wie Jérôme Schneiter von der MOB berichtet. Dank der Magnetschienenbremse seien die beiden hinteren Wagen nicht umgefallen. Der Lokführer, der sich im Steuerwagen befand, habe sich beim Sturz festhalten können, es gehe ihm gut. Anders die Passagiere im Wagen. Sie traf der Unfall unvorbereitet und sie wurden zum Teil mehrere Meter weggeschleudert. Gepäckstücke fielen von der Ablage. Acht Personen wurden dabei verletzt, eine mittelschwer, die anderen nur leicht. Sechs der Verletzten konnten das Spital bereits wieder verlassen.

Doch warum ist der Zug während des Sturms überhaupt gefahren? Vor zehn Jahren hatten die Appenzeller Bahnen einen ähnlichen Unfall. Seither stellen sie auf der gefährdeten Strecke auf Busbetrieb um, wenn auf der Ebenalp eine Windgeschwindigkeit von 70 Stundenkilometern gemessen wird, wie Pressesprecherin Sabrina Huber erklärt. In den letzten beiden Tagen kamen deshalb Busse zum Einsatz.

«Wetterprognose nicht so schlecht»

Gabriel Rosetti, Leiter Personenverkehr bei der MOB, hat eine simple Antwort auf die Frage: «Die Wetterprognose war nicht so schlecht.» Auch der Lokführer habe keinen besonders starken Wind bemerkt. «Wir vermuten daher, dass die Böen nur einige Sekunden lang sehr stark waren», sagt Rosetti. Und zwar stärker als 150 km/h. So viel Wind hielten die Züge laut Berechnungen auf der ganzen Strecke der MOB aus. Infolge des Unfalls fahre die MOB auf manchen Strecken zurzeit «auf Sicht», also mit 30 km/h. Denn je langsamer ein Zug fahre, desto mehr Wind halte er aus. Und längerfristig wolle die MOB mehr Windmessstationen auf ihren Strecken aufstellen, sagt Rosetti.

Priska Wittwer-Schillinger bestätigt Rosettis These. Im Gegensatz zum Unterland habe es am Vormittag an der Lenk nicht gestürmt. Die Pflegefachfrau aus Bolligen machte sich im Ferienhaus der Familie gerade einen Kaffee und schaute zum Fenster hinaus auf die Ebene, als der Zug entgleiste. «Es war surreal», sagt sie. «Ich sah den Zug über die verschneite Ebene fahren, dann kamen zwei heftige Windstösse, und der erste Wagen fiel um und schlitterte auf uns zu.» Die beiden hinteren Wagen seien noch ein Stück weit gefahren. «So etwas sieht man sonst nur im Film.»

Sofort eilte Wittwer-Schillinger mit ihrem Mann Roger zum Zug, während die erwachsenen Kinder die Hilfskräfte alarmierten und das Verbandsmaterial holten. Schon bald seien die Feuerwehr und ein Rega-Helikopter mit Arzt eingetroffen, um die Passagiere zu bergen. Im umgestürzten Wagen sei es schwierig gewesen, sich zu bewegen, sagt sie. «Die Fensterscheiben waren glatt und von oben tropfte Wasser hinein.» Doch die Stimmung sei ruhig gewesen, und zahlreiche Nachbarn hätten geholfen. «Es waren viele gute Seelen da», sagt Wittwer-Schillinger. (Der Bund)

Erstellt: 04.01.2018, 21:04 Uhr

Aufräumen Teurer Wintersturm sorgt für weitere Probleme

Die Folgen des Wintersturms Burglind waren im Kanton Bern sind immer noch spürbar. Wegen des schlechten Wetters liefen die Aufräumarbeiten fast überall nur harzig an, so etwa auch beim entgleisten Zug an der Lenk. Immerhin konnten sechs der acht verletzten Personen das Spital inzwischen wieder verlassen.

Doch im Laufe des Tages sorgten immer mehr starke Regenfälle für weitere Probleme. Verschiedene Kantonsstrassen im Berner Oberland mussten nach Erdrutschen gesperrt werden. Nach Murgängen und Hangrutschen nicht mehr passierbar waren die Strassen in die Lütschinentäler, nach Adelboden, ins obere Simmental und nach Saanenmöser.

Zudem droht zunehmend Hochwassergefahr. «Durch den starken Regen in Kombination mit einer grossen Schneeschmelze wegen des milden Wetters kommt es zu einer sehr grossen Wassermenge», sagte Bernhard Wehren vom Amt für Wasser und Abfall des Kantons Bern auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA.

Wegen beschädigter Stromleitungen waren am frühen Donnerstagabend noch 2500 Kunden ohne Strom, wie die BKW mitteilten. Insgesamt rund 35 Stromleitungen wurden durch den Wintersturm beschädigt. Betroffen sind vor allem die Regionen Emmental, Schwarzenburgerland und Jura. In einzelnen Notfällen setzten die Energieversorger Notstromaggregate ein.

«Burglind» hat im Kanton Bern Schäden in der Höhe von mehreren Millionen Franken verursacht. Die Gebäudeversicherung (GVB) rechnet mit bis zu 5000 Schadensfällen und Kosten zwischen sechs und zehn Millionen Franken. Diese Schätzung basiere auf Erfahrungswerten, sagte Julia Zosso von der GVB gegenüber Radio SRF. Die Schäden verteilen sich gemäss Zosso über das ganze Kantonsgebiet vom Jura bis ins Berner Oberland. Vor allem Thun sei stark betroffen. Der Wintersturm Burglind sei jedoch nicht vergleichbar mit dem Orkan Lothar aus dem Jahr 1999, sagte Zosso. Dieser verursachte allein in Bern Schäden von über 100 Millionen Franken.

Allgemein herrscht im Berner Oberland und am ganzen Alpenbogen zudem grosse Lawinengefahr. (sda)

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