Eine Pfarrerin rüttelt am Gottesbild

Ella de Groot, evangelisch-reformierte Pfarrerin in Muri-Gümligen, geht auf Distanz zur herkömmlichen Gottesvorstellung – und sorgt damit sogar in Deutschland und Österreich für Aufsehen.

«Gott ist für mich etwas Innerweltliches – Lebenskraft, Lebensenergie.»

«Gott ist für mich etwas Innerweltliches – Lebenskraft, Lebensenergie.»

(Bild: Manu Friederich)

«Hört auf zu glauben!» – so pointiert hatte Radio SRF 2 auf eine Sendung mit Ella de Groot hingewiesen, die am vergangenen Sonntag ausgestrahlt wurde: Die evangelisch-reformierte Pfarrerin in Muri-Gümligen glaube nicht an Gott, für sie – eine gebürtige Holländerin – seien «herkömmliche Gottesvorstellungen reine Einbildung».

In der «Perspektive»-Sendung von Heidi Kronenberg erhielt Ella de Groot dann Gelegenheit, ihre Haltung differenziert darzulegen (Text unten). Doch der Medienwirbel war zuvor schon entfacht. Die Kunde von der «ungläubigen Pfarrerin» oder der «Pfarrerin, die Gott leugnet», drang sogar nach Deutschland und Österreich und wurde in verschiedenen Medien thematisiert und von Leserinnen und Lesern auch kontrovers diskutiert. Doch erstaunlich: Hierzulande hielt sich der mediale Aufschrei in Grenzen. Und vor allem auch dort, wo Ella de Groot seit acht Jahren als beliebte und umsichtige Seelsorgerin wirkt, in Muri-Gümligen, sind kritische Stimmen verunsicherter Kirchgängerinnen und Kirchgänger bisher ausgeblieben. Denn diese scheinen die Haltung «ihrer» Pfarrerin aus früheren Predigten und Gesprächen längst zu kennen – oder sie haben diese vielleicht der evangelisch-reformierten Zeitung «reformiert» entnommen. Darin liess sich Ella de Groot am 26. Oktober 2012 so zitieren: «Ich habe längst aufgehört, mir Gott vorzustellen, da ich immer mehr zur Überzeugung komme, dass ein personaler Gott nicht existiert.»

«Ich will nicht provozieren»

«So ist es», sagt Ella de Groot, «ich glaube nicht an einen personalen, ausserweltlichen Gott. Aber das ist nicht neu.» Über den einigermassen provokativen Titel im Radio-Pressetext («Hört auf zu glauben!») sei sie zwar nicht glücklich gewesen, räumt sie ein, denn: Sie wolle nicht provozieren – bloss dazu aufrufen, «nicht an überlieferte Wahrheiten zu glauben» und grundsätzlich «den Mut zu haben, anders und neu zu denken». Dass der SRF-Pressetext (und nicht die Sendung) über die Landesgrenzen hinaus einen Medienwirbel ausgelöst hat, überrascht sie allerdings: «Ich habe mich in der Sendung dann ja erklärt. Gott ist für mich nicht ausserweltlich, sondern etwas Innerweltliches – die Lebenskraft, die Lebensenergie.»

Für sie sei die göttliche Kraft «im Zwischenmenschlichen, in der Liebe» spürbar: «Das sich Weiterentwickeln im Leben – das ist für mich diese Kraft.»

«Denen die Kirche fremd wird»

Es liege ihr fern, mit ihrer Haltung jene Menschen verunsichern zu wollen, denen der Glaube an Gott Halt gebe, betont Ella de Groot: «Ich will niemandem etwas wegnehmen. Wer sagt, im Gebet begegne er Gott, soll das so empfinden dürfen. Dann ist das seine Erfahrung, sein Glaube. Aber für mich nehme ich das Recht heraus, nicht an die Existenz eines personalen Gottes zu glauben und nicht alles in die Hände einer Gottesfigur zu legen.» Sie sehe eben auch «jene Menschen, die an Gott zweifeln, denen die Kirche fremd wird – und die austreten». Diese fühlten sich in einer Kirche, die keinen Glauben an einen personalen Gott voraussetze, eher aufgehoben: «Auch für sie bin ich als Pfarrerin da. Und für sie versuche ich, eine andere Sprache zu finden.» Die traditionelle Sprache lenke nämlich immer zum Bild des personalen Gottes. Doch sie verstehe unter «Gott» eben etwas anderes.

Das hat Ella de Groot auch wiederholt in ihren Predigten zum Ausdruck gebracht (www.rkmg.ch/predigten-edg). Zum Beispiel so: dass das «liebende Ausharren am Krankenbett» eine Form sei, um «Glauben» im Sinne von «Liebe» spürbar zu machen – so «ereignet sich Gott». Denn: «Wo ist da Gott, wenn nicht der Mensch da ist?» Oder so: «Mich inspirieren die Geschichten über Jesus. Mich berühren seine Handlungen. Was ich von ihm glaube, finde ich nicht in einem Glaubensbekenntnis, sondern vielmehr in meinem eigenen Leben.»

Dort, in ihrem Leben, begegne sie keinen Götzen, Heiligen und Erlösern, sondern Menschen, die sie berühren und bewegen: «Ich brauche Jesus nicht, um an Gott zu glauben, sondern als Vorbild von jemandem, der Gott ‹gelebt› hat. Seine Geschichten motivieren mich, so zu leben, dass sich in meinem Leben eben Gott ereignen kann. Ohne Bedenken sich für andere einsetzen, sich nicht abfinden mit allem, was Menschen entwürdigt: Das möchte auch ich tun – dem anderen, mir und dem, was ich Gott nenne, treu bleiben.»

Kirche steht hinter Ella de Groot

Der Bereich Theologie des Synodalrats der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn stellt sich hinter Ella de Groot. In der reformierten Kirche sei «ein breites Spektrum an Überzeugungen» möglich, schreibt er, Ella de Groot äussere Gedanken, wie sie in ähnlicher Form auch bei grossen Theologen wie Dietrich Bonhoeffer, Rudolf Bultmann oder Dorothea Sölle zu finden seien. Sie bewege sich «im Rahmen der vielfältigen Tradition unserer Landeskirche».

Dazu gehöre, «Glaubensaussagen jeglicher Art aufgrund der Heiligen Schrift nach bestem Wissen und Gewissen immer wieder kritisch zu hinterfragen und neue Worte zu finden für das Unaussprechliche». Und: Es gehöre auch zum Auftrag einer Pfarrperson, mit ihren öffentlichen Aussagen «offen zu bleiben für das breite Spektrum an unterschiedlichen religiösen Haltungen innerhalb unserer Landeskirche, sich dialogbereit zu zeigen und integrativ zu wirken». Das ist für Ella de Groot selbstverständlich. So zeigt sie etwa auch Verständnis für den Verfasser des folgenden Leserbriefs in der BZ: «Die ganze Schrift verkündet einen realen, personalen und in der Geschichte handelnden Gott. Selbstverständlich ist niemand gezwungen, an einen personalen Gott zu glauben. Aber er sollte dann nicht mit der Bibel in der Hand zu den Menschen kommen.»

«Nur Glaubensaussagen»

Dieser Leserbriefschreiber habe «an sich schon recht», meint Ella de Groot: «Die Bibel verkündet das, aber nur als Glaubensaussagen von Menschen.» Unsere Glaubensvorstellungen entstünden aus unseren Erfahrungen und Bedürfnissen: «Wir spüren Dankbarkeit bei der Geburt eines Kindes, und damit entsteht das Bedürfnis, jemandem zu danken; wir machen die Erfahrung von Schuld und brauchen eine Vergebungsinstanz; wir werden vom Schicksal getroffen und suchen einen Halt.» All diese «Einbildungen von einem vergebenden, tragenden, beschützenden Gott» seien Ausdrücke unserer Emotionen: «Die Menschen in biblischen Zeiten, und auch unsere Vorfahren, haben diese Vorstellungen und Erfahrungen mit dem Wort Gott verbunden und daraus Wahrheiten – und das Bild eines personalen Gottes – gemacht.» Die Bibel sei wichtig wegen dieser Erfahrungen, doch: «Ich erlaube mir, sie nach meinem persönlichen Empfinden in die heutige Zeit zu übersetzen. Ohne den Anspruch zu erheben, dass alle andern das auch so sehen müssen.»

«Nicht mehr verhüllend reden»

Sie wolle bloss «nicht mehr verhüllend reden», sagt sie. Und sie sagt das klipp und klar: «Ich habe mich von einem personalen Gottesbild verabschiedet. So kann ich auch nicht mehr von ‹Himmel› und ‹Hölle› reden. Das sind alles Projektionen von Menschen. Daran muss ich nicht glauben. Mit meinem Tod wird mein Leben aufhören. Ich bleibe aber Teil des ewigen Universums. Was mich ausmacht, wird verwandelt, geht nicht verloren. Und vor allem wird das weitergehen, was ich im Leben mit meiner Liebe bewirke.»

Es sei ihr deshalb wichtig, zu neuen Gottesbildern aufzubrechen: «Ich habe es als befreiend empfunden, wie ich die traditionellen Bilder hinter mir lassen konnte und weggekommen bin von den personalen Gottesvorstellungen. Diese Erfahrung möchte ich weitergeben. Das ist für mich die gute, befreiende Botschaft. Das ist letztlich Evangelium.»

Der Bund

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