«Eine Fusion wäre ein Gewinn»

Seit einem halben Jahr ist Peter Fischer Direktor des Zentrums Paul Klee. Trotz Finanzproblemen und Besucherrückgang ist er überzeugt, dass seine Institution in enger Kooperation mit dem Kunstmuseum das grosse Potenzial endlich ausschöpfen kann.

Ernüchtert und leidenschaftlich: Der schwierige Start traf ZPK-Direktor Peter Fischer nicht unerwartet.

Ernüchtert und leidenschaftlich: Der schwierige Start traf ZPK-Direktor Peter Fischer nicht unerwartet.

(Bild: Adrian Moser)

Seit einem halben Jahr sind Sie im Amt. In dieser Zeit machte das Zentrum Paul Klee vor allem mit Schulden und rückläufigen Besucherzahlen Schlagzeilen. Haben Sie es schon einmal bereut, nach Bern gekommen zu sein?
Der schwierige Start traf mich nicht unerwartet. Ich wusste, dass keine einfache Aufgabe auf mich wartete. Ich möchte aber mit etwas Positivem anfangen. Ich habe festgestellt, dass das ZPK in den Bereichen wissenschaftliche Arbeit und internationale Vernetzung hervorragend dasteht und mit seiner Sammlung und seinen Archiven über einen unglaublichen kulturellen Schatz verfügt. Das nimmt man hier in Bern kaum wahr, aber es belegt, wie solid das Fundament des Zentrums Paul Klee ist.

Vom kulturellen Schatz war aber kaum die Rede, dafür von Schulden und finanziellen Altlasten.
Mich haben diese Altlasten von 1,3 Millionen Franken auch geärgert. Das strapaziert die Bilanz und zwingt uns, äusserst sorgfältig zu wirtschaften. Auf der anderen Seite bin ich erleichtert, dass jetzt reiner Tisch ist und wir wissen, wo wir stehen. Die Talsohle ist erreicht.

Müssten Sie nicht einmal auf den Tisch hauen und sagen, es braucht für einen Betrieb wie das ZPK jährlich zwei Millionen Franken mehr?
Das ewige Gejammer über die strukturelle Unterfinanzierung bringt nichts. Nachtragskredite werden in der nächsten Subventionsperiode keine Chance haben. Jetzt sind Taten gefragt, und ich habe versprochen, dass wir mit den 6,15 Millionen jährlich auskommen. Im besten Fall werden die Resultate nach vier Jahren zusätzliche Mittel legitimieren.

Ist es heute überhaupt noch realistisch, die Kosten für ein privat erstelltes Museum ganz der öffentlichen Hand zuzumuten? Müsste ein Mäzen nicht auch längerfristig über eine Stiftung einen Beitrag an die Betriebs- und Unterhaltskosten leisten?
Die Familien Müller und Klee haben ein äusserst grosszügiges Geschenk gemacht, und die öffentliche Hand hat Ja dazu gesagt. Wenn damals die Politiker nicht so genau hingeschaut haben, kann man den Ball jetzt nicht wieder den Stiftern zuspielen. Die Konzeption des Hauses als Begegnungszentrum ist zentral, wir können Räume vermieten, was dazu beiträgt, dass der Eigenfinanzierungsgrad des ZPK mit über 40 Prozent sehr hoch ist. Die öffentliche Hand ist hier sehr günstig zu einem wunderbaren Ort der Kunstvermittlung gekommen.

Stichwort Vermitteln: Muss man die wissenschaftliche Arbeit im ZPK künftig besser sichtbar machen?
Die nächste grosse Ausstellung im August ist das Paradebeispiel eines klassischen Forschungsprojekts von uns. Der pädagogische Nachlass von Paul Klee als Lehrer am Bauhaus wurde aufgearbeitet, das sind mehrere Tausend Seiten Unterrichtsnotizen. Die Ausstellung wird jedoch keine trockene Angelegenheit, das verspreche ich.

Sie haben zu Beginn Ihrer Amtszeit die Bedeutung des interdisziplinären Zentrumscharakters betont. Gilt das immer noch?
Ja. Es gibt keine andere grosse Schweizer Kulturinstitution, die wie das ZPK ein spartenübergreifendes Konzept hat. Wir wollen uns aber nicht einfach als ein weiterer Berner Konzert-, Literatur- und Theaterveranstalter profilieren, sondern primär transdisziplinäre Ideen umsetzen.

Mit der geplanten engen Kooperation mit dem Kunstmuseum Bern wartet noch eine weitere Herausforderung auf Sie. Kürzlich wurde bekannt, dass es Verzögerungen gibt. Sie sind auch Mitglied der Steuerungsgruppe. Ist das Projekt auf guten Wegen?
Ja, und ich bin ein Befürworter dieser Zwischenphase. Es war noch zu wenig Fleisch am Knochen. Wir haben zwei Stiftungsräte, dazu noch weitere Stiftungen, die in den beiden Museen beheimatet sind. Diesen Partnern müssen wir ein überzeugendes Konzept vorlegen.

Sie müssen erst noch die verschiedenen Stiftungen ins Boot holen?
Richtig. Wenn wir ihnen nicht mit konkreten Argumenten den Mehrwert einer gemeinsamen Institution belegen können, dann werden sie Nein sagen. Direktor Matthias Frehner und ich sind jetzt gefragt. Wir werden zum Beispiel hypothetische gemeinsame Jahresprogramme aufstellen mit aufeinander abgestimmten Höhepunkten, mit denen wir eine grössere Aufmerksamkeit erzielen können.

Haben die Erben von Maurice Müller überhaupt ein Interesse daran, dass das ZPK in einer grösseren Institution aufgeht?
Janine Aebi, die Tochter von Maurice E. Müller, vertritt natürlich spezifische Interessen, und das sind die Gründerversionen des Stifters. Sind diese gefährdet, muss mit Opposition gerechnet werden. Aber das muss ja nicht sein. Dasselbe gilt für unsere weiteren Partner, etwa die Familie Klee und die Stiftungen im Kunstmuseum. Sollten sie den Eindruck erhalten, sie hätten künftig nicht mehr dasselbe Gewicht und ihre Sammlungen würden weniger gepflegt, dann werden sie ein Zusammengehen aus verständlichen Gründen blockieren.

Das ZPK ist ja mit seinen Geldproblemen auch nicht unbedingt eine attraktive Braut für das finanziell gesunde Kunstmuseum. Die Bedingung, dass für eine enge Zusammenarbeit unsere Finanzen erst saniert werden müssen, ist unbestritten. Will man eine engere Kooperation ZPK und Kunstmuseum, muss die finanzielle Konsolidierung des ZPK auf politischer Ebene gelöst werden.

Was favorisieren Sie: enge Kooperation oder Fusion?
Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich für ein enges Zusammengehen bin. Eine Fusion wäre ein Gewinn für Bern. Natürlich gibt es verschiedene Spielarten, wie man das Zusammengehen organisiert. Am Ende muss es aber eine einzige strategische und operative Leitung geben.

Nicht zuletzt liesse sich so die prächtige Sammlung des Kunstmuseums besser bewirtschaften.
Auf jeden Fall. Das ZPK hat in den vergangenen sieben Jahren diesbezüglich wertvolle Erfahrungen gesammelt. Der ganze Bereich der Gegenwartskunst kann sich aus Platzgründen im Kunstmuseum nicht entfalten und liegt brach. Es ist höchste Zeit, mit diesem Schatz zu arbeiten. Ich hätte einige Ideen, auch im Bereich der Gegenwartskunst.

Ist die geplante bauliche Erweiterung für eine Abteilung Gegenwart im Kunstmuseum noch realistisch?
Das kann ich nicht beurteilen. Sicher ist nur eines: Es braucht dringend neue Räume. Wir diskutieren verschiedene Modelle, auch dass dereinst ein Teil der Gegenwartskunst im ZPK gezeigt wird. Das Kunstmuseum hat auch eine starke Abteilung mit Videokunst und neuen Medien, die gut zum interdisziplinären Konzept des ZPK passt. Bei einem Zusammengehen von Kunstmuseum und ZPK würde man über eine unglaubliche Fülle von künstlerischen Ausdrucksformen verfügen. Diese Chance darf sich Bern nicht entgehen lassen.

Was antworten Sie Leuten, die bereits heute sagen, der Superdirektor von ZPK und Kunstmuseum könne nur Peter Fischer heissen?
Diesbezüglich bin ich unbefangen. Ich bin nicht mit diesem Ziel in Bern angetreten. Die beiden Stiftungsräte müssen sich bis Ende Jahr für ein Modell entscheiden, alles Weitere kommt später.Sie geniessen den Ruf, im Umgang mit Mäzenen ein gutes Händchen zu haben. Im Kunstmuseum Bern ist kürzlich eine Kontroverse um die vom Zementkonzern Holcim gesponserte «Industrious»-Ausstellung entbrannt. Es war von einem PR-Auftrag die Rede. Was gilt es im Umgang mit Sponsoren zu beachten?Die «Holcim»-Ausstellung betrachte ich als Betriebsunfall. Es war wohl weder vom Museum noch vom Sponsor beabsichtigt, in irgendeiner Weise manipulativ vorzugehen. Ich hätte in diesem Fall darauf hingearbeitet, dass der Sponsor die künstlerische Hoheit abgibt und den Auswahlprozess einer Jury aus Kunstfachleuten überlässt.

Wird die Gratwanderung schwieriger im Umgang mit Sponsoren, wenn man immer mehr auf sie angewiesen ist?
Ich mache nicht die Erfahrung, dass die Sponsoren zu aufdringlich sind. Bis jetzt ist es mir immer gelungen, sie zu überzeugen, dass ein zu offensives Auftreten kontraproduktiv sein kann. Auf der anderen Seite will der Sponsor legitimerweise auch etwas: entweder einen Imagetransfer oder eine Plattform für seine Anlässe.

Wir stellen uns vor, wie Sie in Bern eine Adressliste mit Banken, Versicherungen, Grossbetrieben und Privatpersonen . . .
. . .abarbeiten, genau. Ja, diese Liste gibt es, und ich arbeite sie fleissig ab. Dabei stelle ich hier in Bern eine gewisse Zurückhaltung fest, sich im Kulturbereich in grösserem Umfang als Sponsor zu engagieren. In Zürich oder Basel will die Wirtschaft explizit eine starke Kultur, denn sie ist auch ein Standortfaktor. Ich möchte, dass man auch in Bern etwas miteinander wagt und sich exponiert. Aber so weit bin ich noch nicht vorgestossen.

Wie lautet Ihr Rezept im Umgang mit Mäzenen?
Wenn ich eines hätte, würde ich es nicht verraten. Mir fällt kein Zacken aus der Krone, das Gegenüber aus der Wirtschaft ernst zu nehmen. Wir haben vielleicht unterschiedliche Kompetenzen, aber wir können uns durchaus finden. Man muss Überzeugungsarbeit leisten, das habe ich während meiner Zeit bei der Daros Collection und deren Patron Stephan Schmidheiny gelernt.

2011 waren die Sponsorenbeiträge fürs ZPK mit 350'000 Franken fast nur noch halb so hoch wie im Vorjahr. Eine ziemlich bescheidene Summe.
Bei meinem Antrittsgespräch war ich überzeugt, dass ich die 650'000 Franken von 2010 sicher erreichen werde. Jetzt macht es mir zu schaffen, dass es vermutlich nicht gelingen wird. Es braucht mehr Zeit, um Beziehungen aufzubauen und die Interessen von Wirtschaftssponsoren mit den eigenen Bedürfnissen abzustimmen. Das ist harte Knochenarbeit.

Wann werden Sie die erste selber konzipierte Ausstellung zeigen?
Die Ausstellungen 2012 sind vor meinem Amtsantritt geplant worden. Mitprägen werde ich die Engel-Ausstellung, die Ende Oktober eröffnet wird. Wir zeigen zum Beispiel den «Angelus Novus», das wohl berühmteste Bild Klees überhaupt, das sich im Israel Museum befindet und kaum ausgeliehen wird. Dazu wird es eine Reihe von Kabinetten geben mit Engel-Motiven aus der Film- Fotografie- und Videogeschichte von den 1920er-Jahren bis in die Gegenwart. Die Engel-Ausstellung wird demonstrieren, wie ein monothematisches Museum funktionieren kann, wenn man sich vom Namensgeber inspirieren, aber nicht limitieren lässt.

Sind Blockbuster-Ausstellungen das einzige Mittel, um den Besucherrückgang zu stoppen?
Zu den Besucherzahlen muss ich etwas klarstellen: Wir nehmen mit 115'000 Eintritten im Jahr 2011 den fünften Platz unter den Schweizer Kunstmuseen ein. Vor uns sind nur die Fondation Beyeler, das Kunstmuseum Zürich, die Fondation Gianadda und das Kunstmuseum Basel. Keine Berner Kulturinstitution hatte 2011 auch nur annähernd so hohe Besucherzahlen wie wir. Wir erhalten übrigens auch nicht mehr Subventionen als etwa das Kunstmuseum Bern. Natürlich habe ich den Anspruch, dass eine Institution von der Dimension des ZPK etwa 150'000 Besucherinnen und Besucher pro Jahr haben muss. Im Unterschied etwa zur Fondation Beyeler arbeiten wir aber nicht nur populistisch mit grossen Namen, die abgeräumt werden. Bei uns sind die Ausstellungen immer mit einer wissenschaftlichen Forschungsleistung verbunden.

Gleichwohl wollen wir langfristig jedes Jahr eine Ausstellung im Programm haben, die klar als Höhepunkt wahrgenommen wird.

Haben Sie bereits konkrete Pläne?
Wir planen für 2015 oder 2016 eine grosse Ausstellung über Klee und Kandinsky in Zusammenarbeit mit dem Lenbach-Haus in München. Ein Millionenprojekt. Das Traumpaar Klee und Kandinsky übertrifft aus kunsthistorischer Perspektive selbst Picasso und Braque. Mehr kann man sich nicht wünschen.

Solche Kooperationen erfordern ein internationales Netzwerk und basieren meist auf Gegengeschäften. Erhalten Sie viele Anfragen von anderen Museen für Klee-Bilder?
Ja, aber wir müssen oft absagen. Wir bewirtschaften unsere Sammlung sehr bewusst und können unsere Highlights schon aus Gründen der Abnutzung nicht permanent ausleihen. Natürlich wollen wir mit Institutionen zusammenarbeiten, die einen Beitrag zur Rezeption von Klees Werk leisten können. Die Engel-Ausstellung zum Beispiel wird auch im Museum Folkwang in Essen und in der Hamburger Kunsthalle gezeigt, zwei Top-Adressen in Deutschland.

Ab 2016 wird der Kanton Bern alleiniger Subventionsgeber des ZPK sein. Wie ist Ihr Verhältnis zu Kulturdirektor Bernhard Pulver?
Ich finde es schade, dass die Stadt nicht mehr dabei sein wird, weil die städtische Bevölkerung eher kulturaffin ist. Auf der anderen Seite ist es natürlich einfacher, nur mit einem Verhandlungspartner am Tisch zu sitzen, und solange es Herr Pulver ist, bin ich sehr glücklich. Er ist eine kulturell sehr gebildete Persönlichkeit, die genau weiss, was das ZPK wert ist.

Sie müssen die Besucherzahlen steigern, die Finanzen ins Lot bringen und das Zusammengehen mit dem Kunstmuseum gewinnbringend mitorganisieren. Wie fühlt man sich angesichts dieser Herkules-Aufgabe?
Ich versuche mit Argumenten und Leidenschaft zu vermitteln, was für eine Leistung wir fürs Gemeinwesen erbringen. Deshalb ist es wichtig für das ZPK, zeitgenössischer zu werden. Das regionale Publikum lässt sich nicht mit touristischen Attraktionen blenden, es will einen Kulturort, der im Hier und Jetzt verankert ist.

Heisst das mehr Events?
Ich spreche nicht von der Eventitis. Ich möchte mehr künstlerische Interventionen, sodass die Kunst in diesem sehr sauberen und perfekten Museumsbau sichtbarer wird. Ich entwickle zurzeit ein Konzept mit Schweizer Kunstschaffenden, die uns für eine gewisse Zeit begleiten werden.

Wie ist die Stimmung bei Ihren Mitarbeitern? Wird ein Stellenabbau befürchtet beim Zusammengehen mit dem Kunstmuseum?
Die Moral im Haus ist gut, wir haben eine Aufbruchstimmung. Wir sind ein starker Partner und begegnen dem Kunstmuseum auf Augenhöhe. Es geht bei diesem Kooperationsprojekt letztlich um einen künstlerischen Mehrwert, nicht um Personalabbau. Aus der Abspaltung der Klee-Stiftung und dem privaten Engagement der Familien Müller und Klee entstand etwas Neues für Bern. Wenn man das ZPK wieder mit dem Ort des Ursprungs verbinden könnte, wäre das für alle ein Riesengewinn.

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