Ein letzter Blick in den Reaktor

Zum letzten Mal vor seiner Stilllegung wird das AKW derzeit auf Vordermann gebracht – ein Besuch in Mühleberg.

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Wer hier einmal drin ist, darf nicht auf die Toilette, nichts essen und nichts trinken. Alle persönlichen Gegenstände bleiben draussen – auch die Kleidung. Die BKW stellt den Mitarbeitern nicht nur Arbeitsanzüge, sondern auch ­T-Shirts, Socken und Unterhosen zur Verfügung. Sicher ist sicher.

Hier – das ist die sogenannte kontrollierte Zone des Atomkraftwerks Mühleberg. Normalerweise gehen nur wenige Angestellte ein und aus. Jeden Sommer, wenn der Stromverbrauch tief ist und die Stauseen voll sind, ist es Zeit für die Revision. Nacheinander werden die fünf Schweizer Reaktoren vom Netz genommen und auf Herz und Nieren geprüft. Derzeit ist das AKW Mühleberg an der Reihe. 350 Atomenergiespezialisten, aber auch Mechaniker, Elektriker und andere Handwerker aus dem In- und Ausland arbeiten derzeit zusätzlich zu den 350 BKW-Angestellten im Werk.

Für das 46-jährige AKW ist es die allerletzte Revision. Am 20. Dezember 2019 wird das Werk vom Netz genommen, deshalb lässt es die BKW nächsten Sommer gleich durchlaufen, natürlich behördlich genehmigt. Auf einen Rundgang zeigt die BKW den Medien den Stand der Arbeiten.

Dass es sich beim lauschig an der Aare gelegenen Areal um eines der bestgesicherten im Land handelt, zeigt sich beim Haupteingang: Die BKW-­eigene Betriebswache ist mit Pistolen bewaffnet. Ihre zwei Dutzend Wachhunde haben einen eigenen Zwinger. Wie am Flughafen müssen alle Besucher sowie per Zufallsgenerator ausgewählte Mitarbeiter durch den Metalldetektor.

Eine Industriestadt an der Aare

Hinter dem Sicherheitszaun findet man sich in einer kleinen Industriestadt wieder: Arbeiter und Bürolisten kommen mit dem Kaffeebecher aus der Kantine namens Aareblick, gönnen sich in der Morgensonne eine Rauchpause oder fahren mit den betriebseigenen Velos zu einem weiter entfernten Gebäude. Veloschlösser braucht es hier nicht.

Beim Eingang in die kontrollierte Zone ist es dann vorbei mit der Gemütlichkeit. Es herrscht ein strenges Sicherheitsprotokoll. Mittels Badge und Fingerabdruck kommen die Angestellten in die Maschinenhalle. Alles, was sie jetzt am Körper tragen, wird nach dem Arbeitseinsatz in der kontrollierten Zone in einer speziellen Anlage vor Ort gewaschen. So soll sichergestellt werden, dass kein strahlendes Partikel das AKW verlässt. Während der vierwö­chigen Revision fallen rund 30 Tonnen ­Wäsche an.

In der Maschinenhalle stehen die zwei riesigen Turbinengruppen und Generatoren. Normalerweise erzeugen diese Strom für 400000 Menschen – mit Wasserdampf aus dem nebenan gelegenen Atomreaktor.

In der Maschinenhalle gibt es noch Tageslicht und genügend Platz – das ändert sich im Reaktorgebäude. Das über 40 Meter hohe, runde Herzstück des AKW Mühleberg kann nur über eine Schleuse betreten werden. Wie in einem U-Boot schliesst sich zuerst eine Panzertür, der Druckausgleich findet statt, und dann öffnet sich die Panzertüre am anderen Ende der Kammer.

Science-Fiction mit Patina

Im Innern des Reaktorgebäudes ist es warm und laut. Man wähnt sich in einem gut gealterten Science-Fiction-Film. Alles wirkt aus der Zeit gefallen und doch futuristisch: Männer in weissen, gelben, orangen und grünen Overalls schreiten konzentriert durch die Gänge, Geräte werden zur Installation bereitgelegt, unzählige Leitungen führen in alle Richtungen. Hinter einem weiteren Betonmantel befindet sich der Reaktor, der während der Revision ruht. Hergestellt hat ihn der US-Konzern General Electric. Und so fliegt die BKW bis heute jeden Sommer ganze Teams des Unternehmens aus den USA ein, die den Reaktor warten.

Der zentrale Teil der Revision ist das Auswechseln von Brennelementen. Im Reaktor befinden sich 240 Uran-Brennelemente. Drei Dutzend werden jedes Jahr ausgewechselt. Jetzt sind es etwas mehr, weil das AKW nach der Revision fast 16 Monate lang am Stück laufen wird. Die Brennelemente wurden bereits vor einigen Jahren aus den USA mit Schiff und Lastwagen angeliefert – ebenfalls von General Electric. Mit den viereinhalb Meter langen Elementen verhält es sich wie mit den Drucker­patronen zu Hause: Man ist an den Hersteller des Geräts gebunden.

Ganz oben im Reaktorgebäude leuchtet das Wasser des Abklingbeckens blau. Im 28 Grad warmen Wasser bleiben die entfernten Brennstäbe während fünf Jahren, bis die radioaktive Strahlung des Urans genügend schwach ist für den Transport ins Zwischenlager im aargauischen Würenlingen. Das geht jeweils ohne Aufsehen über die Bühne, mit einer diskreten Polizeieskorte und Überwachung aus der Luft.

Neben dem Abklingbecken ist der Blick in den offenen Reaktor frei. Für die Revision wurden die massiven Schrauben gelöst und der Deckel abgehoben. Der Reaktor – von Kritikern wegen seiner Risse als «Schrottreaktor» bezeichnet – wird ständig überwacht: Sowohl das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) als auch die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) in Wien verfügen hier über eine fix installierte Kamera.

Neue Fabrik oder grüne Wiese?

Wenn am 20. Dezember 2019 das AKW Mühleberg heruntergefahren wird, ist für die meisten Angestellten noch nicht Schluss: Fünf Jahre müssen die letzten Brennelemente dann noch gelagert werden, und bis zum vollständigen Abriss werden weitere zehn Jahre vergehen. Danach könnte das Areal für eine Fabrik genutzt werden – oder als Landwirtschaftsland. Entlassungen soll es wegen des Endes des zweitältesten Schweizer AKW keine geben – alle Mitarbeitenden können bei der BKW bleiben.

Um die kontrollierte Zone wieder zu verlassen, müssen sich Arbeiter und Besucher in einer speziellen Schleuse auf Radioaktivität untersuchen lassen. Der Automat weist einen an, Hände und Füsse richtig zu platzieren. «Keine Kontamination», sagt die Computerstimme schliesslich – und die Tür zur Aussenwelt öffnet sich. (Der Bund)

Erstellt: 29.08.2018, 20:52 Uhr

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