Ein Paar kämpft um sein Kind

Fünf Tage nach der Geburt ihres dritten Kindes erfährt eine Thuner Mutter noch im Wochenbett, dass ihr die Obhut über das Kind entzogen wird. Sie ist nicht die einzig Betroffene.

Das Leben von Eltern, denen die Kinder weggenommen werden, gera?t durch diesen Entscheid oft ga?nzlich aus den Fugen.

Das Leben von Eltern, denen die Kinder weggenommen werden, gera?t durch diesen Entscheid oft ga?nzlich aus den Fugen. Bild: Ennio Leanza/Keystone

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Eigentlich war es ein freudiges Ereignis. Und doch beginnt Mark Meier* zu weinen, als er davon erzählt. Ende November sind er und seine Partnerin Noëmi Müller* Eltern geworden. Doch das Glück ist von kurzer Dauer: Noch während des Wochenbetts der Mutter im Spital erhalten die Eltern Besuch von den damaligen Vormundschaftsbehörden Thun. Mittels einer superprovisorischen Verfügung wird dem nicht verheirateten Paar eröffnet, dass der Mutter die Obhut über ihr fünf Tage altes Kind entzogen wird.

Die Eltern sind fassungslos – bis heute. Im Spital verschaffen sie ihrer Enttäuschung Luft. Die Verantwortlichen lassen die Polizei kommen. Als die Situation nach Eintreffen der Polizei zu eskalieren droht, werden beide Elternteile im Rahmen eines fürsorgerischen Freiheitsentzugs in eine Klinik eingewiesen: Mark Meier in eine psychiatrische Klinik, Noëmi Müller in eine Privatklinik, in welcher sie bis heute ist – mit ihrem Kind.

Gegen die Behörden in Thun erhebt das Paar nun schwere Vorwürfe: Es lägen weder genügende Gründe für einen Obhutsentzug vor, noch sei der Sachverhalt genügend abgeklärt worden. Ihr rechtliches Gehör sei verletzt worden, zudem mangle es den heute zuständigen Behörden sowie den vorgängigen Behörden an Objektivität.

Wenn die neue Behörde die alte ist

Seit dem 1. Januar ist das neue Kindes- und Erwachsenenschutzrecht in Kraft. Es hat das über 100-jährige bisherige Vormundschaftsrecht abgelöst. Nach neuem Recht ist eine interdisziplinär zusammengesetzte Fachbehörde als Erwachsenen- und Kindesschutzbehörde (KESB) einzusetzen, welche die jeweiligen Vormundschaftskommissionen der einzelnen Gemeinden ablöst. Beschwerdeinstanz gegen Entscheide der neuen Behörde muss neu direkt ein Gericht sein und nicht mehr wie bis anhin der Regierungsstatthalter.

Mark Meier begrüsst das neue Kinder- und Erwachsenenschutzrecht. Und doch: Meier bemängelt, dass in den neuen Gremien auch Leute aus den früheren Kommissionen Einsitz nehmen können. Er befürchtet, dass diese jene Fälle, die noch während des alten Rechts aktenkundig geworden sind, «alles andere als unabhängig» beurteilen würden. «Ich kann mir gut vorstellen, dass die ehemaligen Kommissionsmitglieder, die in der neuen Behörde Einsitz nehmen, auf Biegen und Brechen versuchen werden, ihre bereits früher gefällten Entscheide durchzubringen.»

In Thun zumindest steht an der Spitze der heutigen KESB der Sekretär der früheren Vormundschaftskommission Thomas Büchler. Der Jurist bestätigt, den vorliegenden Fall zu kennen und mit den Betroffenen bereits in der Vergangenheit zu tun gehabt zu haben. Konkret wollen aber weder Büchler noch andere in den Fall involvierte Personen Auskunft geben. Sie berufen sich auf das Amtsgeheimnis. Das Angebot, Auskunft zu geben, sollte Mark Meier die KESB schriftlich vom Amtsgeheimnis entbinden, wird von Thomas Büchler nach Rücksprache mit den Verantwortlichen des kantonalen Jugendamts wieder zurückgezogen.

Ein Leben mit Akten

Noëmi Müllers Leben ist seit 2010 in schriftlichen Gutachten, Protokollen und Briefen festgehalten. Ein Leben, ausgebreitet über Hunderte von Seiten, eingeklemmt für immer zwischen Aktenordnern in Amtsstuben. Es ist ein Leben, über das seit spätestens 2010 vor allem Ärzte, Behördenmitglieder und Juristen entscheiden – seit sich die Ereignisse nach der Geburt ihres zweiten Kindes überschlagen haben: Trennung vom damaligen Partner, Diagnose einer postnatalen Depression, Gefährdungsmeldung durch die damalige Hebamme, Diagnose einer schizoaffektiven Störung.

Und als Müller wegen eines Sturzes des Zweitgeborenen ins Inselspital überwiesen und ihre Vorakte bekannt wird, passiert kurz darauf das, was die dreifache Mutter noch heute erschüttert: Ihr wird die Obhut über ihre beiden Kleinkinder entzogen. Diese werden fremdplatziert – in einer freikirchlichen Pflegefamilie und damit in einem Umfeld, welches Müllers eigenen Werten nicht entspricht.

Ein ewiger Kampf

Noëmi Müllers Leben wird fortan zum Kampf: Gegen Verfügungen, gegen Mutmassungen, Vorurteile und Diagnosen. Nach zwei Jahren wird der Obhutsentzug aufgehoben – Noëmi Müller lebt nun mit ihrem neuen Partner Mark Meier in Thun, Müllers Kinder dürfen bei ihr leben. Meier wie Müller sind regelmässig auf dasselbe psychopharmakologische Medikament angewiesen und beide wollen sie nur eines: eine Familie sein. Und zeigen, dass das, was in Müllers und auch in Meiers Akten steht, eine Episode in ihrem Leben ist.

Sie werden eng begleitet, Situationen in der Familie werden schriftlich festgehalten, ebenso Gespräche mit der Familienbegleiterin, der Beiständin und anderen staatlichen Betreuungspersonen. Es werden Beobachtungs- und Verlaufsberichte geschrieben, es wird zu Sitzungen und Anhörungen eingeladen, zu Arzt- und Psychiaterterminen – es ist ein Leben unter dauernder Beobachtung. Und Bewährung.

Irgendwann lässt der unablässige Disput mit den Behörden, die Situation so eskalieren, dass Mark Meier in die Klinik eingewiesen wird – Müller verliert kurz darauf erneut die Obhut über ihre Kinder. Seither leben diese bei ihrem leiblichen Vater.

Zu ihrer Vergangenheit stehen Müller und Meier. Aber: «Wir haben kaum eine Chance zu beweisen, dass wir uns heute an einem anderen Ort befinden, weil immer wieder diese früheren Akten hervorgeholt werden, auf welche sich alle heutigen Beschlüsse stützen», sagt Mark Meier.

Der Präsident der KESB Thun ist nicht erstaunt, dass der Obhutsentscheid der Behörde bei den betroffenen Eltern Missmut verursacht. Unabhängig vom vorliegenden Fall hält Büchler fest, dass sich sowohl die früheren Vormundschaftsbehörden wie auch die heutige KESB Thun bewusst sei, «in einem ganz heiklen Gebiet zu arbeiten – wir kommen bei unserer Arbeit in sehr sensible Bereiche». Bei allen Kindesschutzmassnahmen stehe indes stets das Kindeswohl im Vordergrund. Doch: «Gerade bei elterlichen Streitigkeiten und dem Thema Sorgerecht kommt es oft vor, dass beide Elternteile mit unserem jeweiligen Entscheid nicht einverstanden sind.»

Noëmi Müller ist nicht die Einzige, welcher die Obhut über die eigenen Kinder entzogen worden ist. Unter der Obhut versteht man das Recht der Eltern, über den Aufenthaltsort ihrer Kinder zu bestimmen. Der Obhutsentzug ist damit ein schwerer Eingriff in die elterliche Sorge. Die Zahl der Obhutsentzüge ist in den letzten Jahren massiv angestiegen, wie der schweizerischen Vormundschaftsstatistik zu entnehmen ist. Wurde 2001 schweizweit in 499 neuen Fällen den Eltern die Obhut entzogen, stieg die Zahl bis 2010 sprunghaft an: 2006 wurde in 619 Fällen den Eltern die Obhut entzogen, 2010 bereits in 1032 Fällen. Insgesamt bestanden per Ende 2011 schweizweit 3546 Obhutsentzüge (alte und neue Fälle).

Dies deckt sich mit der Zunahme anderer Massnahmen im Kindesschutzbereich, etwa dem sprunghaften Anstieg der Erziehungsbeistandschaften. Von insgesamt 10'311 neu angeordneten Kindesschutzmassnahmen im Jahr 2001 ist die Zahl auf 16'232 neu angeordnete Massnahmen per Ende 2011 angestiegen. Damit bestanden 41'878 Kinderschutzmassnahmen Ende 2011.

Angst, etwas zu verpassen

Doch wie ist diese massive Zunahme der Kinderschutzmassnahmen zu erklären? Sind Behörden heute sensibilisierter oder hat die Zahl schwieriger Familiensituationen wirklich zugenommen? In den Gesprächen mit den in den Thuner Fall involvierten Personen fällt etwas auf: die Angst, Entscheidendes zu verpassen. «Das Schlimmste wäre, wenn etwas passieren würde. Wir stünden als Erste in der Kritik», sagt KESB-Präsident Thomas Büchler.

Experten suchen Erklärungen

Christoph Häfeli befasst sich seit Jahrzehnten mit Kindes- und Erwachsenenschutzfragen. Er hat zahlreiche Publikationen dazu veröffentlicht. Der ehemalige Rektor der Hochschule für Soziale Arbeit in Luzern sagt, die Behörden in der Schweiz würden beim Kindesschutz nicht überreagieren. «Im Gegenteil: Es gibt nach wie vor eine grosse Hemmschwelle, massiv einzugreifen.» Häfeli bestätigt aber auch, dass sich die Behörden Einflüssen kaum entziehen könnten: «Als in Deutschland einige Kinderschutzfälle katastrophal und tödlich endeten und diese breit ausgeschlachtet wurden, machte sich in der Schweiz eine grosse Unsicherheit breit.» Entsprechend würden sicher ab und zu auch Massnahmen getroffen, die nicht angebracht seien.

Seit Jahren suchen die Experten denn auch nach «plausiblen Antworten», welche die deutliche Zunahme der Kinderschutzmassnahmen begründen würden. Häfeli persönlich hält drei Gründe für wahrscheinlich: Mit der Zunahme der Bevölkerung stieg auch die Zunahme der Kinderschutzmassnahmen, es gibt eine höhere Bereitschaft von Schulen und Behörden, Gefährdungsmeldungen zu machen. Daneben sei es insgesamt anspruchsvoller und schwieriger geworden, «in der heutigen Welt Kinder zu erziehen».

Auch beim Verein «Kinderanwaltschaft Schweiz», der sich für eine kinderfreundliche Justiz einsetzt, hat man für die Zunahme der Massnahmen keine abschliessenden Erklärungen parat. Grundsätzlich, hält Fachbereichsleiterin Christina Weber Khan fest, «sollte ein staatlicher Eingriff ins Leben eines Kindes und in die Familie immer sorgfältig erwogen werden». Oft würden «weichere» Massnahmen wie eine sozialpädagogische Familienbegleitung oder auch schulische oder therapeutische Angebote gar nicht oder nur zögernd angeordnet – «nicht zuletzt aus finanziellen Gründen». Oder es werde überreagiert und Kinder sofort fremdplatziert.

Für Weber Khan ist klar, dass einmal angeordnete Massnahmen regelmässig überprüft und entsprechend angepasst werden sollten. «Dies wird jedoch leider oft nicht gemacht, und zwar aus zeitlichen Gründen, etwa weil die Beistände überlastet sind.» Als Manko bezeichnet die Fachfrau auch den Umstand, dass im Falle betroffener Jugendlicher «diese eine Überprüfung der Massnahmen nicht selber beantragen können und ihre Meinung dazu leider auch zu wenig bei der Anordnung oder Änderung einer Massnahme einbezogen wird».

Ohnmacht und Angst

Noch kann Noëmi Müller mit ihrem Kind in der Privatklinik bleiben. Tritt sie bis zum 31. Januar nicht in ein Mutter-Kind Haus ein, wird ihr das Kind weggenommen und fremdplatziert. Mittlerweile fühlt die Mutter nur noch eines: Angst und Ohnmacht. Und Mark Meier wünscht sich nur eines: «Dass wir als Familie zusammenbleiben können – und dass wir während einer ambulanten Begutachtung zeigen können, wie wir mit unserem Kind umgehen und interagieren – von mir aus einen ganzen Tag lang.» Gegen den Entscheid der Behörden hat das Paar nun Beschwerde erhoben. Ob indes eine Anhörung vor Ablauf der Behördenfrist zustande kommt, daran zweifeln die beiden heute.

* Die Namen sind geändert, und auch das Bild zeigt nicht die betroffenen Personen. (Der Bund)

Erstellt: 27.01.2013, 22:10 Uhr

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