Ein Mann mit Mut, Umsicht und Diskretion

Rolf Bloch aus Muri, ehemaliger Schokoladefabrikant und Ex-Präsident des jüdischen Dachverbands SIG, ist am Mittwoch fast 85-jährig verstorben.

Gilt als Förderer des christlich-jüdischen Dialogs: Rolf Bloch.

Gilt als Förderer des christlich-jüdischen Dialogs: Rolf Bloch. Bild: Franziska Scheidegger

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Traf man ihn in einer Menschenmenge, konnte es durchaus sein, dass man den nicht sehr grossen und eher unauffälligen Mann zuerst übersah. Doch wenn man mit ihm sprach, merkte man rasch, dass Rolf Bloch ein Mann von grossem Wissen und Können war, eine Persönlichkeit mit Takt, Umsicht und Augenmass – und einer Prise Schalk. Er gehörte zu den erfolgreichen Unternehmern der Schweiz. 1954 trat der promovierte Jurist in die väterliche Schokoladefabrik in Courtelary im Berner Jura ein. Heute ist Camille Bloch mit der legendären Ragusa-Schoggi einziger noch unabhängiger Schokoladeproduzent in der Schweiz. Im Jura sind Investitionen von gut 30 Millionen Franken geplant. «Das Leckerhäuschen im Berner Jura», wie es der «Bund» einmal nannte, inspirierte das Schweizer Fernsehen zur Fabrikanten-TV-Soap «Lüthi & Blanc» – mit frei erfundener Handlung.

1997 übergab Rolf Bloch die operative Leitung der Firma in die Hände der dritten Generation. 2005 zog er sich aus dem Amt des Verwaltungsratspräsidenten zurück. Bloch suchte nicht den grossen Auftritt, doch wenn eine Aufgabe, auch eine schwierige, zu vergeben war, dann war er zur Stelle. So stand er dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) von 1992 bis 2000 vor. In diese Zeit fiel die Auseinandersetzung um die nachrichtenlosen Vermögen von Naziopfern, deren Ansprüche die Schweizer Banken lange ignorierten hatten. In dem zum Teil gehässigen Streit prägte der mit Augenmass agierende Bloch den Satz: «Gerechtigkeit für die Juden und Fairness für die Schweiz.»

Einsatz für Holocaust-Opfer

Die Debatte mündete in den Bergier-Bericht über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Die Banken bezahlten über eine Milliarde Franken. Der Bund richtete 1997 einen Spezialfonds für Holocaust-Opfer ein, der bis 2002 knapp 300 Millionen Franken an bedürftige Überlebende des Naziregimes verteilte. Fonds-Präsident war Rolf Bloch. Zuweilen konnte man den bescheidenen Mann an seinem Wohnort Muri mit einem Köfferchen das blaue Bähnli besteigen sehen, um zu einer Dienstreise aufzubrechen – stets in der Absicht, wenig Spesen zu verursachen. Einmal stellte ihm ein Medienvertreter die Frage, ob die Entschädigungen auch für Sinti und Roma und andere Anspruchsgruppen keine Konkurrenz für notleidende Juden seien. Bloch antwortete trocken: «Sie waren keine Konkurrenz in den Gaskammern, sie sind es auch jetzt nicht.»

Bloch galt weitherum als integre Persönlichkeit, was sich 2006 anlässlich eines Streiks bei Swissmetal im bernjurassischen Reconvilier zeigte. In der verfahrenen Situation ernannte ihn der damalige Wirtschaftsminister, Bundesrat Joseph Deiss (CVP), zum Mediator, welcher von beiden Seiten als neutral und der Sache verpflichtet anerkannt wurde.

Bloch, der seit seiner Studienzeit Mitglied der Freistudenten war, erhielt zweimal die Ehrendoktorwürde: in den USA und in Bern. Er amtete auch als Vizepräsident des europäischen jüdischen Dachverbands European Council of Jewish Communities. Engagiert war Bloch im christlich-jüdischen Dialog. In diesem Zusammenhang erhielt er den Fischhof-Preis. 1975 bis 1985 präsidierte er die Jüdische Gemeinde Bern (JGB). Bloch interessierte sich für Kunst, reiste und wanderte gern. Am 24. Juni wäre Bloch 85-jährig geworden. Er hinterlässt eine Witwe, drei erwachsene Kinder und zehn Enkelkinder. Am Sonntag findet in Bern ein Trauergottesdienst statt. (Der Bund)

Erstellt: 27.05.2015, 16:51 Uhr

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