Eile mit Weile bei Hochwasserberechnung für Staudämme und AKW

2011 kritisierte Klimahistoriker Christian Pfister, die Hochwassergefahr werde unterschätzt. 2014 wollen die Behörden Arbeitsgruppen zum Thema einsetzen.

Laut Klimahistoriker, Christian Pfister, wird die Hochwassergefahr unterschätzt.

Laut Klimahistoriker, Christian Pfister, wird die Hochwassergefahr unterschätzt. Bild: Valérie Chételat

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Die Meldung des Bundesamts für Umwelt (Bafu) von gestern klingt banal: Das Bafu will mit weiteren Bundesämtern sowie Meteo Schweiz und der Atomaufsicht Ensi «gemeinsame Grundlagen für die Beurteilung der Hochwassergefährdung an Aare und Rhein erarbeiten». Im kommenden Jahr würden dazu «Arbeitsgruppen mit externen Spezialisten und Vertretern des Bundes gebildet». Eine Synthese der Arbeit dieser Gruppen werde «ab 2016» erstellt.

Doch es handelt sich keineswegs nur um Routineforschung. Die nun langsam anlaufenden Arbeiten sind die Spätfolge einer intensiven Fachkontroverse zur Sicherheit der AKW in der Schweiz, vor allem jener von Beznau und Mühleberg.

Historische Hochwasser ignoriert

Die Kritik, welche der renommierte Klimahistoriker Christian Pfister im Juli 2011 erstmals im «Bund» äusserte, war brisant. Er warnte, die Gefahr, die extreme Hochwasser für das Atomkraftwerk Mühleberg darstellen, werde unterschätzt. Der Hintergrund: Die Klimahistoriker Pfister und Oliver Wetter hatten eine Studie zu Hochwassern verfasst, die sich seit dem Mittelalter ereignet haben. Der Energiekonzern Axpo verwendete diese Studie als eine der Grundlagen zur Beurteilung der Hochwassergefahr für das AKW Leibstadt.

Für das AKW Mühleberg hingegen stützte die Betreiberin BKW sich weitgehend auf theoretische Berechnungen für Hochwasser ab, welche geschichtliche Ereignisse aus der Zeit vor den systematischen Wasserstandsmessungen nicht berücksichtigten.

Die Frage der Beurteilungsgrundlagen für Extremhochwasser war im Sommer 2011 keineswegs nur theoretischer Natur. Zur Erinnerung: Die BKW hatte das AKW Mühleberg vom Netz genommen, weil eine ETH-Studie aufgezeigt hatte, dass die Notkühlung des AKW bei Extremhochwasser verstopfen könnte. Der Nachweis, dass Mühleberg ein Extremhochwasser mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:10 000 pro Jahr überstehen könnte, entschied darüber, ob das AKW wieder ans Netz gehen würde. Die Kritik von Pfister, man habe für Mühleberg – anders als für Leibstadt – nicht einmal die Hochwasser berücksichtigt, die sich nachweislich bereits einmal ereignet haben, stellte die eigentliche Grundlage des Nachweises infrage.

Ensi vertröstete auf später

Die Atomaufsicht Ensi jedoch ignorierte die Grundlagenkritik von Pfister, als sie im Herbst 2011 der BKW erlaubte, Mühleberg wieder hochzufahren. Das Ensi stellte allerdings in Aussicht, es werde die Annahmen für Extremhochwasser später neu überprüfen lassen.

Bisher hat man laut Bafu «eine Vorstudie in Angriff genommen» und – nun doch – «eine Untersuchung der historischen Hochwasserereignisse eingeleitet». Letztere wird koordiniert vom Geografischen Institut der Universität Bern sowie dem Professor für Umwelt- und Klimageschichte Christian Rohr, dem Nachfolger von Pfister. Sehr weit können die Arbeiten allerdings nicht sein, da die Aufträge erst 2013 erteilt wurden.

Viel zu spät für AKW-Kritiker Markus Kühni: «Das Ensi hat mehr als zwei Jahre lang Däumchen gedreht. Eine Überprüfung der Gefährdungsannahmen hätte laut Gesetz ‹unverzüglich› nach Fukushima stattfinden müssen.» Aber andererseits vielleicht doch früh genug, um den von der BKW geplanten Betrieb von Mühleberg bis 2019 infrage zu stellen. (Der Bund)

Erstellt: 11.12.2013, 07:24 Uhr

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