Von der Schiefertafel zum Tablet

Nando Stöcklin arbeitet an der Zukunft der Schule. Der Berner Bildungsforscher ist Mitentwickler der Lernplattform Questanja. Sie funktioniert und sieht aus wie ein Computerspiel.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Das sind eigentliche Motivationsprofis, die wissen genau, wie man jemanden bei der Stange halten kann.» Wenn Nando Stöcklin über Spieleentwickler oder Gamedesigner spricht, dann spürt man aus seinen Worten eine gewisse Bewunderung heraus. In der Tat geht es um einen merkwürdigen Gegensatz: Am Computer spielen manche Kinder mit einer solchen Begeisterung, dass ihren Eltern angst und bange wird; in der Schule dagegen lässt ihre Motivation zu wünschen übrig.

Diesen Gegensatz möchte der 41-jährige Wissenschaftler, der seit zehn Jahren am Institut für Weiterbildung und Medienbildung der Pädagogischen Hochschule (PH) Bern arbeitet, überwinden. Das Stichwort dazu ist von «Game» abgeleitet, dem englischen Begriff für Spiel, und lautet Gamification. Dabei geht es um die Frage, wie die Methoden der Spieleentwickler in den Unterricht übertragen werden können – in ein eher ernstes Umfeld sozusagen.

Es geht also um spielerisches Lernen. Das ist an und für sich ein uraltes Konzept. Zwei Kinder, die einen Ball hin und her werfen und dabei zählen, lernen ebenfalls spielerisch. Was Stöcklin tut, geht einfach ein bisschen weiter, dreht sich um neue Medien und orientiert sich an erfolgreichen Computerspielen. Zusammen mit Nico Steinbach hat er die Online-Plattform Questanja entwickelt. Diese sieht aus wie ein Computerspiel und funktioniert auch so. Man kann Erfahrungspunkte sammeln, Sterne gewinnen und damit virtuelle Güter kaufen; es gibt Spielfiguren, die sich verändern lassen, und Ranglisten. Und doch ist es nicht wirklich ein Spiel, sondern ein Lernsystem. Das verrät schon der Name: «Quest» heisst so viel wie «Suche».

Lehrpersonen sind gefordert

Und anders als die meisten Computerspiele ist Questanja sehr vielseitig. Auf der Plattform können die Lehrerinnen und Lehrer beliebige Themen laufen lassen. Mathematik zum Beispiel. Oder Geschichte. Die Vielseitigkeit hat jedoch ihren Preis. Um Questanja für ein bestimmtes Thema vorzubereiten, ist viel Arbeit nötig. Das System muss gefüttert werden. «Im Prinzip stellt man die gleichen Aufgaben, die man auch sonst stellen würde», sagt Stöcklin.

Der Unterricht dagegen verläuft anders. Die Schülerinnen und Schüler verfügen alle über einen Tabletcomputer und arbeiten sich durch die Aufgaben. Weil das System vernetzt ist, erkennen sie, wo ihre Kameradinnen und Kameraden stehen. So sieht ein Schüler etwa, wer die Aufgabe, an der er gerade zu scheitern droht, bereits gelöst hat – und wo er Rat suchen kann. Einander eine Aufgabe erklären sei erlaubt, sagt Stöcklin, die Lösung sollte aber nicht verraten werden – «was nicht immer funktioniert», fügt er schmunzelnd an.

Die Lehrer wiederum verfolgen die Fortschritte der Kinder gewissermassen live. Sie können einzelne Schüler anpeilen oder gleich die Klasse für einen «Theorie-Input» versammeln, wie es Stöcklin nennt. Ein solcher Input ist etwa dann angezeigt, wenn auffällig viele Kinder eine bestimmte Aufgabe auslassen.

Die Fotofunktion der Tablets eröffnet weitere Möglichkeiten. Kinder können Arbeitsblätter, die sie auf traditionelle Weise gelöst haben, fotografieren und der Lehrerin elektronisch zustellen. Diese kann die Korrekturen dann vornehmen, wenn sie Zeit hat – und sie zu einem beliebigen Zeitpunkt zurücksenden. Questanja funktioniert auch ausserhalb der Unterrichtszeiten. Es sei schon vorgekommen, sagt Stöcklin, dass einige Schüler zu Hause fast nicht mehr hätten aufhören können, Aufgaben zu lösen.

Hohe Motivation bei den Kindern

Das System ist bereits an mehreren Schulen getestet worden. Die Tests dauerten vier bis sieben Wochen – allerdings immer nur in einem Fach. Fände der Unterricht ständig auf diese Art statt, nützte der Effekt sich wohl ab, sagt Stöcklin. Bei den Tests war es anders. Die Schülerinnen und Schüler «waren am letzten Tag noch genau gleich motiviert wie am ersten». Die Tests führten auch zu Veränderungen der Plattform. Eine Schule schlug vor, man sollte selber Aufgaben kreieren können. Nun gibt es neu eine «Quest-Schmiede». Diese wird aber erst ab einem gewissen Level freigeschaltet, wie Stöcklin sagt.

Für den Ethnologen, der im Nebenfach Informatik studierte, ist eines zentral: Dank Internet und Computern ist es möglich, selbstbestimmt und im eigenen Rhythmus zu lernen. Die Kinder lesen Texte, schauen sich Videos an oder hören sich Tondokumente an (mit Kopfhörern). Und wenn sie etwas nicht verstanden haben oder eine Szene noch einmal anschauen wollen, spulen sie zurück. Ein solches Lernen bedingt eine entsprechende Ausrüstung. Für Nando Stöcklin läuft es darauf hinaus, dass Schülerinnen und Schüler früher oder später alle mit eigenen Tablets oder Laptops ausgerüstet werden oder mit privaten Geräten arbeiten dürfen. Die dauernde und rasche Verfügbarkeit der Geräte sei entscheidend, sagt er. Müssten die Kinder zuerst einen Computerraum aufsuchen und «fünf Minuten warten, bis die Geräte laufen, funktioniert es nicht.»

Nando Stöcklin erklärt in einem Vortrag, worum es bei QuesTanja geht. Das Thema lautet: «Gamification einer Mathematikeinheit in der Sekundarstufe I» (Der Bund)

Erstellt: 03.06.2016, 06:42 Uhr

Zwei Beispiele

Es gibt Learning-Apps, mit denen Lehrerinnen und Lehrer eigene Lerninhalte kreieren können. Als Beispiel eine Aufgabe, die Schülerinnen und Schüler zwischendurch lösen können: Hier geht es zum Link.

Die Aufgaben – hier eine zu verschiedenen Wettersituationen – können ziemlich schwierig sein.

Teure Geräte für die Schulen

Gemeinden werden finanziell belastet

Neuer Lehrplan und neue Empfehlungen des Kantons: Die Gemeinden werden ihre Schulen technisch aufrüsten müssen. Und das wird kosten.

Der Kanton empfiehlt, die Gemeinden bezahlen: Bei der Schulinformatik ist das die Regel. Die letzten Empfehlungen, die von der Erziehungsdirektion (ERZ) «zur Infrastruktur und Informatikausrüstung» abgegeben wurden, stammen aus dem Jahr 2008. Sie sind entsprechend veraltet. Pro Klasse sollten «mindestens drei vernetzbare Geräte» zur Verfügung stehen, heisst es darin etwa. Damit sind Arbeitsstationen gemeint, auf die Schülerinnen und Schüler permanent zugreifen können.

Für einen Unterricht, wie ihn der neue Lehrplan 21 vorsieht, wird das nicht mehr genügen. Der Zugriff aufs Internet wird so selbstverständlich wie das Aufschlagen von Büchern. Fixe Computerstationen verunmöglichen die nötige Flexibilität. Die Entwicklung läuft darauf hinaus, dass die Kinder persönliche Geräte benötigen, auf die sie permanent zugreifen können. Früher händigten die Gemeinden den Schulkindern Schiefertafeln aus, künftig werden es Tablets oder Laptops sein. Dieser Wandel hat seinen Preis. Dort, wo die Schülerinnen und Schüler heute bereits eigene Geräte erhalten, zeigt sich, dass die Kosten rasch Hunderttausende von Franken betragen.

«Hin zu mobilen Geräten»

Derzeit erarbeitet die ERZ neue Empfehlungen für die digitale Infrastruktur. Zum Inhalt ist noch nichts zu erfahren. Mitte August solle das Papier an einer Pressekonferenz vorgestellt werden, heisst es auf der Medienstelle der ERZ.

Es ist anzunehmen, dass die Empfehlungen etwas umfangreicher ausfallen dürften als jene aus dem Jahr 2008. Das lässt sich aus einem Zwischenbericht zum Thema «Medien und Informatik» ablesen, den die ERZ letztes Jahr veröffentlichte. Darin wird die Entwicklung «von fixen PC-Stationen hin zu mobilen Geräten» als unumgänglich beschrieben. Das Papier zeigt deutlich, dass an den Schulen aber nicht nur Hardwarefragen zu klären sind. Je stärker die digitale Vernetzung fortschreitet, desto drängender stellen sich beispielsweise Fragen zum Datenschutz.

Artikel zum Thema

«Die Digitialisierung hat einschneidende Auswirkungen»

Interview Das Internet wird den Schulunterricht der Zukunft nachhaltig verändern, ist Bildungsforscher Nando Stöcklin überzeugt. Mehr...

Die digitale Schule wird die Gemeinden viel Geld kosten

Für jedes Schulkind ein Tablet – im Kanton Bern wird dies bald Realität sein. Mehr...

Neue Bildungsstrategie bereitet Boden für Ganztagesschulen

Lernort und Lebensort zugleich, sollen die Volksschulen sein. Dafür entwickelte die Stadt eine neue Strategie mit vier Kernpunkten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Wandelnder Busch: Ein Model zeigt die Frühling Sommer Kollektion 2018 des chinesischen Designers Viviano Sue an der Fashionweek in Tokio. (19. Oktober 2017)
(Bild: EPA/FRANCK ROBICHON) Mehr...