Die schwierige Suche nach der Liebe

Die Fachstelle Herzblatt von Insieme Kanton Bern hilft Menschen mit geistiger Behinderung in Liebes- und Sexfragen. Im Herzblatt-Café können Betroffene nach einem Partner Ausschau halten.

Im Herzblatt-Café suchen Menschen mit Behinderung nach ihrer grossen Liebe.

Im Herzblatt-Café suchen Menschen mit Behinderung nach ihrer grossen Liebe. Bild: Valérie Chételat

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Kurt betont es gleich zu Anfang: «Ich suche keine, die mich mit SMS bombardiert.» Das sei ihm schon einmal passiert. «Es war schlimm.» Auch Lukas hat klare Anforderungen an seine Zukünftige. «Ich will nicht betrogen werden.» Wie sich das anfühlt, weiss er aus Erfahrung. Nun ist er wieder auf der Suche. Sein Herz sei momentan frei.

Es ist Samstagnachmittag und im Restaurant Provisorium 46 in der Länggasse herrscht geschlossene Gesellschaft. Schliesslich sollen an den fünf Holztischen, dekoriert mit Blumen und Kerzen im bronzenen Ständer, intime Angelegenheiten besprochen werden. Fünf Frauen und fünf Männer sind eingekehrt, um neue Lieb- oder Freundschaften auszumachen. An der Theke ist eine Schnur gespannt, an der die Steckbriefe der Teilnehmenden hängen. Auf den Tischen liegen Bilder, die mögliche Themen für eine eisbrechende Konversation liefern sollen. Laura ist noch etwas schüchtern, will hier aber «vielleicht» einen Freund finden. Mit Hemmungen hat Sandra nicht zu kämpfen. Selbst ihr Alter teilt sie jedem mit, der es hören will. «Seit Januar 46. Es ist eben, wie es ist.» Eines verbindet die Teilnehmenden des Herzblatt-Cafés jedoch: Sie alle haben eine geistige Behinderung.

«Gesellschaftliches Tabuthema»

Dieser Singletreff wird von der Fachstelle Herzblatt der Behindertenorganisation Insieme Kanton Bern organisiert. Das Herzblatt wurde letzten Herbst geschaffen, mit dem Ziel, Menschen mit geistiger Behinderung sowie deren Angehörigen in Fragen zu Freundschaft, Liebe und Sexualität zur Seite zu stehen.

Damit sei ein Angebot geschaffen worden, das bitter nötig ist, sagt Käthi Rubin, Geschäftsführerin von Insieme Kanton Bern. «Sexualität unter Menschen mit geistiger Behinderung ist in unserer Gesellschaft nach wie vor ein Tabuthema.» Dass Menschen mit geistiger Behinderung die gleichen Bedürfnisse haben, wie alle anderen auch, werde oft ignoriert. Oft auch von den Eltern der Betroffenen. «Ist ein Mensch mit geistiger Beeinträchtigung in einer Beziehung, kann das eine Zusatzbelastung für die Eltern oder Betreuer sein», sagt Rubin. Es sei jedoch ein Wandel spürbar. «Gerade jüngere Eltern wollen ihrem Kind die gleichen Möglichkeiten bieten, die alle anderen auch haben.»

Gedichte und Liebesbriefe

Die Fachstelle Herzblatt wird von Veronika Holwein geführt. Seit der Gründung im Herbst hat sie rund 20 Personen beraten. «Es kommen beispielsweise Paare zu mir, die sich entschlossen haben, Sex zu haben und nicht so recht wissen, was es dabei zu beachten gibt.» Dazu gehöre unter anderem die Frage der Verhütung. In ihrem Büro lagert Holwein konkretes Anschauungsmaterial, das von bunten Broschüren bis zu detailgetreuen Menschenpuppen reicht. Dass die Liebe auch verletzen kann, ist eine Erfahrung, die Holwein ihren Klienten zumutet. «Sie müssen nicht vor allem beschützt werden. Sie brauchen etwas mehr Begleitung.»

Im Herzblatt-Café sind die Weichen jedenfalls nicht auf Drama gestellt. Kurt liest aus selbstverfassten Liebesgedichten und erntet dafür tosenden Applaus. Petra schindet mächtig Eindruck mit ihrem Führerschein. Das Geld für ein Auto fehlt ihr aber zurzeit. Am höchsten im Kurs steht Anna. Sie hat bereits einen Liebesbrief bekommen. Ihr Verehrer kann aber heute nicht da sein. Er hat sich jedoch mit einer Bitte an Holwein gewandt. «Er sagte mir, ich soll aufpassen, dass sich heute niemand in Anna verliebt.» Ein erstes Rendezvous wurde nun auf den 9. September angesetzt. Dann findet das nächste Herzblatt-Café statt.

www.insieme-kantonbern.ch (Der Bund)

Erstellt: 25.06.2017, 20:14 Uhr

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