Die grüne Landstrategie 
sorgt für Diskussionen

Die mögliche Nationalratskandidatur von Jo Lang konfrontiert die bernischen Grünen mit der Frage ihrer Ausrichtung. Der Weg führt über Land-Sektionen.

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Matthias Raaflaub

Die stärkere Ausrichtung der Grünen Kanton Bern nach den ländlichen Sektionen beschäftigt die Partei mit Debatten. Das zeigt sich, zumindest seit Aline Trede für Christine Häsler auf eine Ständeratskandidatur verzichten musste und Jo Lang erklärt hat, dass er sich nur mit Unterstützung der «Landgrünen» für den Nationalrat aufstellen lässt (der «Bund» berichtete). Will Jo Lang auf die Nationalratsliste, muss er vor allem «Landgrüne» davon überzeugen, dass seine Kandidatur das Richtige für die Partei ist.

«Faire Chance» für Landsektionen

Ein Stadt-Land-Konflikt bei den Grünen? Nein, den gebe es nicht, sagen Exponenten der Partei unisono. «Ich sehe zwar Unterschiede, aber keinen Konflikt», sagt die Grossrätin Christine Häsler aus Burglauenen, seit einer Woche designierte Ständeratskandidatin. Dabei unterschieden sich die Grünen aber nicht von anderen Kantonalparteien. Häsler ist vom Vorstand der Kantonalpartei zur Kandidatin für die Ständeratswahl vorgeschlagen worden. Dass über den Entscheid zuletzt bei einem Teil des Grünen Bündnisses der Stadt Bern Kritik hörbar wurde, irritiert sie nicht. Sie habe absolutes Verständnis dafür, dass nicht alle die Überlegung richtig finden, statt der jungen Städterin Trede nun sie vorzuschicken. «Solche Diskussionen muss es geben. Das ist völlig legitim», sagt Häsler. Das letzte Wort hätten ohnehin die Delegierten.

Die Strategie der Grünen sieht vor, auch für die Nationalratswahlen eine vierte Spitzenkandidatur aus dem ländlichen Raum zu stellen. Die nächsten Wahlen sollen stärker auf die ländlichen Regionen ausgerichtet werden. Laut Kantonalpräsident Blaise Kropf verdienten die Ortsparteien vom Land bei den Wahlen eine «faire Chance» gegenüber den etablierten städtischen Aushängeschildern. «Im Nationalrat gibt es eine lange Tradition von Vertretungen aus der Stadt Bern. Es hat daher immer Bestrebungen gegeben, auch Kandidaten vom Land in eine gute Position bringen zu können», sagt Kropf.

Den Grundsätzen dieser Wahlkampfstrategie stimmten die Delegierten mit grosser Einigkeit zu. «Unsere Strategie ist ausserordentlich breit abgestützt», sagt er. Kropf: «Es gab einstimmige Vorstandsentscheide, und die Grundsätze zu den Wahlen haben von den Delegierten breiteste Rückendeckung erhalten.»

Emmentaler Grossrat für Lang

Wie stark der ländliche Anspruch in der grünen Kantonalpartei ist, wird sich mit dem definitiven Entscheid über die Nomination Jo Langs im Dezember zeigen. Lang will sich nur auf Vorschlag des kantonalen Vorstands für eine Nationalratskandidatur aufstellen lassen. Der Entscheid des Vorstands, «in dem das Land im breiten Sinne des Wortes die Mehrheit hat», wie Lang vergangene Woche erklärte, werde er als verbindlich betrachten. Das Gremium kann eigenmächtig einen Kandidaten ins Spiel bringen. Mit dieser «Wildcard» behält sich die Parteileitung vor, allfällige Ungleichgewichte bei den Profilen der Kandidierenden auszugleichen oder aus Sicht des Vorstands aussichtsreiche Kandidaten zu portieren.

Lang könnte als zugkräftige, landesweit bekannte Figur gut in die Rolle des Jokers passen. Dennoch ist klar, dass er nicht auf ebenso starke Unterstützung von den «Landgrünen» hoffen kann, wie er sie etwa beim Grünen Bündnis geniesst. Doch es gibt Unterstützer vom Land. Michel Seiler, Grossrat aus Trubschachen, hat im Emmental bei den kantonalen Wahlen den Sitz der Grünen verteidigt. Langs Nomination sei das einzig Richtige, sagt Seiler. Sie werde nicht nur den Grünen des Kantons und der Schweiz dienen, sondern auch den Grünen auf dem Land. «Für mich wäre unverständlich, wenn man einen so Bekannten wie Jo Lang nicht portierte», sagt Seiler. Für die Grünen gehe es im kommenden Jahr ums Ziel, mindestens ihren dritten Sitz zu behalten, obwohl dem Kanton Bern nur noch 25 statt 26 Mandate im Nationalrat zustehen. Man könne es sich nicht leisten, die bekanntesten Kandidaten nicht aufzustellen. «Es nützt auch den Grünen auf dem Land nichts, wenn wir am Ende nicht drei, sondern nur zwei Sitze aus der Stadt ­haben», sagt Seiler.

Blaise Kropf sagt, dass die Bestellung des 25. Listenplatzes dem Vorstand «ausdrücklich strategischen Gestaltungsspielraum» lasse. Er lässt damit durchblicken, dass die Auswahl der letzten Kandidatur Ausdruck der grünen Landstrategie sein könnte. «Es erscheint logisch, dass auch dort die Landstrategie Bedeutung hat», sagt Kropf. «Das wird bestimmt einer der Aspekte sein, die man seriös beurteilen wird.»

Der Bund

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