«Die frohe Version einer Demokratie»

Die Textilkünstlerin Dora Baumann Hostettler aus Schwarzenburg versetzt am 1. August zusammen mit Flüchtlingen einen Berg.

Dora Baumann Hostettlers «Berg» passt in einen Rollkoffer.

Dora Baumann Hostettlers «Berg» passt in einen Rollkoffer.

(Bild: Manuel Zingg)

Matthias Raaflaub

Einen Berg versetzen: Dora Baumann Hostettler macht das scheinbar Unmögliche möglich. Ganz einfach sei es zwar immer noch nicht, sagt sie. Aber mit ihrem Kunstprojekt gibt es bei diesem Herkulesakt fast nur noch technische Herausforderungen - und die sind überwindbar.Denn der Berg der Textilkünstlerin aus Schwarzenburg ist mobil. Zusammengepackt findet er sogar in einem Rollkoffer Platz. Die Künstlerin Dora Baumann Hostettler, von Beruf Pflegefachfrau, hat ihn in ihrem Atelier im Schulhaus von Obermettlen über lange Zeit von Hand genäht.

Dazu verwendete sie die Bestandteile von alten ausgedienten Herrenkitteln: Rosshaareinlagen, Schulterpolster und Stoffe. Jene Teile, welche in den alten Sakkos zur Verstärkung eingenäht wurden. Entstanden ist so ein Flickenteppich aus Stoffen - und deren Geschichten. Aufgehängt bildet dieses Nähwerk einen drei Meter hohen Gipfel, mit Felsvorsprüngen, Klippen und sanften Kämmen. «Es verkörpert Beständigkeit und Kraft», sagt Dora Baumann, solle aber auch dazu anregen, darüber nachzudenken, wie man mit Übermächtigem umgehen kann.

Hoffnungen, Wünsche und Träume

Ihr mobiles Kunstwerk hatte im vergangene Jahr schon mehrere Bühnen. Baumann interessiert es, den Berg in ganz unterschiedliche Kontexte zu versetzen: als Bühnenbild am Theater an der Effingerstrasse in Bern, in einer Ausstellung in der Kapelle auf Schloss Ueberstorf, an der Buchmesse Basel. Am 1. August folgt die nächste «Versetzung». An einer Feier in Jeizinen ob Gampel wird sich der Textilberg ins Panorama der Walliser Alpen einfügen.

Es soll ein Fest der Integration sein. Asylbewerberinnen und Asylbewerber aus dem Flüchtlingsheim Visp werden den schweizerischen Nationalfeiertag zusammen mit Einheimischen begehen. Sie werden den Berg von Dora Baumann Hostettler erstmals tragen. In einem Umzug wird er durch das Dorf geführt, nachdem sie von jenen Bergen sprechen, die sie selber versetzen wollen: von ihren eigenen Hoffnungen, Wünschen und Träumen.

Das Fest soll Spass auch machen

Die Schwarzenburger Künstlerin freut sich über diesen «einmaligen Anlass». Sie trug das Bild, dass ihr statischer Berg von Menschen bewegt wird, schon lange als Projektskizze mit sich herum. Ein zufälliger Kontakt mit Therese Baumann vom Flüchtlingsverein Visp, der Initiantin des Fests in Jeizinen, liess es dann rasch Realität werden. Ein Glücksfall für die Künstlerin: Ihre Idee passte sehr gut zu den Vorstellungen des Flüchtlingsvereins. Dass der Berg von einer Gruppe versetzt wird, versteht Dora Baumann als konsequente Fortführung ihrer Idee.

«Das Bergeversetzen ist ein Kraftakt, den man nicht alleine leisten kann. Es braucht den gemeinsamen Effort, ein geteiltes Lebensgefühl», sagt Dora Baumann. Die Bewohner des Asylzentrums freuten sich auf diese Gelegenheit, vor Leuten über sich zu sprechen und gehört zu werden. «Das scheint ein grosses Bedürfnis der Flüchtlinge zu sein.» Aber das Fest soll auch Spass machen: «Für die Asylbewerber ist es eine Abwechslung von ihrem sicher schwierigen Alltag.» Gleichzeitig fordere es auch dazu auf, sich mit dem Thema Integration auseinanderzusetzen.

Feingefühl, Konzentration und Sorgfalt

Am von den Organisatoren sogenannten Anderen 1. August in Jeizinen wird zusammen - schweizerisch und nicht schweizerisch - gegessen, es wird diskutiert und gefeiert. Am Ende des Abends wartet ein traditionelles Feuerwerk. Musiker der dort stattfindenden Rock- und Jazzwoche Jeizinen werden die Bergversetzung musikalisch begleiten und so zum Austausch der Traditionen und Kulturen beitragen. Dieser Rahmen ist auch Dora Baumann wichtig. Dass das Integrationsfest gerade am 1. August stattfindet, sei ein «eine einladende Geste der Gastfreundschaft», sagt Dora Baumann. «Gewissermassen die frohe Version einer Demokratie.»

Die Schwarzenburgerin ist derzeit mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt. Weil der von einer Gruppe getragene Berg eine Premiere wird, werde am Fest wohl eine Prise Spontaneität gefragt sein, sagt die 47-Jährige. Das Unterfangen fordere viel Feingefühl aller Beteiligten, Konzentration und Sorgfalt. Dabei gilt für sie beim Berge versetzen das, was auch schon bei ihrer Arbeit am Kunstprojekt zählte: «Stich für Stich an alles Mögliche glauben.»

Der Bund

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