Die ewigen Wehen der Gesundheitspolitik

Die Schliessung der Geburtshilfe im Spital Riggisberg löst Empörung aus. Auf dem Weg zu einem günstigeren Gesundheitswesen sind solche Entscheide aber nötig. Ein Kommentar.

Die Geburtshilfe in Riggisberg schliesst auf Ende Juli 2013. Sie hat zwar einen guten Ruf, ist aber seit jeher ein Nischenangebot.

Die Geburtshilfe in Riggisberg schliesst auf Ende Juli 2013. Sie hat zwar einen guten Ruf, ist aber seit jeher ein Nischenangebot.

(Bild: Valérie Chételat)

Matthias Raaflaub

Wer es aufsuchte und liebte, wird Riggisberg vermissen. Das dortige Geburtshilfeangebot gilt vielen als nahezu einzigartig im Kanton. Die Geburtsabteilung wird von den Patientinnen und Familien dafür geschätzt, dass sie ein natürliches Gebären ermöglicht. Auch bei komplizierten Geburten, wo andere Spitäler einen Kaiserschnitt vorziehen würden.

Riggisberg muss seine Geburtshilfe schliessen. Der Entscheid, welcher der Verwaltungsrat der Spitalnetz Bern AG und des Inselspitals Ende März getroffen hat, löste Enttäuschung und Unverständnis aus. Empört sind jene, welche in Riggisberg ihr Kind zur Welt gebracht haben. Die leidenschaftlichen Reaktionen auf den Entscheid – auch in unzähligen Leserbriefen – zeigen: Mit Riggisberg sind Familiengeschichten verknüpft. Doch die Schliessung auf Ende Juli kommt wohl zu Recht.

Am Ende zu wenig Geburten

Für den kurzfristigen Entscheid macht die Spital-Chefetage vor allem den Mangel an Fachärzten verantwortlich. Offenbar liessen sich neue Ärzte für Riggisberg nicht finden. Das hätte den Betrieb ernsthaft gefährdet. Doch auch langfristig sah es für die Geburtshilfe nicht gut aus. Denn sie schrieb Defizite.

Werdende Eltern schätzen die enge persönliche Betreuung in Riggisberg. Doch der hohe Komfort hat seinen Preis. Riggisberg hat einen 24-Stunden-Betrieb geführt, für hochgerechnet eine Geburt pro Tag. Wer in der Schliessung das Ende eines in der Region nötigen Angebots eines Landspitals sieht, liegt falsch. Nur 3 von 100 Geburten im Kanton Bern finden in Riggisberg statt. Gemäss der Aussage einer leitenden Ärztin im «Bund» kommt davon je eine aus der Region Gantrisch und eine aus der Stadt Bern. Das heisst: In Riggisberg geht es um ein Nischenangebot. Sowohl für die Leute in der Region am Längenberg als auch für Städter aus Bern.

Dass es für solch partikuläre Angebote in kleinen Spitälern eng wird, ist gewollt. Mit der Einführung der Fallpauschalen sollen Kosten im Gesundheitswesen sinken. Spitäler sollen künftig nur bestehen können, wenn sie das aus eigener Kraft schaffen. National- und Ständerat wollten es so, dass Spitäler wirtschaftlich geführt werden müssen. Daher folgt auch die Schliessung der Geburtshilfe in Riggisberg dieser Logik: Gibt es zu wenige Geburten oder dafür höhere Kosten als Einnahmen, rentiert die Geburtenabteilung auf Dauer nicht. Werden Frauen künftig statt nach Riggisberg in anderen Krankenhäusern oder in Privatkliniken gebären, so ist auch das gewollt. Es herrscht Wettbewerb.

Nur das Beste gut genug

Am Beispiel Riggisberg zeigt sich stattdessen ein weiteres Mal das Dilemma in der Gesundheitspolitik. Wird das Angebot eingeschränkt oder werden Leistungen abgebaut, werden Spitäler oder Abteilungen geschlossen, so stösst das a priori auf Ablehnung. Steigen die Krankenkassenprämien immer weiter an, so erzürnt auch das die Volksseele jährlich aufs Neue.

Die Medizin gegen ein zu teures Gesundheitswesen spuckt der Patient allerdings aus. Es sei an die integrierte Versorgung erinnert: Von Managed Care wollten 76 Prozent der Stimmbevölkerung nichts wissen. Mit dem Modell hätten Kosten gespart werden können. Den Preis, dafür bei der freien Wahl des Arztes Einschnitte hinnehmen zu müssen, wollten die meisten dann nicht hinnehmen. Ein zu kostbares Gut ist die eigene Gesundheit, als dass man dafür Kompromisse eingehen würde.

An der Grundsatzfrage hat sich nichts geändert: Was wollen wir bezahlen? Oder: Ist wirklich nur das Beste gut genug? Dabei geht der Massstab dafür, was überhaupt eine schlechte Gesundheitsversorgung sei, oft verloren.

Stellt sich die Politik bei solchen Beschlüssen der Spitalunternehmen in den Weg, so ist das inkonsequent. SVP-Nationalrat Rudolf Joder schloss sich zuletzt den Protesten gegen die Schliessung in Riggisberg an. Dabei ist der Weg politisch längst vorgegeben. Das Ende der Geburtshilfe in Riggisberg ist kein Spezial-, sondern ein Modellfall. In Erwartung einer günstigeren Gesundheitsversorgung sind schmerzhafte Einschnitte vorgesehen. Das geht mit Wehen einher. Auch da ist Riggisberg keine Ausnahme.

Der Bund

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