Die drohende Bildungslücke

Als Folge der Asylgesetzrevision erhält der Kanton Bern weniger Bundesgelder. Dadurch könnten Flüchtlinge künftig ohne Deutschkenntnisse auf den Arbeitsmarkt gelangen. Der Migrationsdienst widerspricht.

Wird es künftig vielleicht nicht mehr geben: Asylsuchende in einem Deutschkurs der Heilsarmee.

Wird es künftig vielleicht nicht mehr geben: Asylsuchende in einem Deutschkurs der Heilsarmee. Bild: Adrian Moser

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«Der Erwerb einer Landessprache ist zentral, um den Alltag in der Schweiz zu meistern», schreibt der Migrationsdienst des Kantons Bern (Midi) auf seiner Homepage. Doch nun scheint der Sprachunterricht, der zur Erlangung dieser Kompetenzen notwendig wäre, für Asylbewerber gefährdet. Dies, nachdem der Midi die im Rahmen der nationalen Asylgesetzrevision verfügten Kürzungen bei Bundesbeiträgen seit dem 1. Januar teilweise auf die Betreiber der Asyldurchgangszentren abwälzt. Kritiker monieren, dies würde zu einer Streichung des Deutsch- und Französischunterrichts für Asylbewerber führen.

«Deutschkurse sind essentiell»

Derzeit versuchen die Betreiber der Durchgangszentren die Löcher selbst zu stopfen. Einer davon ist die Flüchtlingshilfe der Heilsarmee, die im Auftrag des Midi mehrere Durchgangszentren betreibt. Für Daniel Röthlisberger, Abteilungsleiter Hilfswerk der Heilsarmee, sind professionelle Sprachkurse seit der Kürzung der Kantonsgelder eigentlich nicht mehr finanzierbar.

Er betrachtet diese Kurse aber als essentiell: Bei einer Streichung sähe er nicht nur die Integration der Flüchtlinge, die später einen positiven Asylentscheid erhalten, gefährdet, sondern auch den reibungslosen Betrieb der Durchgangszentren. Ganz ohne Deutschkenntnisse würde eine Kommunikation mit und unter den Asylsuchenden erschwert, Unsicherheit und Gewalt in den Unterkünften wären mögliche Folgen, befürchtet Röthlisberger. Aus diesen Gründen finanziere die Heilsarmee die Deutschkurse weiterhin aus ihren Reserven.

«Gute Sprachkenntnisse sind das A und O bei der Integration», erklärt Barbara Geiser, Geschäftsleiterin ad interim des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks Bern (SAH Bern). Das Hilfswerk ist eine der Organisationen, welche im Auftrag der Kantonalen Gesundheits- und Fürsorgedirektion Integrationsprogramme für anerkannte und vorläufig aufgenommene Flüchtlinge anbietet, diesen beispielsweise bei der Stellensuche hilft. Mangelhafte Deutschkenntnisse mindern die Chancen der Kursteilnehmenden auf dem Arbeitsmarkt laut Geiser enorm. Auf derselben Erkenntnis fusst auch derjenige Artikel des neuen, im kommenden Jahr in Kraft tretenden kantonalen Integrationsgesetzes, der Immigranten zu einem Sprachkurs verpflichtet.

«Sprachkurse führten nicht zum Erfolg»

Was die Bedeutung der Grundsprachkurse für Asylbewerber angeht ist Iris Rivas, Leiterin des Midi, anderer Meinung: «Wir erachtet das Angebot an Grundsprachkursen als Beschäftigungs- und nicht als Integrationsinstrument.» Die in den vorherigen Jahren bezahlten Sprachkurse hätten bei den Teilnehmenden zudem nicht zum erwünschten Erfolg bei der Integration und der Stellensuche geführt, schreibt Rivas weiter.

Nach dem Willen des Amtes für Migration und Personenstand (MIP) – der Midi ist Teil des MIP – sollen die Betreiber der Durchgangszentren künftig jene Asylbewerber verstärkt fördern, bei denen ein positiver Asylentscheid oder eine vorläufige Aufnahme wahrscheinlich ist. «Die Leistungsvertragspartner können die Zielgruppe von Sprachkursen selbständig und nach individuellen und einzelfallgerechten Kriterien bestimmen», schreibt Rivas dazu.

Laut Rivas soll diese Förderung anstatt durch Aufbausprachkurses künftig verstärkt mittels Beschäftigungsprogramme geschehen. Dadurch wolle man die Grundarbeitsfähigkeiten der Asylsuchenden fördern. Diese Massnahmen könnten aber letztlich dazu führen, so Rivas, dass künftig «nicht alle Personen des Asylbereichs gleichermassen in den Genuss von Sprachkursen kommen». Wie genau sich die Kürzungen auf die Deutschkurse auswirken, kann Rivas aber nicht sagen, da jeder Leistungsvertragspartner anders auf die Reduktion reagiert habe und reagieren werde.

Kontinuität bei Massnahmen fehlt

Doch während die Intensivierungen bei den Beschäftigungsmassnahmen erst angedacht sind, drohen die Sprachkurse bereits jetzt wegzufallen – auch für diejenigen Asylsuchenden, welche man eigentlich stärker fördern möchte. Vorerst scheint der Midi auf den Willen der Betreiber der Asylzentren zu zählen, die eigenen Reserven, welche einst aus Staatsgeldern gebildet wurden, anzuzapfen und die Kurse selbst weiterzufinanzieren. Eine Absprache darüber scheint es zwischen der Behörde und den Betreibern der Zentren aber nicht zu geben. «Eine Feststellung, wonach die Sprachkurse durch Reserven der Betreiber finanziert werden, kann das MIP weder bestätigen noch dementieren», schreibt Rivas.

Auswirkungen auf andere Direktionen

Und so könnten Menschen, die sich zurzeit im Asylverfahren befinden, bei einem positiven Asylentscheid dereinst ohne Deutschkenntnisse dastehen. Eine Möglichkeit, die man in der Gesundheit- und Fürsorgedirektion (GEF) verhindern möchte. Man stehe mit dem Midi bezüglich der Sprachkurse in Kontakt, sagt Manuel Haas, Leiter Abteilung Integration des in der GEF angesiedelten kantonalen Sozialamtes, auf Anfrage.

Denn während Menschen im Asylprozess vom Midi, das zur kantonalen Militär- und Polizeidirektion gehört, betreut werden, ist nach einem allfälligen positiven Asylentscheid die GEF für die nun anerkannten Flüchtlinge zuständig. Die aktuellen Einsparungen beim Midi könnten somit später beim GEF zu Folgekosten führen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.02.2014, 11:02 Uhr

Auswirkungen der Asylgesetzrevision

Die Kürzungen der Bundesgelder an den Kanton Bern sind eine Folge der nationalen Asylgesetzrevision. Einfluss auf die Höhe der Kürzungen respektive der gesprochenen Gelder hat dabei aber auch die Erwerbsquote der Asylsuchenden und vorläufig aufgenommenen Flüchtlinge im jeweiligen Kanton.

Dabei gilt: Je höher der Beschäftigungsgrad, desto höher sind die gesprochenen Bundesgelder. Im Kanton Bern ist die Quote unterdurchschnittlich tief. Iris Rivas, Leiterin des Migrationsdienstes schreibt, es sei schwierig, die Gründe für diese tiefe Quote zu eruieren. Man kläre diese zurzeit gemeinsam mit dem Sozialamt ab.

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