Die Wildwest-Methoden des Baukonzerns Marti

Im luzernisch-bernischen Grenzgebiet tobt seit Jahren ein heftiger Kampf um die reichen Kiesvorkommen. Mit einer aggressiven Strategie versucht der Baukonzern Marti die lokale Konkurrenz auszubooten.

Der Baukonzern Marti versucht auf fragwürdige Weise, der Konkurrenz den Wind aus den Segeln zu nehmen: Fahnen bei Martis Kieswerk im Abbaugebiet Rufswil.

Der Baukonzern Marti versucht auf fragwürdige Weise, der Konkurrenz den Wind aus den Segeln zu nehmen: Fahnen bei Martis Kieswerk im Abbaugebiet Rufswil. Bild: Manu Friederich

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Rund um den Napf ist nicht alles Gold, was glänzt. Hier wird zwar Gold geschürft. Hie und da kommen selbst in den Kiesgruben im Grenzgebiet der Kantone Bern und Luzern Goldflitter zu Tage. Das Luthertal im Luzerner Hinterland gehört zu den grössten Kiesregionen der Schweiz. In der Gegend ist jedoch seit einigen Jahren ein veritabler Krieg um Abbaurechte im Gang. An vorderster Front kämpft der Baukonzern Marti mit Hauptsitz in Moosseedorf. Gegen ihn laufen momentan Untersuchungen wegen mutmasslicher Steuerdelikte und Verstössen gegen das Kartellgesetz.

Im Luzerner Hinterland gehen Martis Vertreter äusserst aggressiv vor, um sich mehr Einfluss im lokalen Kiesmarkt zu verschaffen. So wurde etwa eine Zufahrtsstrasse zu einer Kiesgrube mit Betonelementen verbarrikadiert, um die Konkurrenz am Abbau zu hindern. Im Vergleich zum Verfahren der Wettbewerbskommission gegen Kiesfirmen aus dem Kanton Bern sei das, was hier abgehe, «im Minimum hoch zwei», sagt Adrian Wüthrich, SP-Grossrat und Gemeinderat im nahen Huttwil. Die Gemeinde ist direkt betroffen. Sie ist im Besitz eines Kieswerks, das sich jenseits der Kantonsgrenze befindet.

Flut von Einsprachen

Doch der Marti-Konzern geht scheinbar subtiler vor – auf rechtlichem Weg. Gegen sämtliche Abbaugesuche der lokalen Konkurrenz werden Einsprachen eingereicht, Entscheide in der Regel bis vor Bundesgericht weitergezogen – zum Teil mit Erfolg. Marti schliesst zudem Dienstbarkeitsverträge mit Grundeigentümern von Parzellen in der Nähe von Gruben ab, nur damit ein Abbauprojekt einer anderen Firma bekämpft werden kann.

Für Thomas Anliker ist das Ganze nichts anderes als «Behinderungstaktik». Er ist Geschäftsführer der Kieswerk Hüswil AG, die der Gemeinde Huttwil gehört. Martis Ziel sei es, die Mitbewerber durch langwierige Verfahren zu zermürben. Wenn die Konkurrenz über Jahre hinweg in den roten Zahlen arbeiten müsse, gehe ihr einmal der Schnauf aus. Dann seien die Firmen froh, von Marti ein Übernahmeangebot zu erhalten. Seitens des Marti-Konzerns will dazu niemand Stellung nehmen.

23'000 zusätzliche LKW-Fahrten

Die Situation ist an und für sich nicht neu. Die «Handelszeitung» hat schon vor ein paar Jahren über den «Krieg um Kies» berichtet und dabei aufgezeigt, dass Marti auch in anderen Regionen der Schweiz so vorgeht. Aufgrund der laufenden Untersuchungen gegen den Konzern gewinnt das Ganze aber an Aktualität. Hinzu kommt, dass sich die Lage im Luzerner Hinterland zugespitzt hat. Seit letztem Dezember kann nur noch in einer Grube Kies abgebaut werden. Diese wird von der Marti-Gruppe kontrolliert.

In den Gruben der Konkurrenten ruhen die Bagger, weil der Abbau durch Einsprachen blockiert ist. Dies führt zur absurden Situation, dass das Kieswerk Hüswil und andere alteingesessene Firmen andernorts Kies beschaffen müssen, um ihre Werke betreiben zu können – obwohl in ihrer Region Millionen von Kubikmetern unter der Oberfläche schlummern. Der Rohstoff wird aus 20 bis 30 Kilometern Entfernung herangeführt, etwa aus Niederbipp oder Lützelflüh. «Aus ökologischer Sicht ist das ein Wahnsinn», sagt Anliker. Um den jährlichen Bedarf der Kieswerke Hüswil und Gettnau von rund 300'000 Kubikmetern decken zu können, sind zirka 23?000 Lastwagenfahrten notwendig. Dadurch entstehen Mehrkosten von mindestens drei Millionen Franken.

Kieswerk läuft illegal

Marti nahm das Luzerner Hinterland vor etwas mehr als zehn Jahren ins Visier. An neue Kiesgruben heranzukommen, war schwierig, nur schon aufgrund der langwierigen Bewilligungsverfahren. In der Gemeinde Ufhusen bot sich die Möglichkeit, eine bestehende Grube zu kaufen. Die Betreiberfirma stand kurz vor dem Konkurs. 2004 übernahm Marti diese. Seither ist der Konzern in der Gegend präsent. Erst vor einem Monat wurde ein eigenes Kieswerk eröffnet.

Bei der Feier war auch Patron Rudolf Marti dabei. Die Zuschauertribüne steht immer noch. Das Baugesuch wurde gemäss Anliker erst nachträglich eingereicht. Obwohl die Baubewilligung noch nicht rechtskräftig sei, werde das Werk über Tage illegal betrieben, sagt er.

Gefängnisstrafe für Martis Mann

2004 sass Rudolf Marti höchstpersönlich in Anlikers Besprechungszimmer. «Damals tönte es noch gut», sagt Anliker. Marti habe davon gesprochen, man müsse sich die Abbaugebiete nicht gegenseitig streitig machen. Das löse nur Krieg aus. Es kam anders. In der Folge hatte Anliker nur noch mit Martis Anwälten zu tun – und dem Vertreter des Konzerns im Luzerner Hinterland. Es handelt sich dabei um denjenigen Unternehmer, der mit seiner Kiesfirma beinahe Konkurs gegangen wäre. Er wurde von Rudolf Marti mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet – etwa mit Einzelprokura in der Marti Holding. Der Bauriese setzt ihn auch für die Akquisition von Kiesgruben im In- und Ausland ein, zumal er als guter Verkäufer gilt. Der Unternehmer hat aber auch eine andere Seite: Kürzlich wurde er vom Bundesgericht wegen Vermögensdelikten und Urkundenfälschung zu einer Freiheitsstrafe von 34 Monaten, davon 12 Monate unbedingt, verurteilt. Die Gefängnisstrafe verbüsst er allem Anschein nach in Halbgefangenschaft. Er kann also am Tag seinem Beruf nachgehen und muss nur die Nacht in einer Strafanstalt verbringen.

Die alteingesessenen Firmen sind bislang standhaft geblieben. Sie haben es abgelehnt, den Marti-Konzern an ihren Kiesreserven zu beteiligen. Im Gegenteil: Sie helfen einander, trotz gegenseitiger Konkurrenz im Markt, bei der Rohstoffbeschaffung aus. Um die Einsprachenflut gezielter abwehren zu können, betreiben sie im Weiteren zusammen eine Firma, die für den Kiesabbau in einem derzeit blockierten Gebiet verantwortlich ist. Ans Aufgeben denkt Anliker nicht. Er hofft immer noch, dass der Konflikt beigelegt werden kann. Er gibt sich auch gesprächsbereit. Seine Türen seien offen. «Die Kiesbranche hat in der Gesellschaft einen guten Ruf. Wir wollen diesen nicht mit unnötigen Gerichtsverfahren und negativen Schlagzeilen aufs Spiel setzen.» (Der Bund)

Erstellt: 28.07.2015, 10:48 Uhr

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Kieswerk ist eine Goldgrube

Der Zeitpunkt könnte nicht ungünstiger sein: In Huttwil herrscht derzeit ein Bauboom. Die BLS baut für 50 Millionen Franken den Bahnhof um. Auf dem Bahnhofplatz entsteht der erste Kreisel des Städtchens. Zudem werden um die 100 neue Wohnungen erstellt. Ausgerechnet jetzt kann das gemeindeeigene Kieswerk, das sich im luzernischen Hüswil befindet, keinen eigenen Kies zu Asphalt oder Beton verarbeiten. Der Abbau ist durch Einsprachen aus dem Umfeld des Baukonzerns Marti blockiert. Daher muss das Werk den Rohstoff aus anderen Gruben dazukaufen und über längere Distanzen transportieren.

Die Lastwagen, die dafür unterwegs sind, fahren zum Teil durch Huttwil. Dort ist der zusätzliche Verkehr spürbar. Zudem werden sich die Lastwagenfahrten zweifelsohne auf das Ergebnis der Kieswerk Hüswil AG auswirken. «Die Rechnung 2015 wird sicher nicht gut aussehen», sagt Geschäftsführer Thomas Anliker.

400'000 Franken Dividende

Für Huttwil war das Kieswerk, das zu 100 Prozent der Gemeinde gehört, bislang eine Goldgrube. Die Abgaben an die Kommune machten rund ein Steuerzehntel aus. Alleine an Dividenden flossen in den letzten Jahren zwischen 250'000 und 400'000 Franken in die Kasse. Vorderhand macht sich Gemeindepräsident Hansjörg Muralt (SVP) aber noch keine Sorgen. «Auch wenn wir weniger vom Kieswerk erhalten sollten, wird das die Gemeinde nicht auf den Rücken werfen.» Huttwil steht finanziell ohnehin gut da.

Zu Martis Vorgehen sagt Muralt: Er wäre glücklich, wenn die Kieswerk Hüswil AG die Abbaurechte, die ihr zustehen, wahrnehmen könnte. Er hofft auch darauf, dass eine Lösung gefunden wird. Die Angelegenheit gehöre jedoch zum operativen Geschäft der Aktiengesellschaft. Daher sei es nicht Sache der Politik, sich einzumischen. Deutlichere Worte wählt sein Gemeinderatskollege, SP-Grossrat Adrian Wüthrich. Der Marti-Konzern dürfe dem Kieswerk Hüswil nicht noch länger Steine in den Weg legen. «Das Gebaren der Firma Marti ist geschäftsschädigend für Huttwil.»

Seit 80 Jahren

Dass das Kieswerk Hüswil im Besitze der Gemeinde ist, geht auf die Wirtschaftskrise in den 1930er-Jahren zurück. Schon damals war Kies in Huttwil ein knappes Gut. Um Arbeitslose zu beschäftigen und die Bauwirtschaft anzukurbeln, kaufte die Kommune einem Hüswiler Bauern jenseits der Kantonsgrenze seine Grube ab. In den Anfängen wurde der Kies jeweils mit Schaufeln abgebaut und mit Pferdewagen nach Huttwil gebracht. In den 1990er-Jahren wurde der Betrieb in eine Aktiengesellschaft übergeführt.

(Bild: Bund-Grafik)

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