Die Wahl zwischen Pest und Cholera

Das Kulturerbe sieht man im Kanton Bern bloss als Sand im Bauwirtschaftsgetriebe.

Und was ist mit dem Berner Münster? Gehört es zum europäischen Kulturerbe?

Und was ist mit dem Berner Münster? Gehört es zum europäischen Kulturerbe? Bild: Adrian Moser

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Während Europa 2018 das Kulturerbejahr begeht, überarbeitet der Kanton Bern sein Bauinventar mit dem Ziel, die Zahl der Baudenkmäler deutlich zu reduzieren. Auf der deutschen Internetseite des Kulturerbejahrs lesen wir: «Mit diesem Themenjahr fordert die Europäische Kommission auf, dazu beizutragen, Europa den Europäern wieder ein Stück näher zu bringen. Werfen wir gemeinsam einen Blick auf unser kulturelles Erbe, hören unserer gemeinsamen europäischen Geschichte zu, erzählen sie weiter – auch ganz lokal bei uns zu Hause.»

Zwischen den Zeilen wird deutlich, dass die Politiker der Europäischen Union, die das Kulturerbejahr ausgerufen haben, dieses dazu nutzen möchten, die gemeinsame Geschichte aller Europäer in den Vordergrund zu rücken. Aber auch die Geschichte ist dabei nur Vehikel, geht es ihnen doch um eine gemeinsame Gegenwart und um eine gemeinsame Zukunft. Die Idee, die Kulturdenkmäler als Symbole der gemeinsamen Herkunft zu nutzen, ist insofern nicht neu, als schon die Euro-Geldscheine mit ihren abgebildeten Brücken und Fenstern aus verschiedenen Stilepochen auf die gemeinsame (Kunst-)Geschichte aufmerksam machen und beispielsweise die Gotik auf dem 20-Euro-Schein als europäisches Stilphänomen ausgeben. Gebäude und Städte als sichtbarste Kulturleistungen des Menschen eignen sich hervorragend, um Zugehörigkeiten und kulturelle Verbindungen erlebbar zu machen.

Allenthalben fehlt das Geld!

Den bernischen Grossen Rat plagen dagegen ganz andere Sorgen: Allenthalben fehlt das Geld! Zwar hat man sich die Denkmalpflege noch nie viel kosten lassen, trotzdem bindet man sie zurück, weil man befürchtet, dass zu viele Denkmäler der allgemeinen Baulust und dem Investorenappetit abträglich sein könnten. Geldmenschen wollen so bauen, wie sie es sich vorgestellt haben, und so versucht man im Kanton Bern möglichst viele Hürden aus dem Weg zu räumen. Das Kulturerbe wird hier nicht als etwas verstanden, was «Bern den Bernern wieder ein Stück näher» bringen könnte. Nein, das Kulturerbe sieht man hier bloss als Sand im Bauwirtschaftsgetriebe.

Von der Politik instrumentalisiert

Die beiden Positionen könnten kaum weiter auseinanderliegen. Fragwürdig finde ich beide. Als nach der Französischen Revolution die ersten Schutzmassnahmen für «Kunstaltertümer» entwickelt worden waren, betrachtete man diese als Objekte nationaler Identifikation und instrumentalisierte sie entsprechend. Ähnliches soll nun auf europäischer Ebene wieder geschehen.

Die Gotik ist nur bei sehr oberflächlicher Sicht ein europäisches Phänomen, bei genauerem Hinsehen sind die Beziehungsgeflechte viel komplizierter. Im 19. Jahrhundert hatte man sie gleichzeitig in Deutschland, in England und auch in Katalonien als «Nationalstil» interpretiert, obwohl man wusste, dass das älteste gotische Gebäude in Frankreich steht. Folgt nun die Interpretation als europäischer (National-) Stil?

Wir sollen uns durchaus mit unserem Kulturerbe beschäftigen, wir sollen dabei unseren Vorfahren und damit uns selber begegnen und ein tieferes Verständnis unserer Kultur gewinnen. Das Kulturerbejahr wird dazu reichlich Gelegenheit bieten. Es geht aber nicht an, dass Politiker eine Interpretation vorgeben und das Erbe für ihre politischen Zwecke instrumentalisieren.

Ob die Berner Denkmäler-Reduktion das Bauwesen beflügelt, ist keineswegs erwiesen – und wenn, dann mit Sicherheit nur kurzfristig. Mittel- und langfristig führt sie zwangsläufig zur Zerstörung von Kulturgut und damit zu einer Verarmung; das ist wahrlich keine politische Tat, die von Weitsicht und kultureller Verantwortung zeugt. Es scheint, als müsse das Kulturerbe zwischen Pest und Cholera auswählen: entweder politische Vereinnahmung oder Opferung für kurzfristige Rendite.

Dieter Schnell ist Dozent für Geschichte und Theorie der Architektur sowie Leiter des MAS Denkmalpflege und Umnutzung an der Berner Fachhochschule. Er ist Mitglied des «Baustelle»-Kolumnistenteams (Der Bund)

Erstellt: 18.02.2018, 09:55 Uhr

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