Die Sommerresidenz der Berner Bären

Der Berner Bärenpark wird von April bis September saniert. Während des Umbaus werden die Bären im Juraparc in Vallorbe (VD) untergebracht. Der Tierpark im Waadtländer Jura zeichnet sich durch viel Platz und eine naturnahe Umgebung aus.

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Lisa Stalder

Die weltbekannten Berner Bären zu beherbergen, sei eine «grosse Ehre», sagt Olivier Blanc, Direktor des Tierparks Juraparc in Vallorbe (VD). Man werde alles dafür tun, dass sich Finn, Björk und Ursina wohlfühlen.

Seit gestern steht fest: Während der Umbauarbeiten des Berner Bärenparks werden die drei Bären von April bis September in Vallorbe untergebracht sein. Somit widerrief der Berner Gemeinderat seinen ursprünglichen Entscheid, die Bären während des Umbaus im Bärenpark zu belassen.

Grund genug, um die Sommerresidenz der Berner Bären vor Ort zu besichtigen: Kaum betritt der Besucher im weitläufigen Juraparc den Holzsteg, hüpfen ihm mehrere grosse und kleine Bären entgegen. Tierpfleger Paolo Coelho bringt sie mit Handzeichen und Zurufen sogar dazu, das Männchen zu machen und mit beiden Pfoten zu winken. Der Besucher macht die Bären neugierig – das hat laut Coelho auch damit zu tun, dass der Tierpark im Waadtländer Jura nicht «überlaufen» sei.

Wildromantische Umgebung

Zwischen dem Städtchen Vallorbe und dem Vallée de Joux auf rund 1000 Höhenmetern gelegen, ist das Gelände von einer Mischung aus lockerem Nadelwald, saftigen Wiesen und Felswänden geprägt. Fast könnte man meinen, man sei in Kanada. Nicht nur die Landschaft, sondern auch die Tiere erinnern an die nordische Taiga. Neben dem Bärenpaar Georges und Ursina und ihrem Nachwuchs bevölkern Wölfe, Bisons und Przewalski-Pferde den 2001 eröffneten Juraparc. Der Tierpark wurde nach und nach um das Restaurant du Mont d’Orzeires aufgebaut, das seit 1972 von der Familie Blanc betrieben wird. Schon 1987 wurde die Schaf- und Pferdezucht mit amerikanischen Bisons ergänzt.

Finn, Björk und Ursina bevölkern ab April zwei Gehege, die noch nie über längere Zeit von Bären besiedelt wurden. Mit rund 6000 Quadratmetern steht den Bären laut Tierparkdirektor Blanc gleich viel Platz zur Verfügung wie im Bärenpark in Bern. Auch die Hanglage erinnert durch ihre Steilheit wie durch die Ausrichtung zur Abendsonne hin an den Berner Bärenpark. Doch einige Dinge sind in Vallorbe anders: Statt künstlicher Höhlen gibt es mit Felsen und Bäumen mehr natürliche Rückzugsmöglichkeiten. Und der Besucher kann die Tiere nicht von allen Seiten, sondern nur von vorne vom Holzsteg aus beobachten.

In einem Gehege im Juraparc leben Wölfe und Bären gemeinsam. Mit den Gasttieren aus Bern würden aber keine Experimente angestellt, sagt Blanc. Finn, Björk und Ursina werden wie bisher zusammenleben – getrennt von den Wölfen und den anderen Bären in Vallorbe.

Tierwohl wichtiger als Tourismus

Mit der temporären Aufnahme der Berner Bären betritt der «Juraparc» Neuland. Obwohl man seit 2002 Erfahrung mit Braunbären besitze, sind laut Blanc noch nie Tiere aus anderen Tierparks aufgenommen worden. Und nicht der Juraparc habe den ersten Schritt gemacht. Vielmehr seien die Berner Verantwortlichen in Vallorbe vorstellig geworden. Doch wenn sich der Juraparc einen Namen als Sommerresidenz für Bären mache, sei dies eine tolle Sache, so Blanc weiter. In Vallorbe hofft man auch darauf, dass wegen der Bären mehr Gäste aus Bern kommen. Tierparkdirektor Blanc kündigt eine entsprechende Kampagne an. Gleichzeitig legt er aber Wert darauf, dass das Touristische nur ein «sekundärer Aspekt» sei. Oberste Priorität hat laut Blanc das Tierwohl – die Bären sollten vom Baulärm verschont werden. Lärm könne die Tiere ängstlich, nervös und unberechenbar machen, sagt Tierpfleger Coelho.

Mit dem Bärenpark teilt der Juraparc die Philosophie, wenigen Tieren möglichst viel Raum zu bieten. Blanc spricht von der «guten Arbeit», die in Bern geleistet werde – und er glaube nicht, dass es den Bären in Vallorbe so gut gefallen werde, dass sie nicht mehr nach Bern zurückkehren möchten.

Damit rechnet auch der Berner Tierparkdirektor Bernd Schildger nicht. Der Aufenthalt im Jura sei zudem vertraglich ganz klar geregelt: «Die Bären treten ihre Reise nach Bern spätestens am 30. September wieder an.» Dies einerseits, weil das Gehege im Jura danach anderweitig genutzt werden soll. Andererseits aber auch, damit die Bären rechtzeitig für den Winterschlaf wieder in Bern sind.

Aufwendiger Umzug

Während Schildger das späteste Rückreisedatum bekannt gibt, hält er sich bezüglich der Abreise bedeckt. Wann genau die Berner Bären ihr Feriendomizil in Vallorbe beziehen werden, werde nicht verraten. Diese Verschwiegenheit hat ihren Grund: Für die Bären soll der Tag des Umzugs so sein wie jeder andere Tag auch. Es soll so wenig Hektik wie möglich aufkommen, sagt Schildger. Nur so viel: Am Tag des Transports würden die Bären wie jeden Morgen in die Stallungen geholt, wo sie «etwas Leckeres» erhalten. Danach erscheine der Tierarzt, der sie mit dem Blasrohr betäube. Das schätzten die Bären jeweils nicht sonderlich und versuchten, den Pfeil aus dem Fell zu ziehen. Hat das Narkosemittel erst seine Wirkung entfalten, würden die schlafenden Tiere in die Transportkiste getragen. Und erst, wenn sie wieder wach seien, könne der Umzug beginnen. «Wildtiere dürfen nie schlafend transportiert werden», sagt der Tierparkdirektor.

Wie lange es dauern wird, bis sich die Tiere an die neue Umgebung gewöhnt haben werden, könne er nicht sagen, so Schildger. «Das hängt von den einzelnen Tieren ab.» Tendenziell seien männliche Bären ängstlicher als weibliche. Dies zeigte sich einst auch bei der Eröffnung des Bärenparks. Damals lag Finn während dreier Tage vor dem Schieber zu Björks Gehege, brüllte laut und liess sich auch mit frischem Lachs nicht von der Stelle bewegen. Als schliesslich der Schieber geöffnet wurde, dauerte es fünf Minuten, bis Björk zu Finn ins Gehege kam, ihm kurz zunickte und sich schliesslich in einer Seelenruhe am Lachs gütlich tat.

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