Die Monster sind nur schwierig zu zähmen

Für rund 50 Millionen Franken hat der Kanton Bern von 2010 bis 2016 im Schnitt jährlich freihändig an Informatik-Firmen vergeben - scheinbar wegen fehlender Alternativen.

Neben dem Rechenzentrum, für das der Kanton Aufträge im Wert von ganzen 180 Millionen vergeben hat, tauchen zwei Kürzel bei den Projektbeschrieben immer wieder auf: Nesko und Persiska. (Symbolbild)

Neben dem Rechenzentrum, für das der Kanton Aufträge im Wert von ganzen 180 Millionen vergeben hat, tauchen zwei Kürzel bei den Projektbeschrieben immer wieder auf: Nesko und Persiska. (Symbolbild) Bild: Reuters

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Rund 50 Millionen Franken: In diesem Umfang hat der Kanton Bern von 2010 bis 2016 im Schnitt jährlich direkt Aufträge an Informatik-Firmen vergeben, ohne Konkurrenzofferten einzuholen – also freihändig. Dies geht aus Daten auf der Ausschreibungsplattform Simap.ch hervor. Die Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit der Universität Bern hat die Daten der letzten zehn Jahre aufbereitet und auf der Website www.beschaffungsstatistik.ch veröffentlicht. Es ist das erste Mal, dass diese Daten in einer solchen Zusammenstellung verfügbar sind.

Insgesamt belaufen sich die freihändigen Informatik-Ausgaben von 2009 bis Mitte August 2018 auf mehr als 435 Millionen Franken. Das ist ein hoher Betrag – die «Freihänder» des Kantons waren denn auch immer wieder Thema in der Politik und in den Medien, erst gerade Anfang Jahr etwa, als der Kanton einen Auftrag von über 80 Millionen für zwei Jahre an die kantonseigene Bedag AG vergab.

Wenig Alternativen

Wenn man analysiert, wofür das Geld ausgegeben wurde, stellt man fest: Aufgrund früherer Entscheidungen hatte die Verwaltung in fast allen Fällen keine andere Möglichkeit, als den Auftrag ohne Ausschreibung zu vergeben. Neben dem Rechenzentrum, für das der Kanton Aufträge im Wert von ganzen 180 Millionen vergeben hat, tauchen zwei Kürzel bei den Projektbeschrieben immer wieder auf: Nesko und Persiska. Für diese Programme wurden immer wieder mehrjährige Aufträge in Millionenhöhe vergeben – etwa für «Wartung und Support» oder «Teilersatz» – immer an die kantonseigene Informatikfirma Bedag sowie die Innova AG und die DV Bern AG.

Zusammen machen die beiden Programme fast 150 Millionen an freihändigen Aufträgen aus. Der grösste Posten insgesamt ist der Betrieb des kantonalen Netzwerks, welches insgesamt 180 Millionen Franken an Unterhalt und Weiterentwicklung gekostet hat. Hier konnte der Kanton dank einer Neuausschreibung im Frühling 6 Millionen Franken einsparen – obwohl der Auftrag an den bisherigen Anbieter ging.

Was aber sind Nesko und Persiska, diese teuren Software-Pakete? Nesko – das «Neue Steuerkonzept» – ist das zentrale Arbeitsinstrument der Steuerverwaltung. Es sei eine eigens für die bernische Verwaltung entwickelte Software und «präzise auf die Bedürfnisse der Steuerverwaltung» abgestimmt, heisst es bei der Steuerverwaltung. Damit erstellt die Verwaltung etwa die Veranlagungen für die Steuerpflichtigen, ermittelt Gewinn- und Kapitalsteuern für Firmen oder Erbschafts- und Liegenschaftssteuern. Zwischen 40 und 50 Applikationen spielten dabei zusammen. Wer dieses System warten oder weiterentwickeln wolle, brauche «eingehende Kenntnisse der Anwendungen und deren Anpassung» – Wissen, das eigentlich nur der ursprüngliche Entwickler aufbringen könne, so der Kanton.

Mit der neuen Informatik-Strategie von 2016 will der Kanton die «Optimierung der kantonalen Informatik» in Angriff nehmen und damit Kosten sparen – nachdem 2014 eine externe Analyse grosses Sparpotenzial festgestellt hatte. Neben der Einführung von mehr Open Source (siehe Haupttext) gehört dazu auch ein «Enterprise Resource Planning»-System (ERP), das helfen soll, Informatik-Anwendungen der verschiedenen Direktionen kompatibler zu machen und damit Kosten zu senken. Unter anderem soll damit bis 2023 die Personalverwaltung Persiska abgelöst werden, später sollen hier andere Bereiche, wie etwa die Logistik, integriert werden.

Obwohl sich der Kanton bemühte, andere Lösungen zu finden, scheint sich bei diesem Megaprojekt allerdings schon die nächste langjährige Abhängigkeit anzubahnen: Mangels valabler Alternativen will man bei diesem System auf Produkte des deutschen Software-Riesen SAP setzen – von Open Source ist hier nicht die Rede. (Der Bund)

Erstellt: 03.09.2018, 06:40 Uhr

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