«Die Landeskirchen 
haben offenbar Angst»

Die sozialen Leistungen der Landeskirchen sollten öffentlich ausgeschrieben werden, sagt Kirchenkritikerin und Grossrätin Franziska Schöni-Affolter (GLP).

Wie viel ist die Arbeit der Landeskirchen wert? Kirchen in der Stadt Bern. (Archiv)

Wie viel ist die Arbeit der Landeskirchen wert? Kirchen in der Stadt Bern. (Archiv)

(Bild: Valérie Chételat)

Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Frau Schöni-Affolter, gemäss Expertenbericht nützt die Kirche dem Staat mehr, als sie kostet. Sie kritisieren diese Berechnungen. Die Kirche erbringt sicher gesellschaftlich relevante Leistungen. Die Grünliberalen haben aber Mühe damit, wenn im Bericht Kirchenmusik und Medienarbeit der Kirche als gesellschaftsrelevant eingestuft werden. Das ist unsauber und intransparent.

Die Leistungen der Kirche werden demnach zu hoch bemessen? Ja. Die Kirche sollte nicht für ihre Me­dien­arbeit bezahlt werden, sondern zum Beispiel für ihre Jugendarbeit. Diese sollte aufgrund von Leistungsverträgen projektbezogen finanziert werden.

Bisher zahlte der Kanton rund 70 Millionen Franken für Pfarrerlöhne. Aber die übrigen gesellschaftlich relevanten Leistungen wurden ja nicht durch die allgemeinen Steuereinnahmen finanziert. Das ist ja eben gerade nicht klar. Der Kanton Bern zahlt den Pfarrern die Löhne, obwohl niemand weiss, was diese genau tun. Es ist durchaus in Ordnung, wenn öffentliche Dienstleistungen der Kirchen durch die öffentliche Hand bezahlt werden, aber es braucht einen bezifferbaren Gegenwert dafür. Es kann nicht sein, dass eine Praxis weitergeführt wird, nur weil sie seit über 200 Jahren besteht. Die Pfarrpersonen sollten zu ihren Leistungen stehen und lernen, diese auch zu verkaufen. Mir fehlt es da an Selbstvertrauen in der Kirche.

Zumindest das Selbstverständnis der Kirche ist aber intakt. Vor zwei Jahren sagte der Synodalratspräsident im «Bund», dass die Macht der Kirche «nicht zu unterschätzen» sei. In den Kirchgemeinden gebe es viele Grossratsmitglieder. Ich weiss. Aber es ginge nun ja just darum, diese enge, ungesunde und rechtsstaatlich nicht unbedenkliche Vernetzung zwischen Politik und Kirche zu lockern.

Dann sind Sie mit dem Bericht zufrieden, der im Wesentlichen eine Entflechtung fordert, indem die Pfarrerlöhne nicht mehr durch den Staat, sondern durch die Kirche bezahlt werden? Ich finden den Bericht nicht schlecht. Aber ich möchte wissen, für welche Leistungen die Kirche bezahlt wird.

Sie verlangen auch Ausschreibungen von Leistungen, an denen sich die Kirche mit anderen Bewerbern beteiligen kann. Das wäre der letzte Schritt. Eine gute Kirche müsste davor eigentlich keine Angst haben. Zurzeit fehlt aber der Mut zu Neuem. Die Kirche soll sich endlich lösen von zweihundertjährigen Besitzansprüchen und die Zukunft gestalten.

Der Bericht nimmt nicht Stellung zu anderen Glaubensgemeinschaften wie dem Islam. Wären Sie auch in dieser Hinsicht für gleich lange Spiesse und freien Wettbewerb? Ja. Wir müssen uns früher oder später auch mit aktuellen Entwicklungen auseinandersetzen. Ich habe keine Angst, dass die heutigen Landeskirchen mit ihrem Angebot in diesem Wettbewerb untergehen könnten. Die Kirchen selber aber offenbar schon. In ihrer Medienmitteilung von gestern kommt vor allem diese Angst zum Ausdruck. Dabei kommt die neueste Verordnung der Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion den Kirchen erneut entgegen, indem bei der Bemessung der Pfarrstellenprozente die Anzahl Kirchengebäude in einer Gemeinde berücksichtigt wird. Es kann ja nicht sein, dass mehr Gebäude zu mehr Pfarrstellenprozenten führen.

Die Gefahr, dass der Grosse Rat alles wieder zurücknimmt, ist wohl gross. Das glaube ich wiederum nicht. Angesichts des Mitgliederschwundes in den Landeskirchen kann die Politik nicht einfach die Hände in den Schoss legen.

Sie haben eine Initiative zur Trennung von Kirche und Staat angekündigt. Was ist daraus geworden? Eine solche Ankündigung gab es nicht. Ich wurde falsch zitiert. Ich habe bloss erwähnt, dass grünliberale Politiker bei einer solchen überparteilichen Initiative allenfalls mithelfen würden. Eine Initiative würde aktuell, wenn der Grosse Rat nun wieder zurückkrebsen möchte.

Die Initiative ist Ihr Druckmittel, wie die staatliche Abgeltung der enteigneten Kirchengüter das Druckmittel der Landeskirchen ist. Dabei soll es um bis zu drei Milliarden Franken gehen. Ob das eingefordert werden könnte, müsste wohl in letzter Instanz das Bundesgericht entscheiden. Ich hoffe aber auf die Vernunft und einen Kompromiss im Grossen Rat.

Wie sieht das Verhältnis von Kirche und Staat in fünfzig Jahren aus? Wenn die Landeskirchen einfach so weitermachen wie bisher, werden sie keine Chance mehr haben. Indem sie sich an staatliche Privilegien klammern, verlieren sie den Blick für die Realität insbesondere jüngerer Menschen.

Aber der Kanton Bern ist der Kanton mit dem höchsten Anteil von Mitgliedern der reformierten Landeskirche in der Schweiz. Wie viele davon sind effektiv noch dabei? Wer in den Kanton Bern zieht, wird als reformiert kategorisiert. Er muss sich wehren, wenn er das nicht sein will. Das ist übrigens auch rechtlich bedenklich.

Der Bund

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