Die Lage bleibt angespannt

Das Asylzentrum Enggistein ist wieder geöffnet. Alles sei besser im Vergleich zum Hochfeld, so die Bewohner. Doch die Wiedereröffnung allein löst die Probleme des Berner Migrationsdienstes nicht im Ansatz.

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Es ist ruhig hier, oberhalb von Worb, auf dem Gutshof Enggistein. Drei mächtige Häuser stehen da: der Hof des Biobauern Jürg Reusser und daneben das frühere Knabenheim und das dazugehörige Verwalterhaus. Der Migrationsdienst sei «erleichtert, dass dieses Zentrum wieder in Betrieb genommen werden konnte», steht in einer Medienmitteilung vom Dienstag.

Bis letzten Februar hatten auf dem Gutshof bereits Asylbewerber gewohnt – unter der Leitung der Heilsarmee. Doch dann veranlasste der Migrationsdienst deren Verlegung in andere Zentren. Wegen Mängeln an den elektrischen Anlagen und beim Brandschutz sah er ihre Sicherheit nicht mehr gewährleistet. Die Heilsarmee und Jürg Reusser wurden sich nicht einig, wer für die Behebung der Mängel aufkommen musste – und schliesslich kündete die Heilsarmee den Mietvertrag. Der Besitzer hat die beiden Gebäude in der Zwischenzeit renoviert. Wohl etwa 300'000 Franken habe er investiert, sagt Jürg Reusser auf Anfrage. Neu ist nun die Organisation Asyl Biel und Region für den Betrieb verantwortlich.

Integrieren statt verwalten

Daniel Rudin ist beim Migrationsdienst für die Unterbringung der Asylbewerber zuständig. Er sei dankbar für die Bereitschaft von Jürg Reusser, in die Sanierung so viel Geld zu investieren, sagt er bei einem Rundgang. Dann zeigt er im Waschraum auf ein Rohr, das geborsten war. Jetzt ist es wieder ganz. Das ganze elektrische System wurde erneuert, Feuertreppen angebracht, ganze Brandschutzwände neu gebaut.

Waschmaschinen, Fernseher, Herde, Betten, Duschen – alles ist neu, wie auch der Leiter des Zentrums: Das ist Roland Meyfarth, der bis anhin das Zusammenleben im Eschenhof organisiert hat – einem Sachabgabezentrum, in dem abgewiesene Personen leben. Er freue sich darauf, mit Leuten zu arbeiten, die sich noch im Verfahren befänden, sagt er. «Ich möchte integrieren und nicht Integrationsleichen verwalten.» Hier habe er die Möglichkeit, die Leute zu beschäftigen, damit sie nicht «abdriften, an sich herumstudieren, kriminell werden».

Verglichen mit Hochfeld – «wow»

30 Personen sind bisher in Enggistein einquartiert. Das Verwalterhaus ist fast voll, das viel grössere Knabenhaus noch leer. Es sind alles Familien oder alleinstehende Mütter mit Kindern, die bisher da sind. Die meisten sind Roma aus Mazedonien oder Serbien, dazu kommen drei kurdische Familien aus dem Irak sowie eine junge Eritreerin und eine junge Kongolesin mit je einem Kind. Alle sind sie aus der Zivilschutzanlage Hochfeld in Bern oder aus der Anlage Wasen in Biel hierhin verlegt worden.

Die beiden afrikanischen Frauen waren zuvor im Hochfeld. Danach gefragt, ob es hier nun besser sei, strahlt die Eritreerin und sagt «wow». Man sei am Tageslicht hier, rundherum sei alles grün, man könne selbst kochen – alles sei besser. Die Kongolesin, die mit ihrem Söhnchen im Zimmer nebenan wohnt, ist nicht ganz so euphorisch. Aber doch, angenehmer als im Hochfeld sei es hier schon, sagt sie.

Zweite Klasse für die Dorfschule

Rund um das Haus können die Bewohner in Gemüsebeeten und in einem Treibhaus Gemüse anpflanzen, es gibt einen Rasenplatz mit Fussballtoren, einen Sandkasten, eine Grillecke. So stark wie möglich beschäftigen – dieses Credo wiederholt der Zentrumsleiter mehrmals während des Rundgangs. Nächsten Montag sollen die dreizehn Kinder, die momentan in Enggistein leben, eingeschult werden – in der Dorfschule gleich unten am Hügel. Die Zahl der Schulkinder wird sich dadurch verdoppeln – zu der einen Klasse der Dorfschüler kommt eine Integrationsklasse hinzu.

Und auch die Erwachsenen sollen eingespannt werden: Nächste Woche beginnt für sie in einem Raum der Dorfschule der obligatorische Deutschunterricht, und möglichst bald werden zu den Ämtchen, die in den beiden Häusern übernommen werden können, weitere Arbeitsmöglichkeiten hinzukommen: Sie könnten ihm etwa bei der Waldpflege zur Hand gehen, sagt der Bauer Jürg Reusser, sie könnten Steine aus den Feldern räumen oder beim «Härdöpfele» mithelfen.

«Sind in einer Krisensituation»

Die Wiedereröffnung des Durchgangszentrums in Enggistein allein löst die Probleme des Berner Migrationsdienstes allerdings nicht im Ansatz. «Ich kann es nicht anders sagen: Wir sind in einer Krisensituation», sagt Iris Rivas auf Anfrage. Unentwegt werden dem Kanton Bern 80 bis 100 Bewerber pro Woche zugewiesen. Iris Rivas bestätigt auch, dass der Kanton Bern auf kommenden Montag hin beim Bund erneut einen einwöchigen Zuweisungsstopp beantragt hat – zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen.

Wegen des nicht abnehmenden Stromes von zugewiesenen Bewerbern sei man im Moment – trotz der Wiederinbetriebnahme von Enggistein – auch gezwungen, die unterirdischen Anlagen wie das Hochfeld weiter zu betreiben. «Priorität hat vorerst, dass wir Familien wenn immer möglich nicht mehr dort einquartieren», sagt Iris Rivas. Und man suche weiter nach zusätzlichen Gebäuden. Aber aufgrund der Berichterstattung über kriminelle Asylbewerber zeigten die Berner Gemeinden «verständlicherweise eher noch weniger Bereitschaft als vor ein, zwei Monaten», Asylbewerber bei sich aufzunehmen. (Der Bund)

Erstellt: 22.08.2012, 07:38 Uhr

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