Die Psychosomatik ist dem Inselspital zu teuer

Das Inselspital schliesst die Bettenstation der Psychosomatik. Der Entscheid wirft bei Ärzten und Experten Fragen auf. Auch die Kommunikationsstrategie sorgt für Unmut.

Das Inselspital schliesst die Bettenstation der Psychosomatik.

Das Inselspital schliesst die Bettenstation der Psychosomatik.

(Bild: Keystone Peter Schneider)

Christian Zellweger@@chzellweger

Die Mitteilung existiert, aber nur auf Nachfrage gibt sie die Kommunikationsabteilung des Inselspitals auch heraus: Das Spital schliesst auf das erste oder zweite Quartal 2014 eine Bettenstation. Betroffen sind die 28 Betten der Station für Psychosomatik mit rund 50 Mitarbeitenden. Dafür soll das Ambulatorium in dem Bereich gestärkt werden. Die Mitarbeiter und Sozialpartner wurden Anfangs September informiert.

Chefarzt verlässt die Insel

Anlass dazu gab der Wechsel des amtierenden Chefarztes. Professor Roland von Känel wechselt an die Klinik Barmelweid im Aargau. Weitere Gründe für das Aus gehen aus der Mitteilung nicht hervor. Dass die Station geschlossen werde, habe drei Gründe, erklärt der Personalchef des Inselspitals, Markus Lüdi, auf Anfrage. So hätten finanzielle Überlegungen eine Rolle gespielt. «Wegen der Fallpauschalen sind wir gezwungen, rentabel zu arbeiten.» Weiter sei man zum Schluss gekommen, dass es keinen adäquaten Kandidaten gebe, welcher die Arbeit von Känels fortsetzen könnte. Schliesslich hätten auch Überlegungen der Universität über den Stellenwert der Psychosomatik eine Rolle gespielt. An der Universitätsklinik für allgemeine Innere Medizin behält von Känel trotz Weggang die Professur für psychosomatische Medizin. Novartis ist diese Professur eine Unterstützung von 2,5 Millionen Franken wert.

Die Universität beschränkt sich auf eine offizielle Stellungnahme. Die psychosomatische und psychosoziale Medizin sei für die medizinische Fakultät «bedeutend», heisst es. Es würden nun gemeinsam mit dem Inselspital Vorschläge erarbeitet, wie der Bereich Forschung und Lehre weitergeführt werden soll. Weitere Fragen, etwa wie sinnvoll eine Professur für Psychosomatik ohne ein stationäres Angebot am entsprechenden Universitätsspital ist, oder warum sie die Schliessung der Station eines «bedeutenden» Bereiches mitträgt, will die Uni nicht beantworten.

«Todesstoss» Fallpauschale

Das Ende der Station sei «ein gewaltiger Rückschritt für die Medizin und speziell für die Psychosomatik in der Schweiz», sagt Alexander Minzer, Präsident der Schweizerischen Akademie für Psychosomatische und Psychosoziale Medizin. Mit der Schliessung und dem Auseinanderbrechen des multidisziplinären Teams gehe immens viel Know-how in Psychosomatik für Bern und die Schweiz verloren. Minzer zeigt sich überrascht, dass das Inselspital keinen Nachfolger für von Känel gefunden hat. «Gerade in Deutschland wächst die Psychosomatik. Hier gäbe es sicherlich qualifizierte und motivierte Kandidaten.»

Er sieht die finanziellen Überlegungen im Zentrum: «Die Fallpauschale war der Todesstoss für ganzheitliche Behandlungskonzepte, wie sie in der psychosomatischen Medizin angewendet werden.» Zudem sei die Psychosomatik nicht nur unrentabel, sondern auch «unsexy».

«Am Inselspital wird momentan nur noch auf spektakuläre Medizin, wie Herz- und Transplantationschirurgie gesetzt. Es ist werbewirksamer, von heldenhaften Operationen zu berichten, als chronisch schwer kranke Menschen zu behandeln.»

Über die Schliessung und den Umgang damit beklagen sich auch die Zuweiser. An den Verein der Berner Hausärzte ging keine offizielle Mitteilung, wie Co-Präsident Dieter Fenner sagt. Dies sei aber leider nicht ungewöhnlich und in vielen Fällen das übliche Vorgehen der Spitäler. Und auch unter den Mitarbeitenden der Station sorgt die Kommunikation für Unzufriedenheit. Dass die Abteilung – für die eine Warteliste besteht – ohne Debatte geschlossen wird, stösst auf Unverständnis. Öffentlich will sich aber niemand zur Situation äussern.

Laut Schreiben des Spitals werden für die betroffenen Mitarbeiter «wo immer möglich interne Umplatzierungen angestrebt». Etwa 20 bis 30 Personen werden im neuen Ambulatorium beschäftigt werden, schätzt Personalchef Lüdi. Die genaue Form sei noch nicht klar. «Das Betriebskonzept wird der neue Leiter bis Ende November erstellen.»

Der Bund

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