Die «Franzosen» kommen

Trotz idealen Voraussetzungen an der Sprachgrenze gibt es im Kanton Bern kaum Schüleraustausche. Jetzt nimmt die Erziehungsdirektion einen neuen Anlauf.

Röstigraben-überschreitendes Klassenfoto: Schülerinnen und Schüler aus Wimmis und aus dem Val d'Hérens.

Röstigraben-überschreitendes Klassenfoto: Schülerinnen und Schüler aus Wimmis und aus dem Val d'Hérens.

(Bild: Valérie Chételat)

Reto Wissmann@RetoWissmann

Es ist eine verordnete Annäherung – aber sie scheint trotzdem Spass zu machen. Rund 25 Oberstufenschülerinnen und -schüler aus Wimmis besuchten gestern zusammen mit 25 Gleichaltrigen aus dem Walliser Val d’Hérens die Stadt Bern. In kleinen Gruppen lösten sie Fragen zu Sehenswürdigkeiten, sahen die «Bern-Show» beim Bärenpark, gingen shoppen und wanderten schliesslich der Aare entlang nach Belp.

Mit den «Franzosen» habe man sich gut verstanden, sagt Silas während der Mittagspause. Auf Geheiss der Lehrer hätten sie mit den Walliser Schülern eigentlich Hochdeutsch sprechen sollen. Da dies aber nicht funktionierte, behalfen sie sich mit einem Gemisch aus Französisch, Deutsch und lebhafter Gestik. «Uns wurde bewusst, wie schlecht wir eigentlich Französisch sprechen», so Silas. Für die meisten Oberländer Schüler sind die Walliser die ersten «echten» Französischsprachigen, die sie kennen lernen.

«Einmalige Gelegenheit»

Seit dem Wochenende wohnen die Walliser Kinder bei Gastfamilien in Wimmis. Heute Mittwoch reisen sie mit ihren Deutschschweizer Kollegen ins Val d’Hérens, um ihnen dort während des Rests der Woche ihre Heimat näherzubringen. Schüleraustausche wie diesen will der Kanton Bern in Zukunft vermehrt fördern. Vom Nutzen ist Andrea Raemy restlos überzeugt: «So viel Französisch, wie in dieser Woche, lernen sie sonst nie», sagt die Französischlehrerin. Die Austauschwoche sei für sie eine «einmalige Gelegenheit», um den Kindern den Sinn des Sprachenlernens näherzubringen.

Der Wimmiser Schulleiter geht sogar noch weiter: «Solche Kontakte sind sehr heilsam, um die Angst vor dem Fremden zu überwinden», sagt Heiner Graber. «Die Kinder merken, dass die Romands Menschen wie du und ich sind.» Dazu einen Beitrag zu leisten, sei für ihn eine schöne Aufgabe.

Er verhehlt aber nicht, dass es auch eine Herausforderung ist. Die Vorbereitung und die Durchführung eines solchen Austauschs verlangten den Lehrkräften einiges ab. «Während einer Woche stellen wir den Schulbetrieb völlig auf den Kopf», sagt Graber. Seine Erfahrungen mit früheren Projekten hätten ihm jedoch gezeigt, dass es sich lohne: «Zuerst haben die Schülerinnen und Schüler immer Mühe, in eine fremde Familie in einem fremden Dorf zu gehen. Am Ende der Woche wollen sich die meisten dann aber kaum mehr von ihren neuen Kollegen trennen.»

Wo sind die Mädchen hübscher?

So weit war es am Dienstag aber noch nicht. Während des Picknicks auf der Münsterplattform blieben viele Kinder lieber unter Gleichsprachigen. Man habe sich aber schon etwas ans Deutschsprechen gewöhnt, sagt Christophe aus dem Val d’Hérens. Und verstehen tue man die Deutschschweizer auch schon etwas besser. Die Überwindung des Röstigrabens ist bei den Jugendlichen aber kaum ein Thema. Heisser diskutiert wird die Frage, ob die Mädchen in Bern oder im Wallis hübscher seien. Hier herrscht definitiv noch Uneinigkeit zwischen Wimmis und dem Val d’Hérens.

Initiiert hat den Austausch zwischen dem Berner Oberland und dem Wallis Schulleiter Graber. Bereits während der Expo.02 hatte er eine Gastklasse aus Sion zu Besuch und reiste nach der Landesausstellung mit seinen Schülern zum Gegenbesuch ins Wallis. Danach schlief der Kontakt wieder ein. Diesmal soll die Partnerschaft mehr Bestand haben. Graber sagt: «Mein Wunsch wäre, regelmässig solche Wochen durchzuführen.» Finanzielle Hürden sieht er keine, da der Kanton solche Projekte unterstütze.

Auch über mangelndes Interesse der Eltern könne er sich nicht beklagen. Entscheidend sei jedoch, den Aufwand so weit im Rahmen zu halten, dass er für die ohnehin schon stark belasteten Lehrkräfte tragbar bleibe.

Der Bund

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