«Die Eigernordwand bezwungen»

Mit einer nüchternen Schlagzeile verkündete der «Bund» vor 75 Jahren, dass es vier Bergsteigern erstmals gelungen war, die Eigernordwand zu durchklettern. Ein Blick ins Zeitungsarchiv.

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«Das kühne Wagnis ist geglückt! Die vier Deutschen haben das Spiel mit dem Tod gewonnen. Eines der letzten grossen ‹Probleme› der Alpen ist durch die wagemutigen Burschen gelöst worden.» Mit diesen Worten kommentierte der «Bund» in seiner Abendausgabe des 25. Juli 1938 – anno dazumal erschienen wochentags zwei Ausgaben – die geglückte Erstdurchsteigung der Eigernordwand durch die Deutschen Andreas Heckmair (Anführer) und Ludwig Vörg sowie die beiden Österreicher Heinrich Harrer und Fritz Kasparek. Das Ereignis im Berner Oberland stellte vor 75 Jahren für ein paar Tage alles andere in den Schatten, obwohl in Spanien der Bürgerkrieg tobte, das englische Königspaar in Paris gastierte, in der Berner Marktgasse Tramschienen verlegt wurden und die Tour de France lief.

Allerdings war die Berichterstattung nur schleppend in Gang gekommen. Erstmals berichtete der «Bund» am Samstag, dem 23. Juli, via «Drahtverbindung» aus Grindelwald. Die Bergesteiger kletterten zu diesem Zeitpunkt schon zwei Tage in der Wand. «Gegenwärtig befinden sich zwei Zweierpartien in der Nordwand. Das Wetter ist gut», schrieb die Zeitung. Vor Ort muss das Interesse gross gewesen sein. «Am Donnerstag waren schon am Morgen früh alle Teleskope in Grindelwald belagert. Man musste geradezu Schlange stehen, wenn man einen Blick durch das Fernrohr werfen wollte», hiess es. Am Samstag flog sogar ein Fotograf mit einem Piloten der Alpar vom Belpmoos aus zum Eiger. Weiter schrieb der «Bund», dass die Grindelwalder froh wären, wenn die Wand einmal bezwungen würde. «So herti das tonnders Gstirm emel eis üf», wurden die Einheimischen zitiert. Der Eiger selber schien keine grosse Notiz von der ganzen Aufregung zu nehmen. «Ruhig und gelassen blickt er zu Tal und erstrahlt schöner denn je.»

Hoffen und Bangen

Trotz der zahlreichen Beobachter verpassten am Ende alle den Moment, als die vier Bergsteiger am Sonntagnachmittag, dem 24. Juli, tatsächlich den Gipfel erreichten. Am 25. Juli hiess es in der Morgenausgabe nur, dass am Vortag um 19:14 Uhr von Eigergletscher aus vier Kletterer gesichtet worden seien, die abstiegen. Die Schlagzeile «Die Eigernordwand bezwungen» konnte erst in der Abendausgabe gedruckt werden.

Der Grund, warum niemand mitbekam, dass die Bergsteiger den Gipfel erreichten, war ein Wetterumsturz. Ab Samstagnachmittag war die Eigernordwand eingenebelt, «so dass eine Beobachtung der beiden Partien nicht mehr möglich war», wie der «Bund»-Reporter berichtete. Am späteren Nachmittag ging dann ein «schweres Berggewitter» nieder. Immerhin wurden um 17:15 Uhr Vörg und Heckmair gesichtet. Die beiden hätten das Gewitter «bar heil überstanden».

Am Sonntag verschlimmerte sich das Wetter weiter. «Der Schnee fiel bis auf zirka 2500 Meter hinunter; es gab 30 bis 40 cm. Grosse Wasserbäche laufen ausserdem zurzeit die Wand hinab», hiess es in einem Bericht von der Station Eigergletscher. Die Beobachter hatten die deutsch-österreichische Seilschaft definitiv aus den Augen verloren. Hunderttausende hätten um das Schicksal der Bergsteiger gebangt, schrieb der «Bund» später.

Als man am Sonntagabend die absteigenden Bergsteiger dann wieder erkennen konnte, war die Freude gross. «Sie waren es doch! Sie kommen!, war der allgemeine Ruf auf Eigergletscher. Es herrschte grosser Jubel.» Und dann hiess es im Bericht, die Bergsteiger seien im Restaurant und «spachteln drauflos».

Wie die Erstbegehung der Eigernordwand im Genauen ablief, erfuhr die Öffentlichkeit erst, als die vier Männer wieder im Tal waren. Dort schilderten sie, wie sie in das Gewitter kamen – «glücklicherweise bestand der Niederschlag nicht aus Wasser, sondern aus Graupeln und leichtem Hagel» –, wie sich Kasparek während einer Lawine an der Hand verletzte – «trotz der erlittenen Quetschung blieb die Hand gebrauchsfähig» – und wie sie den Gipfel erreichten – «gegen 14 Uhr standen alle vier auf dem Gipfel, wo ein fürchterlicher Sturm herrschte. Ohne Aufenthalt wurde der Abstieg angetreten.»

Die Leserschaft wurde auch über das rund 20 Kilogramm schwere Gepäck ins Bild gesetzt, welches namentlich Heckmair und Vörg schulterten: «Ausser Proviant für sechs Tage: 60 m Seil, 60 m Repschnur, 30 Felshaken, 20 Eishaken, 15 Karabiner, 2 Eispickel und 2 Eisäxte. Beide waren mit den italienischen 12- zackigen Steigeisen ausgerüstet.»

Nazi-Propaganda reagierte rasch

Unmittelbar nach ihrer Rückkehr gaben sich Heckmair, Vörg, Harrer und Kasparek bescheiden. «Sie wollten sich nicht photographieren lassen und hielten sich die Photographen vom Leibe. Als Motiv der gottversuchten Tour gaben sie an, sie hätten, da sie als die Befähgisten gelten, dafür sorgen wollen, dass es an der Eigerwand einmal Ruhe gebe. Um eine Sensation sei es ihnen nicht zu tun gewesen», schrieb der «Bund» am 25. Juli.

Als sie zwei Tage später, am Dienstagabend, auf ihrer Heimreise in Bern haltmachten und von der deutschen Gesandtschaft empfangen wurden, tönte es im Deutschen Heim beim Helvetiaplatz schon etwas anders. Laut «Bund» soll Andreas Heckmair dort Folgendes gesagt haben: «Wir sind stolz, dass das grosse Wagnis gelungen ist. Wir wussten das ganze deutsche Volk mit uns und das gab uns die Kraft, auszuharren. An dieser Wand ist schon so viel deutsches Blut geflossen, dass wir durch einen ganzen Sieg diese Niederlage rächen mussten.» Keine Frage, die Nazi-Propaganda, welche die Erstdurchsteigung der Eigernordwand gross ausschlachtete, hatte schon zu diesem Zeitpunkt ihre Spuren hinterlassen. Die vier wurden später ja auch von Adolf Hitler empfangen.

Im «Bund» war die politische Dimension des Ereignisses jedoch kein grosses Thema. Am 26. Juli hiess es nur: «Die Erstbesteigung findet in der deutschen Oeffentlichkeit starke Beachtung» und dass die deutsche Presse jede einzelne Phase des Aufstiegs schildere, «ohne dabei zu vergessen, auch der schweizerischen Unterstützung und Hilfsbereitschaft zu gedenken».

Hingegen wurde im «Bund» der Wunsch geäussert, dass am Eiger wieder Ruhe einkehren sollte. «Mit der Bezwingung der Wand dürften die Auseinandersetzungen über das sensationelle, rekordsüchtige Bergsteigen abflauen», schrieb der Autor. Ein Wunsch, der sich nicht bewahrheiten sollte. Am Eiger wurde es in den darauffolgenden Jahrzehnten keineswegs ruhig. (Der Bund)

Erstellt: 19.07.2013, 10:28 Uhr

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