«Die Armeeseelsorge könnte ein Vorzeige-Modell sein»

Der reformierte Pfarrer Matthias Inniger will eine multireligiöse Armeeseelsorge, um den Islam in die Gesellschaft zu integrieren.

Matthias Inniger will die Armeeseelsorge erneuern.

Matthias Inniger will die Armeeseelsorge erneuern. Bild: Franziska Rothenbühler

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Die Anfrage kam überraschend. Ein Rekrut hatte Matthias Inniger gefragt, ob er ihn ins Spital begleiten würde. Seine Mutter liege im Sterben, und er benötige spirituelle Begleitung. Inniger kam als Armeeseelsorger der Bitte natürlich nach. Er hat den Rekruten begleitet und mit ihm gebetet, wie dieser es gewünscht hatte. «Danach hat er sich beinahe entschuldigt, dass er Muslim sei.»

Das hat den Pfarrer wiederum beschämt. Nach dem Tod der Mutter nahm Inniger mit dem Rekruten wieder Kontakt auf, weil Fragen ihn beschäftigten: Wie könnte er als protestantischer Pfarrer einen Muslim beim Trauern begleiten? Wie gehen Muslime mit Tod und Trauer um? «Es wäre hilfreich gewesen, wenn ich den jungen Mann an einen Armeeseelsorger mit muslimischem Hintergrund hätte vermitteln können», sagt Inniger. Das war aber leider nicht möglich. Die Seelsorge in der Schweizer Armee ist zwar seit jeher ökumenisch ausgerichtet, aber nicht interreligiös. Das Erlebnis liess Inniger nicht mehr los. Schliesslich entschloss er sich, eine Dissertation über den christlich-muslimischen Dialog in der Armeeseelsorge zu verfassen.

Gesellschaftlicher Impuls durch multireligiöse Armeeseelsorge

Aufgrund einer Umfrage unter muslimischen Dienstleistenden kommt er darin zum Schluss, dass sich muslimische Armeeangehörige in der Armeeseelsorge zu wenig zu Hause fühlten. Selbst wenn Armeeseelsorger gut ausgebildet und offen für alle sind, würden sie doch selten von muslimischen Rekruten, Soldaten oder Offizieren kontaktiert. Wie viele Muslime es zurzeit in der Schweizer Armee gibt, ist unklar, da die Religionszugehörigkeit der Rekruten seit 1995 nicht mehr erhoben wird. Der Anteil der Muslime in der Schweiz liegt nach Angaben des Bundesamtes für Statistik bei rund fünf Prozent. «In einzelnen Rekrutenschulen wird er aber höher geschätzt», sagt Inniger.

Die meisten Muslime in der Armee seien bestrebt, möglichst nicht aufzufallen. Daher erhebe auch niemand von ihnen die Forderung nach islamischen Geistlichen in der Armeeseelsorge. Auch habe er in den fünfzehn Jahren seiner seelsorgerischen Tätigkeit beim Militär nie Radikalisierungstendenzen unter Muslimen festgestellt. Aufgrund der Ergebnisse seiner Dissertation empfiehlt Inniger der Armeeseelsorge, ein Team zusammenzustellen, das aus Seelsorgern verschiedener Religionen besteht, «im Gleichklang mit der Entwicklung in der Schweizer Gesellschaft». In der Dissertation habe er aus demografischen Gründen auf das christlich-muslimische Miteinander fokussiert. «Es geht aber um alle Religionen», sagt Inniger.

Der protestantische Pfarrer ist überzeugt, dass von einer multireligiösen Ausrichtung der Armeeseelsorge ein gesamtgesellschaftlicher Impuls ausgehen könnte. Die Armeeseelsorge sei bereits in einer Zeit ökumenisch ausgerichtet gewesen, als Mischehen zwischen katholischen und protestantischen Menschen noch als ein Problem angesehen wurden. «Die Armeeseelsorge könnte auch jetzt wieder ein Vorzeige-Modell sein, diesmal im interreligiösen Sinn», sagt Inniger. Dafür eigne sie sich besonders, weil es bis auf wenige Ausnahmen nicht um eine religionsspezifische Betreuung gehe, sondern um einen Dienst von Mensch zu Mensch. Armeeseelsorger seien Brückenbauer und stellten den Ratsuchenden die Frage: «Was kann ich für Sie tun?» Bei den Hilfesuchenden gehe es meist nicht um spirituelle Nöte, sondern um Liebeskummer, Spannungen mit Vorgesetzten oder finanzielle Sorgen. In den Beratungsgesprächen seien die Armeeseelsorger angehalten, die eigene Religion in den Hintergrund zu stellen.

Gesucht: Interreligiöse Kompetenzen

Laut Inniger müsste bei der Bildung multireligiöser Teams von Armeeseelsorgern ein Augenmerk auf die Rekrutierung gelegt werden – trotz dem bereits heute anspruchsvollen Ausbildungskurs. Interessenten für eine künftige multireligiöse Armeeseelsorge sollten im Rahmen eines Assessments nebst Masterabschluss und Ausbildung als Seelsorger auch interreligiöse Kompetenzen nachweisen. So könne die Armeeseelsorge zum friedlichen Miteinander der Religionen und zur Integration des Islams beitragen. Wenn Christen Seelsorger für Muslime sein können, gelte dies auch umgekehrt: «Auch ein muslimischer Seelsorger kann einem christlichen Soldaten in Not helfen», sagt Inniger.

Der christlich-muslimische Dialog in der Armeeseelsorge, öffentliche Vorlesung von Matthias Inniger, Freitag, 28. Oktober, 18.15–19.45 Uhr, Theologische Fakultät, Department für Christkatholische Theologie, Länggassstrasse 51, Bern. (Der Bund)

Erstellt: 24.10.2016, 07:10 Uhr

Gottesdienst oder Putzen

Die Schweizer Armee trägt dem Bedürfnis nach religiöser Praxis und religiösem Beistand möglichst Rechnung, wie aus einem Merkblatt hervorgeht. So hat jeder Angehörige der Armee das Recht, sich direkt an den zuständigen Armeeseelsorger zu wenden. Dieser betreut auch jene Armeeangehörigen, die nicht seiner Konfession oder Religion angehören. Führen Armeeseelsorger Gottesdienste durch, können Angehörige anderer Religionen oder Konfessionen einen zivilen Gottesdienst besuchen oder zu einer «dienstlichen Arbeit» verpflichtet werden. Wer aus religiösen oder ethischen Gründen kein Fleisch oder nur bestimmtes Fleisch essen kann, muss dies vor dem Dienst anmelden. In der Regel wird dann ein «ovo-lacto-vegetarisches Gericht» abgegeben. Religiöses Fasten ist erlaubt, kann aber «je nach ausgeübter Funktion ein sicherheitsrelevantes Risiko» darstellen. (bob)

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