Der selbstbewusste Senkrechtstarter

Als Unternehmer ist Pierre-Alain Schnegg erfahren – als Politiker dagegen nicht.

Pierre-Alain Schnegg vor Mario Bottas Tour de Moron, oberhalb von Champoz.

Pierre-Alain Schnegg vor Mario Bottas Tour de Moron, oberhalb von Champoz.

(Bild: Valérie Chételat)

Basil Weingartner@bwg_bern

«Gradlinig», «effizient», «ungeduldig». Diese Worte fallen oft, wenn man Weggefährten über Pierre-Alain Schnegg befragt. Und genau so verfolgt der 53-jährige Bernjurassier nun auch seine politische Karriere.

Diese verläuft steil – und hat eben erst begonnen. Hoch oben, oberhalb des Vallée de Tavannes, in Champoz. 68 Häuser. 154 Einwohner. 5 Gemeinderäte. Schnegg war fünf Jahre lang einer davon. Parteilos. 2013 tritt er in die SVP ein.

Die Mischung aus Liberalismus und Konservatismus entspreche ihm. Bruder Fred-Henri tritt im selben Jahr aus der Partei aus. Der ehemalige Grossrat hatte sich an Plakaten der Partei gestört, die den Kanton Jura mit der Mafia verglichen. «Mein Bruder steht voll hinter meiner Regierungsratskandidatur.»

2014 wird Pierre-Alain Schnegg Grossrat. Doch der vierfache Vater will höher hinaus. Er will Regierungsrat werden. «Dort hat man die Möglichkeit, vieles zu verändern.» Diese will und würde er nutzen. Daran lässt Schnegg, der sehr gut Deutsch spricht, im Gespräch keine Zweifel.

Angriffig und unnachgiebig

Kandidaten für Exekutivämter werden viele Fragen gestellt. Langweilige, nette – aber auch unangenehme. Diese antworten charmant und vorsichtig, manchmal auch verlegen. Hängt vom Gesagten doch der Fortgang der Karriere ab. Pierre-Alain Schnegg dagegen antwortet direkt und konkret – aber auch angriffig, unbescheiden.

Sein Blick fixiert das Gegenüber. Das nervös wippende Bein verrät die Anspannung. Besonders emotional reagiert Schnegg, wenn es um die Jura-Frage geht. Um das potenziell untreue Moutier. Seinen Nachbarort.

«Bern muss die Integrität seines Territoriums verteidigen.» Man dürfe den Autonomisten nicht das Ruder überlassen. In der Region fürchten manche, Schnegg könnte den versachlichten Diskurs emotional wieder aufladen.

Auf ihm unliebsame Fragen antwortet Schnegg gerne mit einer rhetorischen Gegenfrage. Etwa, wenn er gefragt wird, aus welchen Gründen er die «Durchsetzungsinitiative» seiner Partei unterstützt: «Was würden Sie mit jemandem tun, der in Ihrem Haus lebt, Sie bestiehlt und sich an Ihren Kindern vergeht?» Schnegg will lieber über seine persönliche Kandidatur sprechen.

Lob aus Kommission

Im Vergleich mit anderen neuen Grossräten habe sich Schnegg gut eingearbeitet, sagt SVP-Fraktionspräsident Peter Brand. «Er fällt im Rat bisher aber noch nicht besonders auf.» Einzig in der Gesundheitskommission (GSOK) setze er Akzente.

Hier bringt Schnegg sein Fachwissen ein, über das er als Präsident der bernjurassischen Spitäler verfügt. Schnegg zeichnete denn auch für einen der Gegenvorschläge zur Spitalstandortinitiative verantwortlich. GSOK-Mitglied Barbara Mühlheim (GLP) sagt, Schnegg sei «anpackend», «sehr authentisch» und «ein guter Zuhörer».

Der Kanton soll sparen, der Kanton soll zahlen: Schneggs politische Vorstösse senden widersprüchliche Signale aus.

Dem widersprechen auch die politischen Gegner nicht. Reto Müller (SP) ortet aber eine Diskrepanz zwischen Schneggs Auftreten in der Kommission und der «populistischen Art», mit der er im Rat politisiere.

Schnegg reichte viele Vorstösse ein. Diese decken ein breites Themenspektrum ab. Die Forderungen: der Bau einer vierspurigen Autobahn in der Taubenlochschlucht. Geld für kleine Skigebiete im Berner Jura. Die Streichung jeder zehnten Stelle in der Verwaltung. Staatsgeld für die Lehrlingsausbildungen in der Privatwirtschaft, das nicht zuletzt im Berner Jura gefordert wird.

Der Staat soll sparen; der Staat soll zahlen. Welches Staatsverständnis hat Schnegg? «Ich bin Unternehmer, sitze aber auch seit Jahren in Verwaltungsräten von staatsnahen Unternehmen», sagt Schnegg. Er wisse deshalb, dass der Staat manches bezahlen müsse.

Er wisse auch, wie der Staat funktioniere. Dies schreckt ihn offenbar nicht ab. «Die Verwaltung kann niemals so schnell arbeiten wie ein Unternehmen», sagt er. «Ein bisschen schneller könnte es aber trotzdem sein.» Er wolle die Prozesse verschlanken. «So, wie ich das als Unternehmer getan habe.» Diesen Satz sagt er oft. Politische Gegner monieren denn auch, Politiker Schnegg sei Unternehmer geblieben.

«Spitäler schliessen»

Bereits während des Ingenieurstudiums gründete er sein erstes Unternehmen. Weitere kamen dazu. Das grösste ist eine Softwarefirma mit mehreren Hundert Mitarbeitern. Vor zwei Jahren verkaufte er dieses endgültig. Kurz darauf wurden Stellen abgebaut und nach Indien ausgelagert.

Jaguar-Fahrer Schnegg hat neue Firmen gegründet und das Präsidium des Hôpital du Jura bernois übernommen. Gesundheitsökonom Heinz Locher würdigt seine dortige Arbeit.

Lob kommt auch aus der Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF). Letztere würde Schnegg gerne übernehmen. Nach 70 Jahren sozialdemokratischer Führung könne frischer Wind nicht schaden, sagen hinter vorgehaltener Hand selbst linke GEF-Kader.

Gesundheitsdirektor Schnegg würde das Inselspital stärken. Auch die Landspitäler. «Wenn es Sinn macht, bin ich aber nicht dagegen, einzelne Spitäler zu schliessen.» Eine Bruchstelle mit der SVP-Fraktion ist also bereits vorgezeichnet. Anders bei der Sozialhilfe: Hier will Schnegg dafür sorgen, dass die vom bürgerlichen Parlament gewünschten Verschärfungen «endlich umgesetzt werden».

Der Bund

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