Der Veganer zu Besuch beim Schlachter

Tierrechtsaktivist und Veganer Tobias Sennhauser durfte dem Toffener Metzgermeister Fritz Küng beim Arbeiten über die Schultern schauen.

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Es ist kurz nach sechs Uhr früh in Toffen. In der Metzgerei Küng herrscht bereits geschäftiges Treiben. Mitarbeiter zerkleinern gerade ein grosses Stück Fleisch in konsumfertige Teile. Ein schwerer, süsslicher Geruch umgibt sie. Im dazugehörigen Schlachthof versucht Fritz Küng, der Inhaber der Metzgerei (siehe Kasten), ein Rind zu fixieren. Ein Angestellter hilft ihm dabei. Vergebens. Das Rind sträubt sich und kann sich aus dem Griff befreien. Dann greifen die ­beiden Männer erneut zu, jetzt kräftiger. Und mit Erfolg. Küng kann das Rind ­ruhigstellen. Sein Mitarbeiter hält das Bolzenschussgerät an den Kopf des ­Tieres und drückt ab. Der Schuss sitzt, das Tier fällt betäubt zu Boden. Nun fügt ihm Küng mit einem scharfen Messer den Halsstich zu. Das Blut entweicht und bildet auf dem Boden eine Pfütze. Zusammen mit Stücken von ­Eingeweiden fliesst ein Teil des Blutes aus dem Schlachtraum auf die Rampe, wo die Tiere angeliefert werden.

Dort steht Tierrechtsaktivist Tobias Sennhauser und betrachtet die Szenerie skeptisch. Sennhauser ist Veganer. Seit sieben Jahren isst er kein Fleisch, trinkt keine Milch und streicht sich weder ­Butter noch Honig aufs Brot. Dem überzeugten Aktivisten ist sein persönlicher Boykott aber nicht genug: Mit dem Engagement in einer Tierrechtsorganisation (siehe Kasten) will er andere animieren, es ihm gleich zu tun.

1 von 62 Millionen

Die Szene, die Sennhauser beobachtet, hat Seltenheitswert. Und das, obwohl in der Schweiz jährlich 62 Millionen Tiere geschlachtet werden. Zweidrittel dieser Tiere sterben alleine in den grossen Schlachtanlagen von Migros und Coop. Den Rest teilen weitere Grossschlachtereien unter sich auf. Dass eine kleine Metzgerei die Tiere selber tötet, ist heutzutage eine Ausnahme.

Küng setzt sich auch in seiner Offenheit von anderen Schlachthöfen aus der Region ab. Diese reagierten auf die Bitte nach einer Führung verhalten. «So etwas braucht eine Vorlaufzeit von mehreren Wochen, wenn nicht gar von Monaten», hiess es etwa. Die Zurückhaltung überrascht nicht. Die Fleischindustrie profitiert davon, dass der Konsument gelernt hat, das feine Entrecote vom niedlichen Jungtier und der blutigen Schlachtung zu abstrahieren. Auch Küng wurde von verschiedenen Seiten abgeraten, auf das ungewöhnliche Experiment einzusteigen. «Das ist mir aber egal», sagt er, «ich stehe zu dem, was ich mache.» Ganz geheuer scheint Küng die Anwesenheit des Veganers dann doch nicht zu sein. «Bevor wir loslegen, will ich von dem da noch wissen, wieso er kein Fleisch isst», sagt er gleich nach der Begrüssung mit Blick auf Sennhauser.

Sennhauser erklärt: «Gewohnheit, Genuss und – entschuldigen Sie, Herr Küng – finanzielle Interessen der Fleischindustrie finde ich etwas wenig, um das Schlachten von Lebewesen zu rechtfertigen.» Gerade weil man aus gesundheitlichen Gründen nicht darauf angewiesen sei. Generell sei die «Instrumentalisierung» von Nutztieren nicht mit seinen ethischen Überzeugungen vereinbar. «Der Mensch kontrolliert diese Tiere von Geburt bis Tod; er kontrolliert ihr Nahrungs-, Bewegungs-, Sozial- und Sexualverhalten.»

Küng schüttelt den Kopf. Die Tiere bei den Bauern aus der Umgebung hätten es gut, sagt er. Die Haltung von Nutztieren und der Fleischkonsum seien zudem jahrtausendealte Traditionen und gehörten zum Menschen. Schliesslich sei es auch gar nicht möglich, sämtliche Menschen nur aus pflanzlichen Produkten mit Eiweiss zu versorgen. «In den Bergen können Sie kein Soja ­anpflanzen.»

Den Tod vor Augen

Zurück zum Schlachten: Als das eingangs erwähnte Rind von einem Bauer angeliefert wird, ist Küng noch mit der Verarbeitung eines Stiers beschäftigt. Bis der Stier enthäutet, entweidet und in zwei sauberen Tierhälften getrennt in den Kühlraum gebracht werden kann, muss das Rind auf seine Schlachtung warten. Küng bindet das Tier zu diesem Zweck an das Geländer der Rampe. Es wirkt panisch, strampelt wild um sich und rutscht auf dem glatten Boden ständig aus. Über die Gründe kann nur gemutmasst werden. Vielleicht erahnt das Tier sein nahendes Ende, vielleicht liegt es am Sichtkontakt zu seinem toten, halb gehäuteten Art­genossen oder vielleicht bloss am wenig sozialkompatiblen Charakter dieses Rindes, was ihm, wie Küng sagt, die Notschlachtung erst eingebrockt habe.

Die Szene zeigt: Es gibt kein Töten ohne Leid. Aber viele der Vorwürfe, die an grosse Schlachthöfe gerichtet werden, lassen sich auf den kleinen Schlachtbetrieb von Küng nicht übertragen. Die Tiere werden einzeln oder in ganz kleinen Gruppen herangeführt – und nicht mit elektrischen Stössen in volle Last­wagen gepfercht. Und sie kommen auch allesamt von Bauern aus der Region – lange Tiertransporte sind deshalb ausgeschlossen. Auf umstrittene Betäubungsmethoden wie etwa dem Vergasen (Text rechts) verzichtet Küng aus Prinzip. Und schliesslich schlachten bei Küng nur Fachkräfte; in den grossen Schlacht­höfen wird diese Arbeit meistens Ungelernten überlassen.

«In einem Grossbetrieb könnte ich nicht arbeiten», sagt Metzger Küng. Selbst in seinem kleinen Schlachtraum bereite ihm das Töten keine Freude. «Es ist keine schöne Aufgabe», sagt er, «aber eine Aufgabe, die sorgfältig und mit Anstand getan werden muss.»

Zwei Männer, zwei Welten

Küng und Sennhauser, der Metzger und der Veganer, da treffen Welten aufeinander. In jederlei Hinsicht. Küng ist ein boden­ständiger Typ vom Land, charismatisch, etwas hemdsärmelig, er lacht, flucht und poltert mit Leidenschaft. «Je länger die Schulzeit, umso blöder die Ideen», sagt er etwa. Oder: «Der Computer ist das dümmste Instrument, das man erfinden konnte; der Kabelbinder hingegen ist ein Meisterwerk.»

««So etwas wie ‹humanes Schlachten› gibt es nicht.»Tierrechtsaktivist Tobias Sennhauser

Sennhauser hat Philosophie und Informatik studiert. Er lebt in der Stadt Bern, ist eloquent, alternativ und hat wenig Fragen dafür viele Antworten. Während des gesamten Gesprächs bleibt er ruhig und etwas distanziert. Selbst beim Anblick des Tötungsvorgangs verzieht er keine Miene. Mehr Mühe als das blutige Spektakel, so wird er nach dem Treffen sagen, habe ihm das verängstigte Tier vor der Schlachtung bereitet.

Metzger Küng zeigt wenig Verständnis für Sennhausers Lebensstil. Veganismus sei doch bloss eine «Zivilisationserscheinung», sagt er und verwirft die Hände. «Tiere essen Tiere, so ist die Natur – und wir sind auch ein Teil davon.» Die Zivilisation habe dazu geführt, dass der Mensch den Bezug zu und die Achtung vor der ­Natur verloren habe. Manchmal versucht der Metzger aber auch, Gemeinsamkeiten aufzuspüren. «Hühnermasthallen, die Abholzung der Wälder und das industrielle Fischen in den Meeren sind mir auch ein Gräuel», sagt er etwa. Auch deshalb ziehe er das Natürliche dem Zivilisatorischen vor. «Sie sehen», sagt er zu Sennhauser, «so weit sind wir am Ende gar nicht voneinander entfernt.»

Sind sie doch. Er finde, die Natur tauge nicht als Bezugspunkt für moralisches Handeln, sagt Sennhauser. «Die Natur tötet, sie verursacht Tsunamis.» Die Zivilisation hingegen habe dafür gesorgt, dass die Menschen 90 werden und nicht mehr mit 50 sterben. «Ich finde das gut!» Und nicht zuletzt habe der Fortschritt ermöglicht, dass die Menschen nicht mehr von der Nutztierhaltung abhängig seien. «So etwas wie ‹humanes Schlachten› gibt es nicht», sagt er. Davon sei er nach dem Besuch von Küngs Schlachthof mehr überzeugt denn je.

Küng seufzt. «Eine gewisse Differenz bleibt wohl bestehen», sagt er. Nun hat er auch keine Zeit mehr für weitere Diskussionen. Auf der Rampe warten noch vier Schafe darauf betäubt, getötet, gehäutet, ausgeweidet und gehälftet zu werden.

Der Bolzenschuss betäubt das Rind. Der Tod tritt erst nach dem Ausbluten ein. Foto: Franziska Rothenbühler

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