Der Kinderschänder redet wie ein Therapeut

Wortgewandt analysiert Ex-Schulsozialarbeiter B. vor Gericht seine Taten. Er habe sich eingeredet, es sei in Ordnung, 
Buben zu missbrauchen.

Während ihm der Richter (nicht auf dem Bild) eine Frage stellt, schaut B. zu Boden. Dann gibt er eine wortgewandte Antwort.

Während ihm der Richter (nicht auf dem Bild) eine Frage stellt, schaut B. zu Boden. Dann gibt er eine wortgewandte Antwort. Bild: Valérie Chételat/Keystone

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Das süffigste Plädoyer hält am Ende der Angeklagte selbst. «Für meine Neigung kann ich nichts», sagt B. in seinem Schlusswort, «aber ich kann etwas für die Taten, die ich begangen habe.» Auch wenn das für Aussenstehende nicht nachvollziehbar sei: «Es wird noch einen Moment dauern, bis ich wirklich begreife, was ich getan habe und was das für die Opfer bedeutet.» Es folgen Ausführungen darüber, wofür er sich schämt und bei wem er sich entschuldigen will. Zum Schluss sagt er: «Ich will, dass meine Strafe zugunsten einer stationären Therapie aufgeschoben wird. Nur so habe ich eine Chance auf ein Leben mit einer Perspektive.»

Die Eloquenz, mit der der Mann sich ausdrückt, kontrastiert mit der Rohheit seiner Taten: Während dreizehn Jahren hat er 21 Buben sexuell missbraucht, einige mehrere Dutzend Mal, die jüngsten waren kaum 10-jährig. Manchen fasste er lediglich in den Schritt, von vielen liess er sich mit der Hand und oral befriedigen, einige penetrierte er anal, teilweise auch mit Schreibwerkzeug. Damit sie mitmachten, gab er ihnen Bier, Wein und Schnaps zu trinken oder kiffte mit ihnen. Und um in der Kinderporno-Tauschbörse bei den Leuten zu bleiben, fotografierte und filmte er, was er tat.

Preisgekrönt und bewundert

B. war als Schulsozialarbeiter tätig; zuerst im Baselbiet, dann lange in Köniz, später im Kanton Solothurn. Mehrmals geriet er in Verdacht, doch angezeigt hat ihn erst 2012 die Mutter eines Opfers. Die meisten Übergriffe fanden in einer Alphütte in Lauenen statt. Dorthin lud er die Buben übers Wochenende ein, nachdem er ihr Vertrauen gewonnen und sich ihren Eltern vorgestellt hatte. B. war ein Pionier der Schulsozialarbeit, preisgekrönt und von vielen bewundert. Für die deutsche Sinn-Stiftung führte er in seiner Hütte auch Lager mit ADHS-Kindern durch. «Alp der Hoffnung», titelte der «SonntagsBlick» im Jahr 2010. Seit gestern steht B. vor dem Regionalgericht Oberland in Thun. Die Anklage lautet auf sexuelle Nötigung, Schändung, sexuelle Handlungen mit Kindern und weitere Delikte. Er bestreitet die Vorwürfe nicht, mit einer Ausnahme: Er habe nie Gewalt angewendet, also keine Nötigung begangen.

Andere Straftäter sind nach drei Jahren in Haft verwahrlost, erscheinen in Trainerhosen und mit fettigem Haar vor Gericht. B. betritt den Saal gepflegt, trägt Veston und ist wohlfrisiert. Gerichtspräsident Jürg Santschi spricht ihn auf den Führungsbericht der psychiatrischen Einrichtung an, in der er sich seit Beginn dieses Jahres im vorzeitigen Vollzug befindet. B. sei freundlich und kooperativ, heisst es darin, gar von einem «konstruktiven Miteinander» ist die Rede. «Ich verhalte mich nicht so, weil ich einen positiven Bericht will», sagt B. «Das ist einfach meine Art, mit dieser Situation umzugehen.»

Weniger positiv fällt das fast 100-Seitige psychiatrische Gutachten aus, das bei B. eine Störung der Sexualpräferenz diagnostiziert, oder genauer: eine gleichgeschlechtliche Pädophilie. Die Rückfallgefahr sei gross, und es bestehe eine eingeschränkte Problemeinsicht. «Ich kann dem Gutachten in vielen Teilen zustimmen», sagt B.,«auch wenn ich einige Stellungnahmen heute differenzierter abgeben würde.»

In der Rolle des «Mittherapeuten»

B. erläutert, wie er sich früher eingeredet habe, sein Handeln sei in Ordnung, und wie er nun zu realisieren begonnen habe, dass das nicht wahr sei. Er wolle «vollumfassend begreifen», was er getan habe. «Und ich möchte lernen, wie ich mit dieser Neigung so leben kann, dass es nie mehr zu einem Übergriff kommt.» B. klingt nicht wie der Patient, sondern wie der Therapeut. Im Gutachten heisst es, er übernehme in Gruppentherapien gelegentlich «die Rolle des Mittherapeuten». Über diesen Satz sei er gestolpert, sagt B., denn genau das wolle er vermeiden. Er sagt aber auch: «Meine Mitpa­tienten merken, dass ich mit meiner Lebens­erfahrung und meinem Intellekt heraussteche.»

Gerichtspräsident Santschi befragt B. lediglich zu den drei Fällen, in denen die Staatsanwältin ihm vorwirft, er habe Gewalt angewendet. Einer der Buben hat «aua» gesagt, als B. ihn anal penetrierte. B. sagte ihm, es daure nicht mehr lange und machte weiter. «Aus dem Kontext» habe er geschlossen, dass der Bub damit einverstanden sei, sagt B. Er habe keine Gewalt angewendet. Was er jetzt fühle, wenn er darüber spreche, will eine der Laienrichterinnen wissen. Statt zu antworten, startet B. einen Monolog. Darin sagt er auch, er sehe sich nicht als bösartigen Menschen. Aber er habe in vielen Bereichen die Kontrolle über sich verloren. «Das macht mir auch Angst.» In einem anderen Fall wirft ihm das Opfer vor, er habe dessen Kopf beim Oralverkehr festgehalten und vor- und zurückbewegt. Weil es so betrunken gewesen sei, habe es sich nicht wehren können. «Das stimmt nicht», sagt B. «Aber ich werfe dem Buben nicht vor, dass er das so darstellt. Er tut das vielleicht auch, weil er sich schämt, über das zu sprechen, was passiert ist.»

Die Staatsanwältin fordert eine Freiheitsstrafe von 8 Jahren, der Verteidiger plädiert auf 6,5. Beide sind aber der Meinung, dass der Vollzug der Strafe zugunsten einer stationären therapeutischen Massnahme aufgeschoben werden müsse. Das Gericht verkündet sein Urteil heute Nachmittag. (Der Bund)

Erstellt: 11.11.2014, 17:12 Uhr

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