Der Jäger im eigenen Reduit

Der Hunter-Verein Interlaken hält seit Jahren in Fronarbeit einen ausgemusterten Kampfjet flugtauglich – obwohl dieser wohl nie mehr abheben wird.

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Das nennt man eine gut gefüllte Werkstatt. Im Unterstand 122 am westlichen Ende des Flugplatzes Interlaken stehen gut 300 Kisten und 110 Schränke mit Tausenden Ersatzteilen: Schrauben jeder Grösse und Form, Briden, Muttern, Unterlagsscheiben. Auf den Gestellen an der Wand stehen Kanister mit Poliermittel und Reifenschwärzer. Dem Blue Hunter soll es auf seine alten Tage an nichts mangeln.

Dafür sorgt der vor 20 Jahren gegründete Hunter-Verein Interlaken, der den ausgemusterten Kampfjet in seine Obhut genommen hat. Seither wird der Jet von den rund 380 Mitgliedern nicht nur ehrenamtlich gehegt und gepflegt, sondern flugtauglich gehalten. Obwohl klar ist, dass die Maschine nie mehr regulär abheben wird, lagert der Verein einen kompletten Satz Ersatzteile. Die kleinste Schraube eingerechnet, sind das um die 100'000 Einzelstücke: von Triebwerken über Radaranlagen, Schleudersitzen, Zusatztanks und Bugnasen bis hin zu Rumpfvorderteilen und Heckverschalungen.

Materialschatz aus dem Jahr 1964

«Es ist Freude und Faszination zugleich, die uns antreibt», sagt der technische Leiter Kurt Steffen. Man wolle einfach nicht, dass das alles verloren gehe. «Unser Ziel ist es, den Hunter vor dem Vergessen zu bewahren, die Maschine zu erhalten und das Wissen weiterzugeben.» 36 Jahre war in Interlaken die Hunter-Fachstelle der Luftwaffe angesiedelt. Steffen selbst arbeitete als Hunter-Mechaniker. Als in den 1990er-Jahren die ersten Jäger «ausgeschlachtet» wurden, versuchte der Verein eine Maschine vor der Verschrottung zu bewahren – was ihm auch gelang.

Seither steht das Flugzeug mit der Kennung J-4007 zwischen Tonnen von Zubehör im angemieteten Unterstand. Darunter gebe es regelrechte Schätze, so Steffen. Etwa das auf der Galerie verwahrte Seitenleitwerk mit eingebauter Kamera aus dem Jahr 1964. Die Kamera lieferte für die Landesausstellung spektakuläre Filmaufnahmen. Oder die einzige mobile Übungsanlage für die taktische Luft-Boden-Rakete Maverick – eingebaut in einem alten VW-Bus, der neben dem Hunter geparkt ist. Um Kosten zu sparen, trainierten die Piloten seinerzeit die Bedienung des Waffensystems im Auto statt im Flugzeug.

Lieferungen bis nach Kanada

Mittlerweile sind die Materialbestände des Vereins und das technische Wissen der Mitglieder so gross, dass die Interlakner auch andere Hunter-Besitzer, Liebhaber, Sammler und Firmen mit Material aus dem eigenen Fundus unterstützen. Kunden aus England, den Vereinigten Staaten, Japan, Schweden und Belgien wenden sich an den Verein und erkundigen sich nach den inzwischen rar gewordenen Ersatzteilen. Denn auch wenn der Jäger mittlerweile antiquiert anmutet, ist er immer noch gefragt. In Kanada etwa fliegen derzeit 21 Hunter zu kommerziellen Zwecken. «Alleine nach Kanada konnten wir bislang fünf Tonnen Ersatzteile und Bodenmaterial verkaufen», sagt Steffen. Immer mit Bewilligung durch das Staatssekretariat für Wirtschaft, wie er betont. Mit dem Erlös decke der Verein einen Teil der Unterhalts- und Infrastrukturkosten ab.

«Der Aufwand, den wir betreiben, ist immens», sagt Steffen. Er selbst investiert jährlich rund 600 Stunden in die Vereinsarbeit. Vier Mal pro Jahr treffen sich die Mitglieder zudem zu Werterhaltungstagen. Dann wird der Interlakner Hunter auf Vordermann gebracht. Ein Diesel-Öl-Gemisch lässt den olivgrünen Anstrich nicht nur optisch wieder frisch erscheinen, sondern schützt den Jäger auch vor Korrosionsschäden. «Würde die Maschine regelmässig fliegen, wäre das nicht nötig», sagt Steffen. Die Luft würde den angesetzten Rost regelrecht abschmirgeln. Da der Kampfjet aber nur mehr im Hangar sein Dasein fristet, wären die Schrauben ohne Politur innert eines halben Jahrs verrostet.

«Mechanisch genial»

Trotz Pflege und Wartung nagt der Zahn der Zeit unaufhaltsam am elf Tonnen schweren Ungetüm. Besonders im Bereich der Steuerung und der Treibstoffzufuhr zeigten sich Alterserscheinungen. Kabelunterbrüche machen den freiwilligen Mechanikern das Leben schwer. «Die Kablage ist zum Teil bis zu dreissigjährig», gibt Steffen zu bedenken. Der Aufwand, die kritischen Kabel beim J-4007 auszuwechseln, sei aber zu gross.

Auch wenn der Kampfjet längst nicht mehr taufrisch ist, ist Steffens Enthusiasmus für die Maschine ungebrochen. «Ich ziehe den Hut vor der damaligen Ingenieurskunst.» Er staune etwa über die Steuerung des Triebwerks, die «mechanisch genial» gelöst sei. Und erst die Bauweise des Hunters: Für ihn ist der Jäger der formschönste Jet überhaupt. «Schauen Sie sich nur einmal diese aerodynamische Form an.» Es sei ein «gutmütiges» Flugzeug, eines, das dem Piloten stets treu gewesen sei.

Traktor statt Triebwerk

Ausgerechnet auf das morgige Jubiläumsfest hin muckt der gutmütige Jet jetzt aber auf. Die Starteranlage funktioniert nicht, wie sie sollte. Steffen vermutet Korrosionsschäden an den Kontakten. Hinzu kommt ein Schaden an der rechten Bremsanlage. Da die Zeit bis zum Fest nicht mehr ausreicht, das Problem zu beheben, muss der Hunter deshalb morgen wohl oder übel aus dem Hangar gezogen werden, statt stolz aus seinem eigenen Reduit zu rollen.

Der Bund

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