Deponien mit Völlegefühl

Auch wegen Grossprojekten wie dem neuen Tiefbahnhof Bern ist der Platz für Aushubmaterial im Kanton Bern knapp, was die Preise verteuert – und es kann unnötige Transporte auslösen.

Im Hirschenpark in Bern laufen die Arbeiten für den neuen Tiefbahnhof des RBS.

Im Hirschenpark in Bern laufen die Arbeiten für den neuen Tiefbahnhof des RBS. Bild: Franziska Rothenbühler

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Bagger, Traxe, Lastwagen überall – für den neuen Bahnhof wird an mehreren Orten in Bern fleissig gelocht und gebuddelt. Im Hirschenpark an der Tiefenaustrasse erstellen die Bauarbeiter derzeit eine Baugrube. Beim RBS-Projekt für den Tiefbahnhof fällt eine grosse Menge Aushub- und Ausbruchmaterial an, der irgendwo deponiert werden muss.

Es geht um 500000 Kubikmeter Erdreich, vorwiegend Sandstein, Mergel, Moränenmaterial und Sedimente, wie der RBS schreibt. Zum Vergleich: Das ist ein Würfel mit einer Kantenlänge von 80 Metern oder etwa ein Fünftel des Volumens der Cheops-Pyramide. Etwa 50000 Lastwagenfahrten sind nötig, um das Material wegzuführen.

Planung hinkt hinterher

Der Engpass bei den Deponien für unverschmutztes Aushubmaterial im Kanton Bern ist alles andere als behoben – obwohl in diesem Jahr die umstrittene Deponie in Thierachern in Betrieb ging. «Die Ablagerung von sauberem Aushubmaterial ist ein Dauerthema, die Planung hinkt hintennach, weil die Schaffung neuer Ablagerungsmöglichkeiten immer langsamer ist als die Dynamik der Baukonjunktur», sagt Jacques Ganguin, Vorsteher des Amtes für Wasser und Abfall des Kantons Bern. «Kommt auf einen Schlag eine grosse Menge Material, so stösst das System an seine Grenzen.»

Ein nicht unbedeutender Faktor ist auch die Verdichtung: «Wenn es weniger verfügbares Bauland gibt, wird tiefer in den Boden gebaut», sagt etwa Daniel Christen von der Iff AG, die in Niederbipp an der Grenze zum Kanton Solothurn eine grosse Kiesgrube betreibt. «Das führt zu mehr Aushub.»

Der kantonale Kies- und Betonverband KSE Bern verlangt denn auch die Schaffung von Deponiereserven. «Die angespannte Lage in den Regionen Mittelland und Thun bessert sich nicht von heute auf morgen», sagt KSE-Präsident Fritz Hurni. Ein allgemeines Problem seien jedoch die langen Planungsfristen. «Ein Grossprojekt wie der Tiefbahnhof Bern trägt sicher nicht zur Entspannung bei.» Auch aus Sicht der Kies AG Aaretal, Kaga, hat der Deponieengpass nach wie vor Bestand, wie deren Geschäftsleiter Christian Urban Schilling sagt.

Die Firma ist auch selber betroffen: In ihrer Kiesgrube Bümberg bei Heimberg ist seit August die Annahme von Deponiematerial eingeschränkt. Zum Teil werden Anlieferungen abgewiesen, wenn sie 1000 Kubikmeter überschreiten und nicht bewilligt sind. Die Kaga behalte sich weitere Massnahmen vor, «bis hin zur vollständigen Schliessung», heisst es in einem Brief an die Kunden. Die Deponie kann nur an drei Wochentagen angefahren werden. In früheren Jahren wurden dort jährlich aus den Räumen Aaretal und Thun bis zu 300000 Kubikmeter Aushubmaterial abgelagert. 2018 wird es etwa die Hälfte sein. Die Einschränkung erfolge aus betriebswirtschaftlichen Gründen, da im Moment weniger Kies abgebaut und verkauft werde, sagt Geschäftsleiter Schilling. «Dadurch steht weniger Volumen für die Ablagerung zur Verfügung.»

Viel Aushub, viel Ärger

Der Kiesabbau ist der entscheidende Faktor für die Aufnahmekapazität: Wird kein Kies abgebaut, so entsteht auch kein neuer Platz für die Ablagerung. Grubenbetreiber haben darum ein Interesse, Abbau und Deponie im Gleichgewicht zu halten. Weil das Volumen für den Aushub knapp ist, sind die Preise für grosse Mengen höher.

Grossaufträge kommen, anders als sonst in der Wirtschaft, nicht billiger, sondern teurer. Kein Kiesgrubenbetreiber wolle in zwei Monaten das ganze Jahresvolumen auffüllen, denn in diesem Fall wäre er für den Rest des Jahres blockiert, erklärt Daniel Christen von der Iff AG. «Viel Aushub, viel Ärger, wenig Aushub, wenig Ärger.» Die relativ kleine Deponie in Thierachern sei «nur ein Tropfen auf den heissen Stein», meint er.

Wenn die Kapazitäten ausgelastet sind, kann es zu unnötigen und langen Fahrten kommen. Regionsübergreifende Materialtransporte, auch etwa als Deponietourismus bezeichnet, werden als unökologisch kritisiert. Es kommt aber immer wieder vor, dass aus der Region Bern Gruben im Kanton Freiburg angesteuert werden – oder eben die Grube der Iff AG in Niederbipp. Das ist aber deutlich teurer. Denn die Fahrt von Bern nach Niederbipp ist lang und führt über die staugeplagte A 1. So sind weniger Fuhren pro Tag möglich. Freude haben da nur der Bund, weil es mehr Geld aus der LSVA gibt, und die Treibstoffhändler, weil es mehr Diesel braucht.

Schwierige Lösungssuche

Man müsse unbedingt eine gewisse Flexibilität schaffen, damit Grossprojekte wie der Tiefbahnhof Bern aufgefangen werden könnten, sagt Jacques Ganguin vom kantonalen Amt für Wasser und Abfall. Um Engpässen auszuweichen, können bei grossen Bauvorhaben auch projektbezogene Deponien errichtet werden: Beim kürzlich eröffneten Rosshäuserntunnel, beim Ostast der A 5 in Biel oder bei der Bahn 2000 zwischen Kirchberg und Luterbach war dies der Fall. «Dies könnte die Lösung sein, um den überschüssigen Aushub von Grossprojekten abzulagern», sagt Ganguin. Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass bei solchen Deponien die Lastwagenfahrten kürzer sind.

Naturschützer stellen sich nicht grundsätzlich gegen diese Deponien. «Man muss den Einzelfall beurteilen und eine Interessenabwägung vornehmen», sagt Jan Ryser, Geschäftsführer von Pro Natura Bern. Natur und Landschaft seien hoch zu gewichten, man müsse aber auch die Betroffenheit von Anwohnern, die Distanz zu anderen Deponiemöglichkeiten sowie Verkehrsfragen einbeziehen.

Für den neuen Bahnhof Bern wurde keine projektbezogene Deponie geplant. Der RBS begründet dies damit, dass das Material über Jahre verteilt anfallen werde. Man gehe davon aus, dass die Kapazitäten in den Deponien in der Region Bern ausreichten. Das Mengengerüst sei im Sachplan der Region Bern Mittelland berücksichtigt. Die Deponien befänden sich in einem Umkreis von 25 Kilometern. Der Ausbruch der grossen Kavernen für den Tiefbahnhof soll im Frühling 2020 starten. (Der Bund)

Erstellt: 06.09.2018, 06:50 Uhr

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