Das neue Schwergewicht auf dem Spitalmarkt

Die Fusion zwischen dem Inselspital und Spital Netz Bern zur Insel-Gruppe ist beinahe abgeschlossen. Der Trend zu verstärkten Kooperationen von Universitätsspitälern ist schweizweit erkennbar.

Das Inselspital fusioniert mit der Spital Netz AG.

Das Inselspital fusioniert mit der Spital Netz AG. Bild: Adrian Moser

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Am Spitalstandort Bern entsteht ein neuer, grosser Spitalverbund: Ab dem kommenden Jahr betreibt die neugeschaffene Insel Gruppe AG das Inselspital und die Spitäler von Spital Netz Bern. Damit wird rechtlich gefestigt, was in der Praxis bereits Tatsache ist. Wurden doch die Führungsgremien der beiden Spitalgruppen bereits 2012 zusammengelegt. Für Verwaltungsratspräsident Joseph Rohrer ist der Vollzug gleichwohl ein «historischer» Moment: Durch die Fusion der sechs Spitalstandorte entstehe das «führende Unispital der Schweiz», ein «Unikat, um das uns unsere Mitbewerber beneiden dürften».

Der Berner Gesundheitsökonom Heinz Locher kritisiert diese Aussagen. Die Insel sei schlicht nicht führend. «Das Projekt wird mit solchen Aussagen völlig überverkauft». Dies sei schade. «Denn eigentlich ist das Ganze eine gute Lösung», so Locher. So verbessere die stärkere Vernetzung der einzelnen Spitäler die Voraussetzungen dafür, dass die Patienten am richtigen Ort behandelt werden könnten. Auch die Patientenpfade, sprich die Koordination der Behandlungsschritte, könne so optimiert werden, so Locher. «Wenn man die Strategie bewusst umsetzt, wird sie einen kostendämpfenden Effekt haben.» Der Geschäftsführer der Insel-Gruppe, Holger Baumann, bekräftigt, ebendies tun zu wollen. Man werde die Patienten dort behandeln, wo es sinnvoll und am kostengünstigsten sei. «Diese Strategie umzusetzen, ist aber alles anders als banal.»

Jedem Kanton sein Modell

Letzte Woche hatte Locher die Strategie der Insel im «Bund»-Interview kritisiert. Diese fokussiere zu stark auf Spitzenmedizin und nehme zu wenig auf die limitierten finanziellen Ressourcen des Kantons Bern Rücksicht. «Die Fusion als solche passt aber gut zu den lokalen Gegebenheiten», findet Locher. Genau deshalb könne und werde das Berner Modell auch nicht wie von Rohrer erwähnt als Vorbild für andere Unispitäler dienen. Diese haben zudem bereits eigene Modelle entwickelt:

• In Genf wurden die öffentlichen Spitäler bereits 1995 zu den Hôpitaux universitaires (HUG) vereinigt. Die Spitalgruppe übernimmt beinahe die gesamte spitalmedizinische Versorgung des Westschweizer Kantons. Heute sind die HUG mit gut 10 000 Mitarbeiter ähnlich gross wie die neue Insel-Gruppe.

• In Zürich gibt es einzig punktuelle Kooperationen zwischen dem Universitäts­spital (USZ) und den Stadtspitälern. Dies etwa im Bereich Geriatrie oder der Herzchirurgie. Zur Frage, ob das Berner Modell dereinst auch in Zürich zur Anwendung kommen könnte, wollte sich das USZ nicht äussern. «Wir beobachten die Entwicklung in Bern mit Interesse.»

• Die Kantone Basel-Stadt und Basel-Land erarbeiten derzeit ein Projekt, das die Zusammenarbeit des städtischen Unispitals mit dem landschaftlichen Kantonsspital Bruderholz verbessern soll. Eine Fusion ist eine der Optionen. Die Projektstudie wird in den kommenden Wochen veröffentlicht.

• In Lausanne übernimmt die Uniklinik gleichzeitig auch die Aufgaben des lokalen Regionalspitals. Die Waadtländer Gesundheitsdirektion koordiniert das Spitalwesen zudem stärker als die bernische. So können Doppelspurigkeiten trotz fehlender Kooperationen minimiert werden.

Das Spital Netz besteht weiter

Trotz der Gründung der neuen Aktien­gesellschaft: Die Inselstiftung, bisherige Betreiberin des Inselspitals, wie auch die Spital Netz Bern AG (SNB) werden weiterbestehen. Dies, da eine Fusion einer Aktiengesellschaft und einer Stiftung rechtlich nicht möglich ist. In die Insel Gruppe AG werden «nur» die operativen Spitalbetriebe überführt – etwa das Personal und Gerätschaften aber auch das Know-how oder Patente. Einzig die Immobilien verbleiben bei SNB und Inselstiftung. Je mehr Werte die beiden bisherigen Gesellschaften in die AG überführen, desto höher wird ihr Aktienanteil am neuen Konstrukt sein. Dies führt dazu, dass die SNB – sie ist zu 100 Prozent im Kantonsbesitz – einzig Minderheitsaktionärin sein wird.

Der Einfluss der Inselstiftung wird also grösser werden. Um den Einfluss des Kantons zu erhalten, wird dieser in den kommenden Monaten Verträge mit der Insel Gruppe AG aushandeln. So wird die Leitung der Spitalgruppe etwa zu regelmässigen Führungsgesprächen mit dem Regierungsrat verpflichtet. Zudem soll etwa die Veräusserung von Aktien an Dritte vertraglich untersagt werden. Der Kanton kann zudem bei Bedarf über die Ernennung des Verwaltungsrats, die regierungsrätliche Kompetenz bleibt, weiterhin starken Einfluss auf die Entwicklung der neuen Spitalgruppe nehmen.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.06.2015, 10:31 Uhr

Die Fusion im Überblick

• Als im Kanton Bern am 1. Januar 2007 ein neues Spitalgesetz in Kraft tritt, nimmt die neu gegründete Spital Netz Bern AG (SNB) ihren Betrieb auf – als eines von sieben regionalen Spitalzentren des Kantons, welches mehrere Spitäler unter einem Dach vereinigt. Das Insel­spital bleibt dagegen eigenständig.

• Aufgrund der für 2012 geplanten Einführung der Fallpauschale wird klar, dass der finanzielle Druck auf SNB und die Insel in Zukunft steigen wird. Stellenabbau, Verunsicherungen bei den Angestellten und Abgänge in den Chefetagen sind die Folge. Die Schliessung des Zieglerspitals wird diskutiert.

• Ende 2010 beschliesst der Regierungsrat zudem, die SNB und das Inselspital zusammenzuführen. Der Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud (SP) moniert die vielen Doppelspurigkeiten von Insel und SNB. Die konkreten Ideen fehlen aber. Eine Debatte über die Kosten der Fusion und Parallelitäten im Spitalangebot beginnt.

• 2012 beauftragt die Berner Regierung den mittlerweile personell identisch bestückten Verwaltungsrat von SNB und Insel, eine Lösung für den Zusammenschluss der beiden Spitäler auszuarbeiten. Ende Jahr liegt der Bericht vor: Innert zweier Jahre sollen die beiden Spitäler zusammengeführt und reorganisiert werden.

• 2013 schliessen die Verantwortlichen die Geburtenabteilung in Riggisberg. Eine Folge der Spitalfusion.

• Im gleichen Jahr erfolgt im Tiefenauspital ein Exodus: Drei Chef- und neun Kaderärzte wechseln zur privaten Lindenhofgruppe.

• 2014 wird eine alte Idee aufgegriffen: Ein neues Stadtspital soll das Ziegler- und Tiefenauspital ersetzen. Der Neubau soll im Tiefenauareal zu stehen kommen.

• Während die Fusion von SNB und Insel vorankommt, nehmen Ende 2014 weitere Chefärzte im Tiefenauspital den Hut – angeblich, weil sie durch den Zusammenschluss in ihrer Arbeit eingeschränkt würden. Es folgen Kündigungswellen im Zieglerspital.

• Mit dem Rebranding «Insel Gruppe» ist die Fusion nun besiegelt. (msc)

Spitalfusion beschert den Insel-Angestellten einen GAV

Die Spital-Fusion im Raum Bern bedeutet für die Angestellten des Inselspitals, dass sie künftig einem Gesamtarbeitsvertrag (GAV) unterstehen werden. Das haben die Spitze der Insel-Gruppe und die Personalverbände vereinbart.

Die Angestellten des Spitalnetzes Bern unterstanden schon bisher dem Spital-GAV, den die Personalverbände schon vor 15 Jahren mit einzelnen öffentlichen Spitälern des Kantons Bern ausgehandelt hatten. Er wurde seither auf weitere Betriebe ausgeweitet und verbessert. Für die Angestellten der «Insel» galt dieser GAV aber nicht.

Insel-Gruppe und die Personalverbände haben sich nun auf einen eigenen, neuen GAV für das neue Gebilde geeinigt. Die jeweils besseren Regelungen des Spital-GAV respektive der heutigen Arbeitsverträge im Inselspital seien übernommen worden, hiess es an der Medienkonferenz.

Bettina Dauwalder von der Gewerkschaft VPOD sagte dennoch vor den Medien, der GAV für die Insel-Gruppe sei zwar eine gute Sache, aber nicht die beste Lösung. Sie hätte es lieber gehabt, wenn die Insel-Gruppe den bestehenden Spital-GAV übernommen hätte. Dies, damit es im Kanton Bern weiterhin nur einen Spital-GAV gegeben hätte. Weil der bestehende Spital-GAV aber auslaufe, habe die Gefahr gedroht, dass die Angestellten der Spital Netz Bern plötzlich ohne GAV dagestanden wären, so Dauwalder am Rand der Medienkonferenz. Deshalb akzeptierten die Personalverbände diesen neuen GAV.

Der Spezial-GAV für die Insel-Gruppe wurde für zwei Jahre vereinbart. Ziel der Personalverbände ist laut Dauwalder, für die Zeit ab 2018 im Kanton Bern wiederum nur einen GAV zu haben, also den Insel-Gruppen-GAV mit dem Spital-GAV zu vereinen.

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