«Das ist Freiheit»

Seit 2007 ist Manfred R. Stuber Pfarrer in der Berner Heiliggeistkirche. Jetzt übernimmt er den Direktorenposten im Massnahmezentrum St. Johannsen.

Der Abschied von der Heiliggeistkirche fällt Manfred R. Stuber nicht leicht.

Der Abschied von der Heiliggeistkirche fällt Manfred R. Stuber nicht leicht.

(Bild: Adrian Moser)

Anita Bachmann@anita_bachmann

Heiliggeist-Pfarrer gehen in den Strafvollzug. Das trifft auf Hans Zoss zu, der 17 Jahre lang Thorberg-Direktor war, und auf Manfred R. Stuber. Der 44-jährige Berner Theologe übernimmt per 1. September den Direktorenposten des Massnahmezentrums St. Johannsen in Le Landeron. Er habe keine Sekunde an Zoss gedacht, als er sich für die Stelle beworben habe, sagt Stuber. Erst im Nachhinein sei ihm das aufgefallen. Mittlerweile hat er den Ex-Gefängnisdirektor auch kennen gelernt. «Was uns gemeinsam ist, ist das lebhafte Interesse an den Menschen», sagt er.

Von der Buchhaltung zu Theologie und auch noch Psychologie

Doch der gross gewachsene, schlanke Mann, der in einer Beziehung lebt und zu dessen Hobbys das Fotografieren zählt, scheint sich noch für viel mehr zu interessieren – für Zahlen etwa. Als erste Ausbildung schloss er eine Banklehre ab und arbeitete als Kundenberater bei einer Berner Bank. Zurzeit absolviert er ein MBA-Studium an einer Hochschule für Wirtschaft, und es stehen Semesterprüfungen in Buchhaltung und Marketing an.

Während seines Theologiestudiums habe er Freud, den Begründer der Psychoanalyse, entdeckt und fast alle seine Werke gelesen. «Ich war mir nie ganz sicher, ob ich alles verstehe», sagt Stuber. Später sei ihm die Literatur von Alfred Adler begegnet, und er habe am gleichnamigen Institut in Zürich Kurse belegt. Weil ihm Wissen gefehlt habe, habe er auch noch Psychologie studiert.

Kein Zufall in der Kirche

Obwohl Stuber Ferien hat, sitzt er in einer Bank der Heiliggeistkirche. In einer Ecke der «offenen Kirche» trinken ein paar Leute Kaffee und Tee. «Es kommt darauf an, inwiefern man in der Kirche von Zufall sprechen kann», sagt Stuber. Der Wechsel in den Strafvollzug liege irgendwie auch nahe. Im Psychologiestudium habe er Fächer belegt wie Kriminologie, Psychopathologie und Psychopharmakologie.

Zudem habe er in seiner Funktion als Armeeseelsorger mit jungen Männern zu tun, die in einer Lebenskrise steckten. Die Themen seien Integrations- und Zukunftsfragen, Schulden und zum Teil auch laufende Strafverfahren. «Es geht um die Frage, wie man in geordneten Verhältnissen lebt», sagt Stuber.

Dass er nun von der Kirche ins Gefängnis wechsle, habe schliesslich auch damit zu tun, dass er von Anfang an ein gutes Gefühl gehabt habe. Und sein Umfeld scheint ihn darin bekräftigt zu haben. Über dieser Stellenausschreibung stehe sein Name, habe etwa die Präsidentin der Kirchgemeinde gemeint.

«Sicherheit ist zentral»

In der Kirche habe er sein Psychologiewissen kaum anwenden können. In seiner neuen Aufgabe könne er nun alles besser vereinen, auch die Führungserfahrung, die er als Berner Verbandspräsident der christlichen Jugendorganisation Cevi gesammelt habe. In St. Johannsen arbeiten rund 100 Mitarbeiter, und das Zentrum verfügt über 80 Haftplätze. Als Verbandspräsident sei er mit Themen wie Ressourcenknappheit oder Strukturreformen konfrontiert gewesen. «Das liegt mir», sagt er.

Ist ein Pfarrer nicht zu lieb, um Gefängnisdirektor zu sein? «Nein», sagt Stuber entschieden. «Warum sollte ein Pfarrer lieber sein als andere?» Es entspreche wohl einem landläufigen Bild, dass ein Pfarrer einer sei, der alles durchgehen und Gnade über alle walten lasse. Lieb oder streng treffe die Sache ohnehin nicht. «Man muss Konsequenz an den Tag legen», sagt er. Das könne auch ein Gefallen sein, auch wenn man dies erst später erkenne und es bedeute, dass man jemanden ernst nehme. Die Sicherheit sei zentral. Es gehe ja nicht nur darum die Sicherheit zu gewährleisten, währenddessen jemand im Gefängnis einsitze, sondern auch um die Sicherheit danach.

«Das ist Freiheit»

Der Strafvollzug sei darum nicht nur Rekompensation, auch wenn er einen Strafcharakter habe. «Sicher zu Recht, aber wenn es nur dabei bleibt, greift das eindeutig zu kurz», sagt Stuber. Es gehe vor allem darum, mit geeigneten Mitteln die Rückfallquoten zu reduzieren. Jetzt heisst es, von der Kirche Abschied nehmen. Vieles lasse er ungern zurück, sagt Stuber. Etwa die Theologie: auf der Kanzel über einen Text reden, ihn auslegen, nicht nur Anspruch, sondern auch Zuspruch und die Zweifel gleich mitzubringen. «Das ist Freiheit», sagt er.

In einem ganz kleinen Rahmen werde er weiterhin für die Kirche arbeiten und zwei bis drei Mal pro Jahr einen Gottesdienst halten. Fest steht schon, dass er den Weihnachtsgottesdienst am 25. Dezember in der Heiliggeistkirche halten wird.

Der Bund

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