Burgdorfs historische Wundertüte

Im Schloss Burgdorf wurden «sensationelle Funde von hohem historischen Wert» gemacht. Wie sich diese in die dort geplante Jugendherberge integrieren lassen, ist unklar.

  • loading indicator
Martin Erdmann@M_Erdmann

Saftige Köder wurden in der Medienmitteilung des Kantons Bern und der Stiftung Schloss Burgdorf ausgeworfen. Darin ist von einer «sensationellen Entdeckung» und gar von einem «verloren geglaubten Schatz» zu lesen. Vor Ort ist von einer sensationsschwangeren Atmosphäre zunächst nichts zu spüren. Ein Paketbote schleicht das steile Schlossgässchen hinauf, im Schlossgraben blühen die Primeln, und auf dem Schlosshof herrscht Leere. Nur eine vogelscheuchenartige Ritterpuppe bewacht neben ein paar bemalten Lanzen den Eingang zum Schlossmuseum. Darin ist der «verloren geglaubte Schatz» jedoch nicht zu finden. Er ist nur über die 15 Tritte der steilen Wendeltreppe des gegenüberliegenden Trakts zu erreichen. Die Treppe führt in den Korridor des ehemaligen Hallenbaus. Hinter der dritten Tür rechts liegt ein dunkler Raum. Vereinzelte Sonnenstrahlen drücken durch die verschmutzten Fensterscheiben. Die schummrigen Lichtverhältnisse können die Euphorie von Michael Gerber nicht verbergen. «Was hier zu sehen ist, haben wir als Sensation angekündigt, und dabei bleibe ich», sagt der Leiter der kantonalen Denkmalpflege. Damit meint er die Bilder, die an Wand und Decke zu sehen sind. Sie stammen von 1680 und sind im Grisaille-Stil gehalten, sind also schwarz, grau und weiss.

Weshalb sie erst jetzt entdeckt wurden, bedarf einer historischen Erklärung. Das kyburgische Schloss Burgdorf kam 1384 in bernischen Besitz. Ab da wurde es von Schultheissen bewohnt. Ihre innenarchitektonische Eitelkeit führte dazu, dass die Räume immer wieder dem Zeitgeist angepasst wurden. So passte Schultheiss Dombach bei seinem Einzug ins Schloss die Grisaille-Bemalung nicht mehr, weshalb er sie 1741 durch graue Täfelung überdecken liess. «Schon diese sind eine historische Sensation», sagt Gerber. Hinweise in der Literatur gaben Anlass zur Hoffnung, dass sich dahinter noch etwas viel Bedeutungsvolleres befinden könnte. Und so war es dann auch.

Die zerstörte Entdeckung

Die Malereien stammen von Christian Stucki. Das konnte nur durch die buchhalterische Genauigkeit von Schultheiss Dombach herausgefunden werden. «In seinen Rechnungsbüchern wurde sehr genau festgehalten, wer wofür Geld bekommen hat», sagt Gerber. Dort war auch Stuckis Name notiert. Die Motive entstammen aber nicht dem Ideenreichtum des Malers, sondern wurden übernommen. «Damals wurden oft Musterbücher aus Deutschland importiert, in denen sich auch Stucki bedient hat.» Dafür sei der Zustand der Malereien von herausragender Bedeutung. «Weil sie so lange abgedeckt waren, ist vor allem die Decke kaum beschädigt.» Laut Gerber habe man sich bereits 1972 auf die Suche nach diesem «verloren geglaubten Schatz» gemacht, brach sie aber erfolglos ab. Wie sich nun herausgestellt hat, war man bereits 1922 auf einen Teil der Wandmalereien gestossen. Darüber ist Gerber empört. Der Grund dafür: «Anstatt die Wand zu schützen, wurde sie eingerissen.» Dies geschah aus Gründen der Statik, was sich laut Gerber im Nachhinein als nichtig erwiesen hat. Besonders pikant ist, dass es schon damals Denkmalpflegegesetze und eine Kommission gab, die diesen Nachachtung verschaffen sollte. «Wahrscheinlich wurde die Mauer in einer Nacht-und Nebel-Aktion eingerissen», vermutet Gerber.

Angst vor Teebeutel

Das Schloss Burgdorf befindet sich in den nächsten zwei Jahren im Umbau (siehe Kasten). Im Raum, in dem die Malereien entdeckt wurden, sollen gemäss Plan zwei Sechserzimmer einer Jugendherberge eingebaut werden. Ist das nicht fast so, als würde man eine Kita in einem Porzellanladen einquartieren? «Ich musste schon leer schlucken, als ich das hörte», gibt Gerber zu. So befürchtet er etwa, dass Teebeutel an die Decke geworfen werden könnten. Gerber könnte sich vorstellen, dass die Kunstwerke durch eine gläserne Schutzwand abgeschirmt werden. Doch viel lieber wäre es ihm, wenn der Raum anderweitig genutzt würde. Am anderen Ende des Trakts soll künftig in einer ehemaligen Küche geheiratet werden. «Diese hat keinerlei historische Bedeutung.» Daher sieht Gerber eine Nutzungsverlagerung als Ideallösung. Er ist aber zuversichtlich, dass mit der Jugendherberge eine Einigung gefunden werden kann. «Die freuen sich über die Entdeckung und wollen ihr Konzept anpassen.»

Sind nun alle Sensationsfunde und verloren geglaubte Schätze des Schlosses entdeckt? «Viele Teile sind gut erforscht, wir wissen viel», so Gerber. Dennoch will er weitere Überraschungen nicht ausschliessen. «Zum Beispiel wenn das ehemalige Gefängnis umgebaut wird.» Da gebe es immer noch viele graue Punkte. «Das ist noch eine richtige Blackbox.»

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt