Bleikessel und Automatik-TV-Kamera

Am Dienstag hat Matthias Lauterburg den letzten Arbeitstag bei TeleBärn. Der Privatradio-Pionier und Fernsehmann liebt Experimente – trotz des Risikos. Die Medien bleiben auch künftig seine Leidenschaft.

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Die Karriere hätte geruhsamer verlaufen können: Einstieg bei einer Landzeitung, Sprung zur SRG – und Warten auf die Pensionierung. Bei Matthias Lauterburg, eben 65-jährig geworden, war der Werdegang anders. Zwar gab es vor gut vier Jahrzehnten den Einstieg beim «Emmenthaler Blatt», als noch «dampfende Bleikübel» der Schriftsetzer und Metteure umherstanden. Hans-Peter Lebrument – heute gefürchteter Verlegerpräsident – war Sport- und Auslandredaktor. Als dieser ausgerechnet vor Olympischen Spielen ins Militär einrücken musste, beschied er Lauterburg: «Du machst die Spiele.» Ad-hoc-Entscheide waren damals noch die Regel im Mediengewerbe. So bekam Lauterburg nach einem Radiobericht über einen Bluesmusiker im Berner Gaskessel den Auftrag: «Mach doch eine Blues-Sendung.» Diese lief auf Radio DRS jahrelang.

Zum Spass gehört auch Risiko

Die beamtenähnliche Sicherheit bei der SRG war Lauterburgs Sache nicht. Als 1983 landauf, landab Privatradios gegründet wurden, war er einer der Pioniere und wurde erster Programmleiter von Radio Extra Bern. 1986 bekam er wegen Meinungsverschiedenheiten die fristlose Kündigung. Fast nahtlos wechselte er in die gleiche Position bei Radio Grischa. Trotz 100-Stunden-Wochen denkt Lauterburg gerne an jene Zeit zurück: fixes Budget, klarer Auftrag, messbare Resultate. «Ein Jahr später waren wir das populärste Radio in Graubünden.» Auch andere Sender interessierten sich für das Erfolgsrezept, sodass er zeitweise für ein gutes Dutzend in der halben Schweiz unterwegs war. «Weil alle zu Hause anriefen, verzweifelte meine Frau Lilo beinahe.» Seiner Frau zuliebe, die damals als Stadträtin und berufstätige Frau ebenfalls ihr Programm hatte, schaffte er sich 1991 ein Natel an: «Schwer, gross wie drei Tafeln Schoggi und selbst als Occasion noch immer 1800 Franken teuer.»

«Journalismus wurde besser»

Die oft geäusserte Klage über den Qualitätsverlust im heutigen Journalismus weist er zurück. Mit Schaudern erinnert sich Lauterburg an pensionierte Lehrer, die «unbedarfte Berichtli» verspätet einsandten, «die tel quel ins Blatt kamen». Mächtige genossen Ehrfurcht und forderten diese auch ein. Da gab es den Zirkuspatron, der das «junge Reporterli» mit drohendem Unterton ermahnte: «Ihr wisst hoffentlich, was ihr zu schreiben habt.» Diesbezüglich sei vieles besser geworden, auch die gouvernementale Haltung sei weitgehend verschwunden. Später habe er erlebt, dass eine Medienkonferenz mangels Interesse abgesagt wurde, obwohl drei Regierungsräte aufgetreten wären. «Sie merkten, dass man nicht für jeden ‹Hafechäs› eine Pressekonferenz einberufen sollte.»

Der gebürtige Langnauer Lauterburg ist Bernburger. Was bedeutet ihm das? «Für mich ist es unwichtig», hält er fest, doch keineswegs unwichtig finde er die Existenz der Burgergemeinde. Manchmal dünke ihn ihr Gehabe altmodisch, etwa dann, wenn genau ein Kandidat für einen Posten aufgestellt werde, der dann sicher gewinne, «fast wie in der DDR».

TV verstärkt Emotionen

In Bern hat Lauterburg die meisten Medien von innen kennen gelernt: als Programmleiter beim privaten Konkurrenzradio Förderband, als Moderator beim DRS-«Nachtclub» und Mitarbeiter beim «Rendezvous», als Talker beim 1995 gegründeten Lokalsender TeleBärn und als Lokalchef bei der «Berner Zeitung».

Manche Radioleute, die der Öffentlichkeit einzig ihre Stimme preisgeben, scheuen den Wechsel zum Fernsehen. Lauterburg wagte es und bereut den Schritt nicht. «Das Fernsehen hat mich unglaublich fasziniert.» Es sei das Modernste, indem es bewegtes Bild und Sprache verbinde. Schon beim emotionalen Medium Radio gelte die Regel: «Ein Lächeln wird zum Lachen, ein Lachen wird zum Gröhlen.» Das Fernsehen verstärke diesen Effekt noch: Starke Mimik oder ein Fuchteln mit den Händen habe auf einem kleinen TV-Bildschirm einen abschreckenden Effekt.

Doch Regeln seien da, um zuweilen gebrochen zu werden, findet Lauterburg. «Manchmal gibt es einen fürchterlichen Absturz, aber hie und da erzeugt man Höhenflüge.» In etablierten Sendern in der Deutschschweiz werde zu viel gestaltet und dadurch das Risiko minimiert, während etwa elektronische Medien im Welschland die Kunst des spannenden Live-Gesprächs tagtäglich pflegten. Lauterburg kennt die Risiken eines Live-Gesprächs, dann etwa, wenn sich der TV-Gast im Studio unwohl fühlt, lustlos antwortet «und der Funke einfach nicht springt». Und es gibt das Umgekehrte, etwa ein Gespräch mit dem ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker: «Da musste ich aufpassen, dass ich mich nicht einfach zurücklehne und den klugen Ausführungen dieser Jahrhundertpersönlichkeit genussvoll lausche.»

Keckheit versus Erfahrung

13 Jahre lang war Lauterburg Redaktionsleiter bei TeleBärn – umgeben von meist sehr jungen Menschen, die bald weiterzogen. Er habe die Zeit als sehr spannend empfunden, sagt Lauterburg. Seine Erfahrung und das Hintergrundwissen habe er einspeisen können, «das, was vor ihrer Geburt passierte». Sie hätten Selbstverständlichkeiten infrage gestellt und keck gefragt. «Sie hielten mich in Bewegung.» Heute ist Schluss. Doch Lauterburg wird im Medienbereich weiterhin anzutreffen sein, in der Ausbildung, als Moderator von Veranstaltungen, als Gestalter von Internetseiten – aber nur wenige Stunden pro Tag, «dosiert», wie er versichert. Er habe fest vor, seine Zeit künftig selbst einzuteilen. «Ich werde die Freiheit sehr geniessen, mit Lilo einige Tage am Stück eine unbekannte Landesgegend zu erkunden.» (Der Bund)

Erstellt: 30.04.2013, 11:39 Uhr

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