Berns Verantwortung in Syrien

Wer sich in Syrien auf die Spur der Nothilfe des Kantons Bern begibt, stösst auf christliche Nächstenliebe – 
und auf Fragen nach der moralischen Verantwortung des Geldgebers.

Binnenflüchtlinge beim Wasserholen im Nordosten Syriens: Ihre Zahl wird auf eine halbe Million geschätzt.

Binnenflüchtlinge beim Wasserholen im Nordosten Syriens: Ihre Zahl wird auf eine halbe Million geschätzt.

(Bild: Manu Friederich (Archiv))

Es ist ein heisser Sommertag im Nord­osten Syriens, und die muslimischen Witwen, die sich vor der evangelischen Kirche in einem Städtchen nahe der ­irakischen Grenze einfinden, sind froh, dass sie für ihre Hilfspakete nicht Schlange stehen müssen. Da spielt es auch keine Rolle, dass die Unterstützung aus den Händen syrischer Christen kommt: «Hilfe ist Hilfe», sagt eine ältere Frau in weitem Gewand, den Kopf von dunklem Tuch umhüllt. Sie lässt sich bereitwillig mit der schwarzen Plastiktüte ablichten, in der Öl, Tomatensauce, ­Spaghetti und weitere Lebensmittel stecken. Dann geht sie ihres Weges, in einem Monat wird sie wiederkommen.

2013 spendete der Kanton Bern 100'000 Franken aus dem Lotteriefonds an ein Projekt der gemeinnützigen und christlichen Stiftung Hoffnungsnetz, die Notleidende in Syrien unterstützt. Die Hilfe wird über das Hilfswerk Hilfe für Mensch und Kirche (HMK) mit Sitz in Thun ausgerichtet; bis im Herbst soll das Projekt andauern. Weitere 100'000 Franken flossen über die gleiche Stiftung in den Libanon, wo syrische Flüchtlinge durch die Partnerorganisation ­Aktion für verfolgte Christen und Not

Kirchenkritische Grossrätinnen äusser­ten auf die Spende hin Bedenken zur neuen Vergabepraxis des Lotteriefonds, die seit 2013 auch Hilfswerke ohne Zewo-Zertifizierung berücksichtigt, so diese denn dem Ehrenkodex der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA) angeschlossen sind. Dass die Organisation AVC die Verbreitung des christlichen Glaubens in ihren Statuten explizit als Ziel nennt, trug womöglich zum Misstrauen bei – trotz Versicherungen seitens der Organisation, dieses Ziel im Libanon nicht aktiv zu verfolgen.

Überkonfessionelle Hilfe

Für die Spende des Lotteriefonds gilt die Bedingung, dass die Hilfe ohne Ansehen der politischen, ethnischen und religiösen Zugehörigkeit der Bedürftigen verteilt wird und auch keinen andern Zielen als der Nothilfe zudient. HMK, darauf lässt die Recherche vor Ort schliessen, wird dieser Voraussetzung gerecht: Dass die Organisation in Syrien nicht etwa nur Christen unterstützt, verdeutlichen nicht nur die Musliminnen, die vor den Augen des Journalisten ihre Nahrungsmittel entgegennehmen. Auch Mitarbeiter internationaler Hilfswerke, die gleichenorts tätig sind, bezeugen dies.

Zu fragen ist indes nicht nur, bei wem die Hilfe letztlich landet – es zählt auch, wer sie ausrichtet, denn Kontrolle über Hilfsgüter bedeutet in Konfliktgebieten stets auch Macht. HMK arbeitet laut Projektbeschrieb in Syrien mit «überkonfessionellen lokalen» Partnern zusammen – Hilfe zur Selbsthilfe ist das Motto. Auch weil die Situation an den Grenzen zur Türkei und zum Irak unberechenbar ist, kann man Hilfsgüter nicht aus dem Ausland einführen. Stattdessen kaufen die Partner Güter auf dem lokalen Markt ein: zum Beispiel Essenspakete, Kindernahrung, Medikamente.

Über 15'000 Personen beliefert HMK nach Angaben ihres Nahost-Projektleiters Schwab so monatlich. Die Kantonsspende reicht dafür nicht aus: Das Hoffnungsnetz hat 2013 mehr als 800'000 Franken Spendengelder für Syrien zusammengetragen, überwiegend aus kirchlichen Kreisen. Pro Monat, so rechnet Schwab vor, verteile man Güter im Wert von rund 100'000 Franken. HMK besucht die ­Bedürftigen in der Regel in deren Unterkünften, um ihre Situation vor Ort zu überprüfen. Der Check, ob eine Person tatsächlich Hilfe braucht, umfasst auch Gespräche mit den Familien und Nachbarn sowie die Prüfung behördlicher Register. «Die Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden ist gut», sagt Schwab.

HMKs syrische Partner umfassend unter die Lupe zu nehmen, ist dem Journalisten nicht möglich, arbeiten sie doch auch in Regionen wie Aleppo, deren Besuch für Auswärtige gefährlich sein kann. Die Initiative für die Nothilfe ging ursprünglich allerdings von einer evangelischen Allianz aus, deren Vertreter man in einer Kleinstadt nahe der irakischen Grenze findet. Der Projektverantwortliche für die Region ist abwesend, doch trifft man den Gemeindepfarrer jener kleinen Kirche an, deren Mitglieder die lokale Hilfe ausrichten.

Aus Muslim wird Christ

Pfarrer Hasim ist ein gedrungener Mann. Sein Gesicht strahlt Überzeugung aus, und wenn er lächelt, liegt Zuversicht in seinen Augen. Kerzengerade sitzt er trotz drückender Hitze hinter seinem Bürotisch, rechts und links stapeln sich in Gestellen Infobroschüren zum christlichen Glauben. Natürlich «teile» man den eigenen Glauben auch mit Andersgläubigen, wie dies ja auch Muslime machten. «Täten wir das nicht, wären wir keine Christen», findet der Geistliche. «Halleluja!», bekräftigt ein Anwesender laut – ein schmächtiger Mann mit schmaler Brille auf der Nase.

Mit den evangelischen Christen hat HMK einen Partner gewählt, der in manchen Teilen der Gesellschaft polarisiert. Rund 100'000 Christen leben noch im syrischen Nordosten, in den von Kurden kontrollierten Gebieten stellen sie etwa 15 Prozent der Bevölkerung. Das Gros davon sind allerdings Assyrer, Chaldäer und Aramäer, die Evangelischen bilden eine kleine Minderheit. Von der dominanten und als regimenah geltenden assyrischen Kirche unterscheiden sie sich nicht zuletzt, weil sie ihre Religion auch an Andersgläubige herantragen.

Die religiösen Spannungen sind im Nordosten Syriens nicht so offensichtlich wie in andern Landesteilen. Die kurdisch dominierten Sicherheitskräfte halten ihre Hand über den religiösen Frieden, und die junge teilautonome Regierung bemüht sich, die Christen einzubinden. Bröckelt diese Macht, ist der Friede fragil: Die Terrormiliz des Islamischen Staates (IS), gegen den die syrischen Kurden seit zwei Jahren an mehreren Fronten kämpfen, hat auch unter den Arabern der kurdisch kontrollierten Gebiete Anhänger. Die Christen wiederum sind in zwei Lager zersplittert, Regierungstreue und Anhänger der neuen Regierung; beide unterhalten eigene Milizen.

Angst vor dem Schäfchenstehlen

Sind die evangelischen Christen in einem solchen Umfeld geeignete Hilfspartner? HMK-Projektleiter Schwab räumt ein, dass die Zusammenarbeit gerade mit der assyrischen Kirche in der Vergangenheit nicht immer einfach gewesen sei. Diese habe versucht, evangelische Kirchen zu schliessen, die Hilfe der Schweizer Organisation habe sie zunächst nicht unterstützen wollen. «Vielleicht hatten sie Angst, die Protestanten würden ihnen die Schäfchen stehlen», mutmasst Schwab. Das Reizwort «Mission» will man bei HMK im Zusammenhang mit den einheimischen Partnern indes nicht verwendet sehen. Der Projektleiter, der seit vielen Jahren im Mittleren Osten arbeitet, bekundet Mühe mit dem Begriff: «So etwas wie religiöse Neutralität gibt es in der arabischen Welt ohnehin nicht.»

Religion sei hier zentraler Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens und könne nie ausgeklammert werden. Auch die HMK-Partner würden früher oder später stets nach ihrer religiösen Überzeugung gefragt. Schwab findet, diese sollen selbst entscheiden, inwiefern sie ihre religiöse Überzeugung gegenüber Mitmenschen kundtun wollen. Weshalb die Christen denn polarisieren würden, fragt er rhetorisch, um gleich selber zu antworten: «Weil manche arabische Muslime den Gedanken nicht akzeptieren können, dass Religion frei wählbar und nicht angeboren ist.» Religionsfreiheit, so fordert der Schwab, muss jedem zugestanden werden. «Es ist ein grund­legendes Menschenrecht.»

HMK sei deshalb bestrebt, überkonfessionelle Zusammenarbeit vorzuleben. Mit einigem Erfolg: Auch in den arabisch dominierten Dörfern der kurdisch kontrollierten Region kann die Organisation Hilfe leisten. Die Hilfe über die Front tragen, in die vom Islamischen Staat kontrollierten Gebiete, wo die humanitäre Situation nach Einschätzung von Experten mindestens so prekär ist, kann HMK allerdings nicht. «Wir haben Mitarbeiter verloren, die das versucht haben», sagt Schwab.

Keine Kantonsbeamten in Syrien

In Bern ist man gewillt, Verantwortung zu übernehmen – auch in Katastrophen, die sich weit weg von der Schweiz ereignen. Nur, wo endet diese Verantwortung? Ist es mit der Finanzspritze und dem Vertrauen in ein Gütesiegel getan? Oder müsste der Lotteriefonds aktiv nach geeigneten Organisationen suchen und deren Arbeit vor Ort evaluieren? Der Besuch in Syrien zeigt, dass der ­Lotteriefonds nur schwer selber prüfen kann, wo sein Geld tatsächlich landet. HMK wird nach Projektende einen Schlussbericht einreichen, anhand dessen nimmt man in Bern die Evaluation vor.

Dass je ein Kantonsbeamter nach Syrien reisen wird, ist nicht vorstellbar. Man könne nicht jede Organisation selber überprüfen, sagte Rico Galli, Leiter des Lotteriefonds, gegenüber dem «Bund» schon im Januar. Also orientiert man sich an Zertifikaten und vertraut darauf, dass die Organisationen ihr Geld so verwenden, wie sie das angeben. Galli erinnert daran, dass der Lotteriefonds auch kein gesetzliches Mandat hat, aktiv nach geeigneten Organisationen zu suchen. Selektiert wird aus den eingereichten Projekten.

Wäre es da nicht sinnvoller, die Hilfe zum Beispiel an den Bund auszulagern, der über die Mittel für die aufwändigen Evaluationen vor Ort verfügt? Der Lotteriefonds berücksichtige häufig Projekte, welche bereits durch die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) unterstützt würden, antwortet Galli. Heuer trifft dies auf 5 von 21 Projekten zu.

Nachhaltige Hilfe

In Syrien interessiert man sich weder für Gütesiegel noch für Schweizer Politik. Die Witwen in der grenznahen Kleinstadt beschäftigt eher die Frage, wie sie den nächsten Monat überstehen, ohne Hunger zu leiden. Denn Hunger wird in Syrien gelitten, selbst im verhältnismässig ruhigen Nordosten. Die Isolation hat hier in eine wirtschaftliche und humanitäre Misere geführt: Aufgrund politischer Differenzen lassen die benachbarte Türkei und die irakische Region Kurdistan weder Handelsgüter noch Flüchtlinge über ihre Grenzen. Schätzungsweise eine halbe Million Inlandflüchtlinge kommen im Nordosten inzwischen auf gut vier Millionen Einwohner.

Nicht nur sind Nahrung und Wasser knapp und sehr teuer, es gibt auch kein Chlor und keine Filter mehr, um Letzteres zu säubern. Der Chefarzt eines Militärspitals in Qamischli bestätigt, dass man bereits kleinere Cholera-Ausbrüche bekämpfe. «Kommt es zu einer Epidemie, wird sie fatal.» Seit Monaten sei keine neue Medizin mehr eingetroffen, über die Hälfte der Ärzte sei emigriert. Humanitäre Hilfe gelangt nur sehr spärlich und unter grossen Schwierigkeiten ins Land; keine zehn Hilfswerke sind im Nordosten Syriens derzeit tätig.

Wer in Syrien recherchiert, der kann nur zu einer Antwort finden: Jede Hilfe zählt. Spielt es da überhaupt eine Rolle, ob man sich in Europa dafür interessiert, wo das Geld genau landet? HMK leiste «nachhaltige Hilfe» für Syrien, lässt die Organisation verlauten. Man wolle diese weiterführen, «solange die Inland-Flüchtlinge und die Bedürftigen sich nicht selber versorgen können». Und der Kanton Bern? Von den 1,8 Millionen, die heuer aus dem Lotteriefonds an die Entwicklungshilfe gehen, sind keine Gelder für die vom Krieg betroffenen Syrer vorgesehen. Das Reglement des Lotteriefonds erlaubt keine wiederkehrenden Beiträge.

Sensible Orts- und Personennamen wurden zum Schutz der Betroffenen verändert oder weggelassen.

DerBund.ch/Newsnet

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