Berner Regierung fürchtet teure BLS-Offensive

Im Streit um den Fernverkehr wünscht der Regierungsrat insgeheim einen Deal mit den SBB.

Die BLS möchte künftig ab Bern auch auf dem Fernverkehrsnetz fahren.

Die BLS möchte künftig ab Bern auch auf dem Fernverkehrsnetz fahren. Bild: Franziska Rothenbühler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Greift nun Bundespräsidentin Doris Leuthard (CVP) in den Streit zwischen den SBB und der BLS um die Fernverkehrslinien ein? Geht es nach dem bernischen Regierungsrat, soll das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) die Verhandlungen zwischen den zwei zerstrittenen Bahnunternehmen leiten. «Das Thema verlangt politische Aufmerksamkeit und eine politische Lösung», heisst es in einer Mitteilung vom Donnerstag.

Die Regierung drängt auf eine Einigung zwischen SBB und BLS. Das Angebot der SBB an die BLS: Statt der Fernverkehrslinien Brig–Lötschberg–Basel und Verbindungen nach Interlaken-Ost erhielte die BLS die weniger attraktiven Interregio-Linien nach Olten, Biel und La Chaux-de-Fonds – würde aber für den Betrieb der Linien von den SBB entschädigt. Das Risiko wäre kleiner als im Fernverkehr. Zusätzlich bieten die SBB bei dieser Variante gemeinsame Werkstattkapazitäten an – so müsste die BLS die umstrittene Werkstätte Chliforst im Stadtberner Westen nicht bauen.

Angst vor dem Risiko

Wenn die Regierung auf eine Einigung pocht, heisst das, dass der Regierungsrat die Offensiv-Strategie der BLS im Fernverkehrsbereich nicht unterstützt? Offiziell äussert Verkehrsdirektorin Barbara Egger-Jenzer (SP) keine Bedenken zu den BLS-Ambitionen. Direkte Linien nach Brig, Basel und Interlaken-Ost könnten für den Kanton durchaus eine Chance sein, so Egger (siehe Interview in der Box). Der Regierungsrat begrüsse grundsätzlich die Idee des Wettbewerbs im Fernverkehr.

Hinter den Kulissen klingt es anders: Dem Vernehmen nach ist die Haltung im Gremium gegenüber der BLS-Expansionsstrategie keineswegs unkritisch. Man fürchtet sich vor dem finanziellen Risiko, das der Kanton und die BLS mit den neuen Angeboten auf sich nehmen würden. Falls die BLS den Zuschlag für die gewünschten Linien bekommt, müsste sie wohl massiv in Rollmaterial investieren. Die einzigen Zahlen, die vorliegen, sind diejenigen, welche die SBB im Schreiben an die BLS vorlegten.

So rechnen die SBB der BLS vor, dass sie für den Betrieb der Linien neues Rollmaterial für 550 Millionen Franken anschaffen müssten, sich die Umstellungskosten auf 20 bis 40 Millionen Franken belaufen würden und 300 bis 380 Mitarbeiter von den SBB zur BLS wechseln müssten. Zudem seien die Linien nur mit einem jährlichen Verlust von zwischen 10 und 50 Millionen Franken zu betreiben. Es sind dies allerdings Berechnungen der SBB als Verhandlungspartei.

BLS hält Ambitionen aufrecht

Die BLS lässt sich von den Überlegungen der SBB jedenfalls weiterhin nicht beeindrucken. In einer Mitteilung vom Donnerstag mit dem Titel «BLS bereit für den Fernverkehr» schreibt sie zwar, sie begrüsse den Vorschlag des Regierungsrates, die Neuvergabe der Fernverkehrslinien unter der Leitung des Uvek neu aufzugleisen. Aber auch: Sie sei aber weiterhin bereit, sich in einem Konzessionsverfahren der SBB zu stellen.

Die eigene Beurteilung der BLS belege einerseits die Wirtschaftlichkeit und die Sinnhaftigkeit der Marktöffnung – sowie die Eignung des Unternehmens, «solche Strecken mit Gewinn für den öffentlichen Fernverkehr in der Schweiz zu betreiben». Wie die Bahn den finanziellen Gewinn für sich einschätzen würde und was sie von den Berechnungen der SBB hält, dazu äussert sich die BLS auf Anfrage mit Verweis auf die laufenden Verhandlungen nicht.

Und was sagt das Uvek? Man habe vom Brief der Berner Regierung «Kenntnis genommen», heisst es auf Anfrage. Ob das Departement auf die Forderung des Kantons eingehen will, lässt es offen. «Wir werden das Anliegen der Berner Kantonsregierung genau analysieren.» Das Uvek sei sich des Interesses verschiedener Bahnunternehmen für die Fernverkehrskonzessionen und der Bedeutung des öffentlichen Verkehrs für die Schweiz «sehr bewusst», heisst es.

Das Generalsekretariat als Eigentümer-Vertreter habe sich darum vor dem Sommer auch schon mit Vertretern von SBB und BLS getroffen, «weil es sich um ein zentrales Thema handelt». Allerdings schreibt das Uvek auch: «Die Zuständigkeit für die Erteilung der Fernverkehrskonzessionen liegt beim Bundesamt für Verkehr.»

Die SBB selbst gibt sich in ihrer Stellungnahme erwartungsgemäss verhandlungsbereit: «Wir streben ein Kooperationsmodell an», schreibt Mediensprecher Christian Ginsig. Man sei «für jede Unterstützung offen, welche die Situation rasch im Rahmen des bestehenden Verfahrens» kläre. (Der Bund)

Erstellt: 17.08.2017, 21:12 Uhr

Regierungsrätin Barbara Egger-Jenzer (SP) ist Verkehrsdirektorin des Kantons Bern und Vertreterin des Kantons im Verwaltungsrat der BLS.

«Der Konflikt schadet dem ÖV»

Frau Egger, was erhofft sich der Regierungsrat von Verhandlungen unter der Leitung des Eidgenössischen Departements für Verkehr?


Der Prozess muss auf eine neue, politische Ebene gehoben werden. Auf fachlicher Ebene zwischen den Bahnen und dem Bundesamt für Verkehr ist keine Lösung mehr möglich. Es schadet auch dem Ansehen des öffentlichen Verkehrs in der ganzen Schweiz, wenn die beiden Hauptbahnen miteinander im Streit liegen.

Wie könnte eine vom Regierungsrat in der Medienmitteilung geforderte politische Lösung aussehen?


Es wäre vermessen, wenn wir hier schon eine konkrete Vorstellung formulieren würden. Wir wollen es dem Uvek überlassen, eine Lösung zu erarbeiten.

Wie schätzen Sie als Vertreterin des Regierungsrates im BLS-Verwaltungsrat das Kooperationsangebot der SBB ein?


Das eine, klare Angebot gibt es nicht. Es sind viele verschiedene Angebote auf verschiedenen Ebenen vorhanden. Und das Angebot, dass die SBB im Brief an die BLS formuliert haben, ist sehr vage. Es ist nicht am Regierungsrat, dazu Stellung zu nehmen.

Wie stehen Sie zum geforderten Vorkaufsrecht der SBB auf die BLS-Aktien?


Diese Diskussion um einen Aktienverkauf ist Sache der Eigentümer, also zwischen Bund und Kanton, und nicht Sache der Bahnen selbst.

Welche Haltung hat der Regierungsrat als Hauptaktionär zur Strategie der BLS mit den Linien Brig–Lötschberg–Basel und Interlaken-Ost sowie zum Bau einer Werkstätte im Chliforst?


Der Regierungsrat begrüsst grundsätzlich die Idee des Wettbewerbs im Fernverkehr. Direkte Linien nach Brig, Interlaken-Ost und Basel könnten für den Kanton eine Chance sein. Sie würden den Kanton Bern besser erreichbar machen. Davon würde die ganze Schweiz profitieren. Wenn der Regierungsrat jetzt das Uvek als Vermittlerin einschalten will, tut er dies aus Sorge um den öffentlichen Verkehr und die Reputation der beiden Bahnen. (zec)

Erfolg für Ticket-App der BLS

Besonders wenn man ein Tarifzonen-Billett lösen muss, ist die Wahl des günstigsten Tickets nicht immer einfach. Die BLS hat dafür die Smartphone-App Lezzgo entwickelt. Sie erfasst die gefahrene Strecke und berechnet nach der Fahrt den günstigsten Tarif. Wie die BLS gestern bekannt gab, übernimmt der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) das System ab 2018. Damit rückt die vom Bund geforderte Einheitslösung zur automatischen Reiseerfassung etwas näher. Denn neben dem Libero-Tarifverbund und dem ZVV nützen bereits der Innerschweizer Verbund Passepartout sowie drei Westschweizer Tarifverbünde das System. Die SBB haben hingegen jüngst angekündigt, eine eigene App in Konkurrenz zu Lezzgo zu entwickeln. Auch die von einem Berner Jungunternehmen entwickelte App Fairtiq buhlt um die Gunst der Passagiere. (sul)

Artikel zum Thema

Nervenflattern rund um SBB-Offerte und BLS-Pläne im Chliforst

Die mögliche gemeinsame Werkstätte von SBB und BLS gibt zu reden. Doch wo könnte diese überhaupt stehen? Ein Insider tippt auf Biel. Mehr...

Wie die SBB-Präsidentin um die Vormacht im Fernverkehr kämpft

Die Bundesbahnen wollen der BLS ihre grossen Pläne für den Fernverkehr ausreden – und offerieren ihr dafür einen Kuhhandel. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von DerBund.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von DerBund.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Die Welt in Bildern

Wer wird Präsident? Ein traditionell gekleideter Chilene, ein sogenannter Huaso, verlässt nach seiner Stimmabgabe in Santiago die Wahlkabine. (19. November 2017)
(Bild: Esteban Felix/AP) Mehr...