Bern tanzt auf zwei Hochzeiten

Dank seiner Zweisprachigkeit ist der Kanton Bern auch in der Westschweiz mit von der Partie. Dies wäre infrage gestellt, falls der Berner Jura sich verabschieden sollte. Doch was nützt die Doppelrolle dem Kanton?

Die Regierungsräte Bernhard Pulver und Philippe Perrenoud werben vor der Jura-Abstimmung für einen zweisprachigen Kanton Bern.

Die Regierungsräte Bernhard Pulver und Philippe Perrenoud werben vor der Jura-Abstimmung für einen zweisprachigen Kanton Bern.

(Bild: Valérie Chételat)

Simon Thönen@SimonThoenen

Bernische Politiker sehen die Zweisprachigkeit des Kantons in Gefahr, falls das Volk des Berner Juras am 24. November für ein Zusammengehen mit dem Kanton Jura votieren sollte. So warnt etwa der Präsident des Bernjurassischen Rats, Christophe Gagnebin: «Wir hätten dann nicht einen neuen welschen Kanton mehr, sondern einen zweisprachigen weniger – es wäre ein schlechtes Signal für die Schweiz.» Denn der Kanton Bern spiele vor allem dank seiner Zweisprachigkeit die Rolle eines Brückenkantons zwischen der Deutsch- und der Westschweiz. So wirbt der Regierungsrat für ein Nein zu einem Grosskanton Jura.

Dass dieses traditionelle bernische Selbstverständnis im Abstimmungskampf beschworen wird, versteht sich. Doch: Was bringt es dem Kanton? Der Nutzen liegt darin, dass Bern – wie die ebenfalls zweisprachigen Kantone Freiburg und Wallis – die Möglichkeit hat, auf zwei Hochzeiten zu tanzen: Zwar gehört der grossmehrheitlich deutschsprachige Kanton sicher zur Deutschschweiz – aber wegen seiner frankofonen Minderheit und der offiziellen Zweisprachigkeit eben auch zur Romandie.

Lobby-Achse Romandie-Bern

Und dies hochoffiziell: Bernische Regierungsräte sitzen in allen Fachkonferenzen der Romandie mit am Tisch. So auch bei der Westschweizer Regierungskonferenz, die 2010 bis 2011 vom bernjurassischen Regierungsrat Philippe Perrenoud (SP) präsidiert wurde. Bern ist quasi der siebte Kanton der Romandie. Natürlich wäre es vermessen, sich offiziell als solchen zu bezeichnen. Doch auf Regierungs- und Verwaltungsebene funktioniert Bern auch als Mitglied des Westschweizer Clubs.

Dies durchaus zum eigenen Vorteil. Das bekannteste Beispiel ist die erfolgreiche Allianz Bern-Wallis-Westschweiz für den Lötschberg-Ast der Neat. Im öffentlichen Verkehr spielt die Achse weiterhin: Die bernischen Anliegen zur Bahnfinanzierungsvorlage Fabi wie der Ausbau des Berner Bahnhofs und das dritte Gleis zwischen Gümligen und Münsingen waren Teil des Pakets, das die Westschweiz forderte. Dass Bern im Gegenzug die Westschweizer Projekte unterstützte, ist logisch. Ebenso, dass Bern sich für Frühfranzösisch statt Frühenglisch in der Schule entschied. Denn Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) ist ja bereits im eigenen Kanton Schirmherr über ein doppeltes Schulsystem, das im Berner Jura, in Biel und in bescheidenem Umfang in der Stadt Bern auch in einer frankofonen Version existiert. Zudem ist die bernische Kulturpolitik zweisprachig.

Die feste Einbindung Berns in die Institutionen der Westschweiz erleichtere es, bei Bedarf persönliche Kontakte zu aktivieren, sagt Thomas Moser. Er ist der Beauftragte für Aussenbeziehungen des Kantons Bern. Ebenso die Zweisprachigkeit von Politik und Verwaltung. «Westschweizer Regierungsräte schätzen es, wenn sie zum Beispiel einen Beschluss unserer Regierung auf Französisch im Internet lesen können», sagt Moser.

Als ein Beispiel für erfolgreiches gemeinsames Lobbying nennt er den Kampf des damaligen Finanzdirektors Urs Gasche (BDP) und seines Waadtländer Kollegen Pascal Broulis (FDP) gegen die Vorgabe des Bundes, dass kantonale Pensionskassen voll auszufinanzieren seien. «Die Zusammenarbeit mit Gasche war exzellent», lobt Broulis. Gemeinsam habe man Vorgaben verhindert, die für die Steuerzahler der beiden Kantone eine grosse Belastung gewesen wären.

Aber eigentlich will der Kanton Bern in der Schweiz mehr sein als nur ein erfolgreicher Vertreter seiner Interessen. Ist das im Vorfeld der Jura-Abstimmung gern beschworene Selbstbild des Brückenkantons zwischen Deutsch- und Westschweiz Wunschdenken oder Realität? «Es ist beides», sagt der Waadtländer Broulis, der als Präsident der Konferenz der Kantonsregierungen (KdK) einen guten Überblick hat.

Bern könnte Rolle besser spielen

Natürlich sei Bern als grosser Kanton an der Sprachgrenze wichtig, sagt Broulis. Allerdings sei die Funktion eines Brückenkantons ein sehr hoher Anspruch, betont er diplomatisch. Man müsse sie mit «Bescheidenheit und Intelligenz» wahrnehmen. «Wenn Bern diese Rolle spielen will, muss der Kanton überdurchschnittlich präsent sein.»

Er begrüsst zwar den jüngsten Anlauf Berns und weiterer vier Kantone, eine nationale Rolle zu spielen: die Hauptstadtregion Schweiz. Nicht glücklich ist er allerdings mit dem Namen, den er für verfehlt hält. «Bern ist Bundesstadt, nicht Hauptstadt. Denn die Schweiz ist ein Bund von Mikrostaaten.»

Als KdK-Präsident ist Broulis «durchaus zufrieden mit dem Kanton und auch der Stadt Bern». Beide könnten jedoch mehr tun, sagt er. «Ereignisse mit grosser Ausstrahlung sind zu selten.» Vor allem die Stadt Bern könne mehr aus ihrer Mehrsprachigkeit machen. Zur Jura-Frage will Broulis sich nicht äussern, er findet aber: «Unabhängig davon, ob der Berner Jura bei Bern bleibt, sollten Kanton und Bundesstadt alle Hebel in Bewegung setzen, um den Trumpf der Mehrsprachigkeit zu nutzen.»

Aber: Mittlerrolle würde vermisst

Anders als Bern hat der Nachbarkanton Freiburg einen eigentlichen Leuchtturm der Zweisprachigkeit: die Universität, die sowohl auf Deutsch wie auf Französisch funktioniert. Dort lehrt Professor Peter Hänni, Direktor des Instituts für Föderalismus. «Die Brückenfunktion von Bern ist zunächst einmal ein Schlagwort», sagt er. Richtig sei, dass «die Berner von ihrem Selbstverständnis her nach Westen orientiert sind». Die Westschweizer Kantone würden umgekehrt Bern bis zu einem gewissen Punkt als Mittlerkanton wahrnehmen. «Man redet sicher auch mit Bern, wenn man ein Problem von regionaler Bedeutung hat.»

Aber: «Dass Bern eine ausgleichende Funktion hat, würde man vielleicht erst so richtig bemerken, wenn der Kanton diese Rolle nicht mehr spielt.» Dann zum Beispiel, wenn Bern sich nicht mehr oder nur noch widerwillig als zweisprachiger Kanton verstehen würde. «Dies würde sich auf die Schweiz nicht gut auswirken», sagt Hänni.

Der Bund

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