Bern ist nur selten erste Wahl

Berner Studierende gehen gerne für ein Semester ins Ausland – doch nur wenige Austauschstudenten kommen an die Uni Bern. Das hat mit dem starken Franken zu tun, aber auch mit der tiefen Bekanntheit im Ausland.

Der US-Student Rolando Travieso bekam für seinen ersten Aufenthalt ein Stipendium von der Universität Bern.

Der US-Student Rolando Travieso bekam für seinen ersten Aufenthalt ein Stipendium von der Universität Bern. Bild: Franziska Rothenbühler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Eigentlich wollte ich nach Neuseeland oder Island», sagt Rolando Travieso. Die Schweiz sei nur seine dritte Wahl gewesen. Der Masterstudent in Anglistik kommt aus den USA und hat bereits 2015 einen ersten Austausch in Bern absolviert. Die Schwedin Ólöf Sigmundsdóttir studiert die deutsche Sprache im Bachelor. Die Schweiz sei nicht ihre erste Priorität gewesen, sagt sie. Lieber wollte sie nach Österreich.

50 Personen tummeln sich beim Progr in Bern, als sich die Freiwilligen vom Erasmus Students Network Bern mit den neuen Austauschstudierenden des Herbstsemesters zum gemeinsamen Umtrunk treffen. Viele Neuzugänge sind erst vor einigen Tagen angekommen. Wie Travieso und Sigmundsdóttir scheint es den meisten Anwesenden zu gehen – viele wollten ursprünglich in andere Länder. Bern hat zurzeit bei fast 18'000 Studierenden nur knapp 200 Austauschstudenten. Doch warum wollen so wenige nach Bern?

Keine Steigerung

Nachdem 2014 die Zuwanderungsinitiative vom Schweizer Stimmvolk angenommen wurde, ist die Schweiz kein Mitglied mehr des europäischen Austauschprogramms Erasmus+. Für Studierende bedeutet dies, dass sie nicht ohne weiteres an europäischen Universitäten studieren können und im Gegenzug keine europäischen Studierenden in die Schweiz kommen.

Universitäten und Hochschulen suchten deswegen individuell das Gespräch mit internationalen und europäischen Hochschulen, um mit ihnen im Rahmen des sogenannten Swiss-European Mobility Programme Verträge abzuschliessen. Diese Übergangslösung sei mühsamer und zeitaufwendig für die betreffenden Hochschulen, weil die Partner oft nur einjährige Verträge statt wie theoretisch üblich mehrjährige Verträge abschliessen wollten, sagt Ellen Krause, Verantwortliche des International Office der Universität Bern.

Doch das Schlimmste konnte so abgewendet werden: «Die Uni Bern verzeichnete lediglich einen kleinen Einbruch.» Bern registrierte zwar keinen massiven Rückgang, aber in den letzten acht Jahren gab es auch keine Steigerung. «Dabei wäre eine solche wünschenswert», so Krause. Schweizweit gab es vor 2014 jährlich um 2600 Austauschstudierende, danach fiel die Zahl auf etwa 2480.

Derzeit schickt die Universität Bern mehr Studierende in die Welt hinaus, als sie aufnimmt. Austauschverträge müssen laut Krause aber ungefähr ausgeglichen genutzt werden, sonst werden sie für die Partnerunis uninteressant. Wenn mehr internationale Studierende ein Semester an der Universität Bern verbrächten, dann eröffne dies auch weiteren Berner Studierenden die Möglichkeit, ins Ausland zu gehen.

Was aber bedeutet die allgemein geringe Anzahl Austauschstudenten konkret für die Uni Bern? «Der internationale Austausch ist auch wichtig für die Forschung», so Krause. Im Rahmen einer Veranstaltung der Universität Bern diskutierten beispielsweise diesen August über 30 Studierende aus verschiedenen Ländern über Klimaforschung. «Amerikanische Studenten bringen einen anderen politischen Hintergrund mit in die Diskussion als Schweizer Studierende», sagt Krause.

Nicht alle Schweizer Studierenden könnten sich ein Auslandssemester leisten. Für diese Studierenden sei es bereichernd, an der Universität Bern mit Studierenden aus dem Ausland zusammenzutreffen. «Heute muss eine Universität eine internationale Veranstaltung mit lokaler Verankerung sein.»

Auch Zürich hat nicht mehr

Auch andere Schweizer Unis werden nicht von ausländischen Studierenden überrannt. An der Universität Basel waren in den letzten Semestern je rund 50 Austauschstudenten registriert. Aus einer Statistik der Universität Zürich – der mit Abstand grössten Schweizer Uni – geht hervor, dass dort in den letzten Jahren meist zwischen 200 und 230 Erasmus-Studierende pro Semester angemeldet waren.

Die Agentur Movetia ist seit Anfang 2017 damit beauftragt, die Übergangslösung für Erasmus+ in der Schweiz umzusetzen. Wie Amanda Crameri, Bereichsleiterin Tertiärstufe bei Movetia, mitteilt, sind einige europäische Hochschulen nicht bereit, ausserhalb des Rahmens von Erasmus+ zu kooperieren.

Dass die Schweiz kein Mitglied des Erasmus-Programms mehr ist, führt ausserdem dazu, dass Studierende im Ausland gar nicht wissen, dass sie in der Schweiz studieren könnten. Dieses Problem kennt auch Krause: «Unsere Forschungserfolge und die Lehrqualität der Uni Bern sind im Ausland zu wenig bekannt, da müssen wir unbedingt mehr Arbeit leisten.» Erkundigt sich ein europäischer Student selbst über einen möglichen Erasmus-Aufenthalt, ist die Schweiz im Promotionsmaterial der EU nicht aufgeführt, da sie nicht mehr Teil des europäischen Austauschprogramms ist.

Lob auf das Wohnheim

Laut Crameri von Movetia liegt die generell geringe Zahl der Austauschstudenten auch am starken Schweizer Franken, der die Schweiz als Studiendestination noch teurer macht.

Anglistikstudent Rolando Travieso aus den USA hatte bei seinem ersten Aufenthalt das Glück, von der Universität Bern ein Stipendium zu erhalten, womit anfallende Kosten wie die Miete gedeckt wurden. «Das Beste war das Studentenwohnheim Fellergut in Bümpliz.» Von anderen Austauschstudenten umgeben zu sein und mit ihnen auf Reisen die Schweiz zu entdecken, sei eines seiner Highlights gewesen. Damals hat es ihm so gut gefallen, dass er nach Bern zurückkam – jetzt wohnt er in der Länggasse und finanziert sich den Aufenthalt in Bern mit einem Nebenjob. (Der Bund)

Erstellt: 15.09.2018, 08:16 Uhr

Artikel zum Thema

Die Uni Bern im Kampf um die «klügsten Köpfe»

Bern gehört nicht zu den bekanntesten Städten. Das erschwert die Suche nach Top-Leuten für die Uni. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Bildungsreise

Wettermacher Der Name der Hose

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Vatikan: Bischöfe während der Heiligsprechung des Papstes Paul VI und des 1980 ermordeten Erzbischofs Oscar Romero aus San Salvador.(14. Oktober 2018)
(Bild: Alessandro Bianch) Mehr...