Bei der SP waren die Kandidatinnen die besseren Stimmenfänger

Nachlese zu den Grossratswahlen: Die SP hat mit Frauenlisten mehr Stimmen geholt als mit Männerlisten.

Die Stadtbernerin Ursula Marti holte am meisten Stimmen im SP-Lager.

Die Stadtbernerin Ursula Marti holte am meisten Stimmen im SP-Lager. Bild: Franziska Scheidegger

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Nach dem Vorbild der Nationalratswahlen haben die Sozialdemokraten dieses Jahr auch bei den Berner Grossratswahlen Ende März mit Frauen- und Männerlisten operiert, und zwar in sieben von neun Wahlkreisen. Einzig im Wahlkreis Oberaargau gab es nur eine SP-Liste, und im Emmental wurde der Aufteilung in «unteres» und «oberes Emmental» der Vorzug gegeben.

Mehr als nur eine Liste vorzulegen, hat den Vorteil, dass auf den Listen mehr Personal Platz findet. Und weil jede Kandidatin und jeder Kandidat auch ein gewisses Wählerpotenzial mitbringt, zahlt sich eine grössere Kandidatenzahl in der Regel auch mit einer höheren Stimmenzahl aus. Verglichen mit dem Resultat von 2010 hat die SP ihren Wähleranteil im vergangenen März zwar nur unwesentlich von 18,9 auf 19,1 Prozent steigern können, aber es ist doch zu vermuten, dass ihr diese Steigerung mit jeweils nur einer SP-Liste in den Wahlkreisen nicht gelungen wäre.

Berner Jura flop, Stadt Bern top

Wer die Resultate aus den Wahlkreisen und Gemeinden unter die Lupe nimmt, wird feststellen, dass sich die Stimmen für die SP ganz unterschiedlich auf die Frauen- und die Männerlisten verteilen. Das ist in der Tabelle dargestellt: Im Wahlkreis Berner Jura haben die Frauen nur 30,1 Prozent der SP-Stimmen geholt, im Wahlkreis Mittelland-Nord dagegen 58,0 Prozent und in der Stadt Bern sogar 59,6 Prozent. Über alle sieben Wahlkreise gerechnet kamen die SP-Frauenlisten auf 51,8 Prozent, sie haben insgesamt also etwas besser abgeschnitten als die Männerlisten.

Wie anzunehmen war, gab es in den Gemeinden der sieben Wahlkreise für die Frauen- und Männerlisten ganz unterschiedliche Resultate. In Tramelan im Berner Jura zum Beispiel kam die Frauenliste nur gerade auf 16,0 Prozent der SP-Stimmen, dagegen in Plateau de Diesse auf 59,6 Prozent. Im Wahlkreis Mittelland-Nord holte die Frauenliste in Jegenstorf 43,4 Prozent der Stimmen, in Bäriswil dagegen 66,9 Prozent.

Weniger Frauen, weniger Stimmen

Gibt es Erklärungen für die grossen Unterschiede zwischen den einzelnen Wahlkreisen und den einzelnen Gemeinden? Auf der Hand liegt die Vermutung eines Stadt-Land-Gefälles: je kleiner die Gemeinde (gemessen an den Stimmberechtigten), desto geringer der Stimmenanteil für die SP-Frauenliste. Dieser Zusammenhang existiert jedoch nicht, wie eine detaillierte Analyse (mittels Korrelationsrechnungen) der Gemeindeergebnisse ergibt. Auch die aufgeführten Beispiele weisen darauf hin, dass es ein Trugschluss wäre, in der Gemeindegrösse eine Erklärung zu suchen: Tramelan im Berner Jura ist erheblich grösser als Plateau de Diesse, Jegenstorf grösser als Bäriswil.

Eine Erklärung für das unterschiedliche Abschneiden von SP-Frauen- und Männerlisten in den Wahlkreisen liefert die Tabelle: Im Berner Jura, im Oberland und Biel/Seeland, wo die Frauenlisten schlechter abschnitten, hatte die SP weniger Frauen als Männer nominiert: Im Berner Jura kandidierten für die SP 6 Frauen und 12 Männer, im Oberland 8 Frauen und 14 Männer, im Wahlkreis Biel/Seeland 13 Frauen und 26 Männer. In den übrigen vier Wahlkreisen, in denen die Frauenlisten fast ebenso viele (Frauenlistenanteil in Thun 48,4 Prozent) oder mehr Stimmen holten wie die Männerlisten, waren jeweils gleich viele Kandidatinnen und Kandidaten nominiert worden.

Der Wohnort der Kandidatinnen und Kandidaten liefert Begründungen für Unterschiede in einzelnen Gemeinden: Aus Malleray im Berner Jura, wo die Frauenliste gerade auf 16,6 Prozent der Stimmen kam, stammte nur eine SP-Kandidatin, aber drei SP-Kandidaten. In Ostermundigen, wo die Frauenliste bloss 45,2 Prozent der Stimmen für die SP holte, kandidierten nur zwei SP-Männer für den Grossen Rat, unter ihnen mit Christian Zahler der ehemalige Gemeindepräsident. Ein Beispiel in der anderen Richtung liefert La Neuveville, wo eine ortsansässige Frau, aber kein Mann für die SP antrat. Hier kam die Frauenliste auf 59,3 Prozent der SP-Stimmen.

Vorteil mit Frauenlisten

Lohnt es sich für eine Partei, mit geschlechtergetrennten Listen anzutreten? Für eine grössere Partei wie die SP, wo für beide Listen gute Erfolgschancen bestehen (nur die SP-Frauenliste im Berner Jura ging leer aus), ganz gewiss. Bei den Berner Grossratswahlen 2014 haben die SP-Frauenlisten über alles gerechnet mehr Stimmen geholt als die Männerlisten. In Wahlkreisen, wo es umgekehrt war, ist dies gemäss dieser Analyse wohl vor allem darauf zurückzuführen, dass weniger Frauen als Männer nominiert worden waren.

Wenn aber Frauen unter vergleichbaren Bedingungen gleich viele oder mehr Stimmen machen als Männer, heisst das auch, dass der übliche Grund für die Präsentation von Frauenlisten, nämlich die Erhöhung der Präsenz von Frauen in einem Parlament, nicht mehr relevant ist. Bei der SP stimmen Männer und Frauen – vermutlich stellen sie unter der SP-Wählerschaft sogar die Mehrzahl – heute so, dass auf geschlechtergetrennte Listen eigentlich verzichtet werden könnte. Weil Frauenlisten aber auch ein Vehikel sind, um Frauenfreundlichkeit zu demonstrieren und mehr Kandidatinnen und Kandidaten zu nominieren, wird sich die SP wohl hüten, von dieser Errungenschaft wieder abzurücken. (Der Bund)

Erstellt: 15.06.2014, 11:58 Uhr

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