BKW sucht bei AKW-Sicherheit den Mittelweg

Diverse Massnahmen sollen die Sicherheit des AKW Mühleberg verbessern. Für Kritiker ist dies zu wenig.

Ohne Nachrüstungskonzept darf das AKW Mühleberg laut der Aufsichtsbehörde nicht bis 2019 betrieben werden.

Ohne Nachrüstungskonzept darf das AKW Mühleberg laut der Aufsichtsbehörde nicht bis 2019 betrieben werden.

(Bild: Archiv)

Simon Thönen@SimonThoenen

Die BKW hat der Atomaufsicht Ensi die Konzepte für Nachrüstungen des Atomkraftwerks Mühleberg eingereicht, wie sie gestern mitteilte. Die Nachrüstungen würden die «Sicherheit für den Betrieb bis 2019 weiter erhöhen», schreibt die BKW. Effektiv sind sie aber die Voraussetzung dafür, dass Mühleberg noch bis 2019, dem von der BKW gewünschten Abschalttermin, am Netz bleiben darf. Dies unter der entscheidenden Bedingung, dass das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) das Konzept der BKW gutheisst. Das Ensi wird in den kommenden Monaten über die Vorschläge der BKW entscheiden.

Kurze Rückblende: Am 30. Oktober 2013 entschied die BKW, dass sie ihr über 40-jähriges AKW aus finanziellen Gründen nicht mehr grundlegend nachrüsten wird. Im Gegenzug beschloss sie, es 2019 definitiv abzuschalten. Für die restlichen Betriebsjahre würden, so glaubte die BKW, kleine Verbesserungen der Sicherheit ausreichen. Ein Irrtum. Das Ensi wies die ersten Vorschläge der BKW als unausgereift zurück und setzte der BKW die Frist bis heute 30. Juni, um bessere Lösungen vorzuschlagen. Zugleich erlaubte das Ensi Abstriche an den ursprünglichen Forderungen.

Kühlwasserleitung erdbebenfest?

In diesem Spannungsfeld bewegen sich die gestern von der BKW gemachten Vorschläge. Nach Fukushima hatte das Ensi eine neue erdbebenfeste Kühlwasserversorgung für das AKW gefordert, die von der Aare unabhängig ist. Vorgesehen war eine solide Wasserleitung zur Saane. Im Herbst 2013 hatte die BKW stattdessen offeriert, Feuerwehrschläuche zur Saane zu legen – für das Ensi eine zu stark improvisierte Massnahme.

Nun will die BKW das bestehende Wasserreservoir Runtigenrain an die lokale Trinkwasserversorgung anschliessen. Aus dem Reservoir soll im Notfall über eine neue Leitung Wasser in das Notstandssystem Susan des Reaktors fliessen. Ist die neue Kühlwasserversorgung erdbebenfest? Sie werde nach der «Schweizer Norm SIA 261, Bauwerksklasse III gebaut», antwortet auf Anfrage BKW-Kommunikationschef Martin Schweikert. «Dies ist die höchste konventionelle Bauklasseneinstufung.»

Laut einem Informationsblatt des Bundesamtes für Umwelt sind Bauten dieser Norm erdbebenfest. Allerdings wohl nicht im nuklearen Sinn. Denn die SIA-Norm 261 ist auf Erdbeben mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:500 pro Jahr ausgelegt. Bei AKW gilt aber eine viel tiefere Wahrscheinlichkeit von 1:10 000 als erlaubtes Restrisiko. Das Reservoir Runtigenrain war bisher nicht als erdbebenfest klassiert. «Wir streben an, dass unsere Lösung auch vom Ensi als erdbebenfest klassiert wird», sagt Schweikert. Offen ist die Frage, ob das Ensi auf einer erdbebenfesten Lösung bestehen wird.

Kosten bleiben bei 15 Millionen

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der geforderten zusätzlichen Kühlung des Beckens mit den abgebrannten Brennstäben. Im Herbst 2013 schlug die BKW unter anderem vor, bis zur Abschaltung des AKW 2019 zu warten und dann das AKW-Kühlsystem auf das Becken, das auch nach der Abschaltung gebraucht wird, umzupolen. Nun will sie einen sogenannten Einhängekühler bauen, «so schnell wie möglich, hoffentlich bis 2015», wie Schweikert sagt. Jürg Aerni von der Organisation Fokus Anti-Atom ist skeptisch: «Es ist höchst fraglich, ob es sich dabei um ein vollwertiges Notkühlsystem handelt.»

Weiter kritisiert Aerni, dass die BKW nun auch auf weitere Zuganker zur Stabilisierung des rissigen Kernmantels verzichten will. Die Gefahr von Bränden und Überflutungen im Innern des AKW will die BKW mit diversen Änderungen und einer neuen Wassereinspeisung mindern. «Die BKW beschränkt sich auf das Minimum», kritisiert Aerni. Laut der BKW bleiben die Kosten der Nachrüstungen wie vor der Nachbesserung des Konzepts bei 15 Millionen Franken.

Die BKW hat gestern nicht alle Forderungen des Ensi erfüllt. Sie sollte auch aufzeigen, wie sie nach einem Unfall in Mühleberg radioaktiv verseuchtes Löschwasser zurückhalten könnte – in Fukushima ist dies bis heute ein enormes Problem. Die BKW bat um eine Fristverlängerung, das Ensi gewährte sie.

DerBund.ch/Newsnet

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